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Top Five – die besten Bücher rund um den Jazz Unsere Favoriten des Jahres 2022

Wer noch besser hören will, muss lesen. Oder zumindest: Es schadet nicht, wenn man es tut. Einige sehr spannende und höchst unterschiedliche Bücher über Jazz und rund um den Jazz sind 2022 erschienen. Über Musiker und Bands wie Pat Metheny und Weintraubs Syncopators, das Phänomen Free Jazz und über das Abenteuer des Entdeckens von Musik. Hier fünf Lese-Empfehlungen, mit denen man musikhistorische Kenntnisse oder einfach nur den Hör-Horizont erweitern kann.

Albrecht Dümling

Mein Gorilla hat 'ne Villa im Zoo. Die Weintraubs Syncopators zwischen Berlin und Australien
ConBrio Verlagsgesellschaft
232 Seiten
24,90 Euro

Buch-Cover Mein Gorilla hat 'ne Villa im Zoo | Bildquelle: ConBrio Verlagsgesellschaft Bildquelle: ConBrio Verlagsgesellschaft Sie waren die beste Jazz- und Showband aus dem Berlin der 1920er- und frühen 1930er-Jahre. Sie mischten frühen Jazz mit Klassik-Parodien, Cabaret-Chansons, Wiener Walzern und anderen Klangfarben, mischten Musik mit komödiantischen Aktionen, wozu auch gehörte, dass sie im fliegenden Wechsel die unterschiedlichsten Instrumente in der Band zirkulieren ließen, Tierstimmen imitierten, auf dem Boden liegend Blasinstrumente spielten und auch Küchegeräte klingend zum Einsatz brachten. Wegen ihrer mitreißenden Bühnenwirksamkeit waren sie an der Seite Josephine Bakers in der Revue "Bitte einsteigen" zu erleben und in berühmten Spielfilmen wie "Der blaue Engel" oder dem Hans-Albers-Streifen "Heute kommt’s drauf an" zu sehen. Sie nannten sich Weintraubs Syncopators – nach dem Schlagzeuger und Gründer der Band, Stefan Weintraub, und nach der Synkope, einem Stilmittel der rhythmischen Verschiebung. Ihr Erfolg konnte aber nicht lange währen. Denn zum einen wurde der Jazz mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zur verpönten Musik. Und zum anderen waren die Mitglieder dieser Band allesamt jüdischer Abstammung und wurden als "Nichtarier" mit Auftrittsverbot belegt.

DIE LUST AN MUSIKALISCHEN STECKNADELN

Die bewegende Geschichte dieser Band schildert der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling in dem 232 Seiten starken Buch "Mein Gorilla hat ‚ne Villa im Zoo" ausführlich und mit größter Sorgfalt. Mit zu Berge stehenden Haaren liest man, was diesen Musikern widerfahren ist. Dabei erzählt der Autor ihre Geschichte in völlig nüchternem Ton. Er lässt Fakten und zeitgeschichtliche Zitate sprechen. Etwa dieses: "Es ist, als ob man mit Stecknadeln gespickt würde und dabei noch Lust empfände", fand ein – wohlgesonnener – Rezensent 1927 über einen Auftritt der Weintraubs zusammen mit dem Pianisten und Komponisten Friedrich Hollaender, der eine Zeitlang Mitglied bei ihnen war. 1933 schrieb die gleichgeschaltete deutsche Presse dann schon von "Jazz-Radau" und "Saxophon-Gequake" und davon, dass der "Jazz-Taumel (…) längst vorüber" sei. Tief eintauchen in Zeitgeschichte kann man mit diesem Buch.

INTERNIERT IN AUSTRALIEN: 15 MONATE HINTER STACHELDRAHT

Und man kann sich atemlos das weitere Schicksal der Band erlesen: Die "Syncopators" nutzten Tourneen ins Ausland, um sich abzusetzen und landeten nach Stationen etwa in den Niederlanden, in der Schweiz, im faschistischen Italien, in der Sowjetunion und in Japan schließlich in Australien, wo sie 1937 eine Tournee begannen. Doch dort bremste schließlich die Musikergewerkschaft das erfolgreiche Ensemble, das als gefährliche Konkurrenz für australische Musiker betrachtet wurde. 1940 wurden Stefan Weintraub und andere Mitglieder der Band als "feindliche Ausländer" sogar in ein Internierungslager gesteckt. Weintraub hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat gekämpft und sogar das Eiserne Kreuz erhalten – was ihn nun für die Australier verdächtig machte, ein Nazi-Anhänger zu sein. 15 Monate verbrachte Stefan Weintraub hinter Stacheldraht. Danach hörten die Anfeindungen australischer Musiker nicht auf. Weintraub und seine Kollegen bekamen keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Stefan Weintraub arbeitete dann als Mechaniker, lebte in bescheidenen Verhältnissen und starb 1981 mit 84 Jahren in Sydney. Am 12. September 1981, zwei Tage nach Weintraubs Tod, brachte der Sender Freies Berlin (SFB) eine Porträtsendung über Weintraub mit Erinnerungen, die Weintraub selbst einem Korrespondenten des Senders über eine Tonband-Cassette hatte zukommen lassen. Der Tod des Musikers wurde in der Sendung nicht erwähnt: Die Redaktion hatte davon nichts erfahren. Die schon vorher produzierte Sendung war rein zufällig zu diesem Termin ausgestrahlt worden. – Viele verblüffende Aspekte einer musikalisch dringend wiederzuentdeckenden Geschichte präsentiert dieses sehr lesenswerte Buch.

Gregor Dotzauer

Schläft ein Lied in allen Dingen
Matthes & Seitz Verlag
176 Seiten
22 Euro

Buch-Cover Schläft ein Lied in allen Dingen | Bildquelle: Matthes & Seitz Verlag Bildquelle: Matthes & Seitz Verlag Ein Buch zum Langsam-Lesen. Zum Immer-wieder-hinterher-Sinnen. Zum Hören mit dem inneren Ohr. Auf 176 schlank bedruckten Seiten schafft es der in Berlin lebende Kulturjournalist Gregor Dotzauer, Literaturredakteur des Berliner "Tagesspiegel" und daneben sehr feinnerviger Konzertberichterstatter, mit leisen, essayhaften Kapiteln einen ganz weiten Horizont abzustecken. Und: ein ungewöhnliches Lese-Erlebnis zu bereiten. Dotzauer, Jahrgang 1962, aus Bayreuth stammend, schreibt in seinem Buch "Schläft ein Lied in allen Dingen" über völlig unterschiedliche Musik. Das reicht von Johann Sebastian Bach über die auf Youtube gefeierte indonesische Soul-Sängerin Ulfa Nabila bis hin zu dem amerikanischen Avantgarde-Komponisten Morton Feldman (der in Dotzauers Buch schon nach wenigen Seiten gewürdigt wird). Exkurse führen auch zu imaginierter Musik aus literarischen Werken von Julio Cortázar oder Marguerite Duras.

DER KONTRABASS – EIN "KÜNSTLICHER LEIB"

Und es geht immer wieder auch um Jazz. Denn etwa beim Jazzfest Berlin ist dieser Autor regelmäßig anzutreffen. Improvisierte Musik und streng verschriftete Musik interessieren ihn gleichermaßen, vielleicht auch gerade die Räume zwischen beiden. Ein Musiker wie der Jazz-Avantgardist Christopher Dell, der zugleich Architektur- und Stadttheoretiker ist, fasziniert ihn deshalb besonders. Über ihn schreibt Dotzauer: "So wie Stadt selbst für ihn eine offene Partitur ist, die sich jeden Tag von Neuem realisiert, entsteht Form in seinen Ensembles durch ein Minimum an vorgegebenen Elementen." Nicht nur über Christopher Dell, sondern auch über Jazzmusiker wie die Pianisten Vijay Iyer und Dan Tepfer kann man mit diesem Buch nachdenken, und nicht zuletzt über berühmte Bassisten wie Dave Holland, Charlie Haden und Aladár Pege. Der Bass ist ein Instrument, das Dotzauer intensiv beschäftigt hat: "als ein künstlicher Leib, durch den sämtliche zwölf Meridiane fließen, von denen sich jeder einzelne stimulieren lässt, Kopf- und Fußmassage inbegriffen."

"JEDES KINDERLIED TRÄGT IN SICH EINE SOZIALE WELT"

Immer im Mittelpunkt steht bei Gregor Dotzauer das sinnliche Erleben von Musik – das Begreifen-Wollen von Tönen und Tönendem ist bei ihm völlig wörtlich zu nehmen. Er schildert auf still-amüsante Art auch seine eigenen Versuche an verschiedenen Instrumenten, nicht zuletzt der uralten chinesischen Griffbrettzither Qin (auch Guqin genannt). Er machte vor Jahren in London einen Kurs, um zumindest Grundbegriffe des Instruments praktisch zu erfahren – und scheiterte mit wunden Fingern. Er zieht aber aus dieser und anderen persönlichen Erfahrungen spannende Erkenntnisse, die gerade in Zeiten schneller Abrufbarkeit jeglicher Töne der Welt wichtig sind. Vor allem diese: "Jedes Kinderlied, ganz gleich von welchem Kontinent, trägt in sich eine soziale Welt." Das könnte man mit einer Umkehrung von Dotzauers Buchtitel übersetzen: Steckt eine Welt in jedem Lied. Oder sogar: in jedem Ton. Das bedeutet, heute gerade auch in der Medienwelt häufig vergessen: "Die Unmittelbarkeit, die Musik mehr als jede andere Kunst verspricht, funktioniert nicht ohne ein Minimum an Vermitteltheit." Ein Buch als Klang-Entdeckungsreise mit vielen wichtigen Anstößen, geschrieben von einem, der sich vermutlich zuallerletzt als Musik-Kenner bezeichnen würde. Vielmehr ist Gregor Dotzauer ein nicht müde werdender Musik-Kennenlerner. Wie offene Ohren und offener Geist das Leben bereichern können, erfährt man bei ihm in einer Sprache, die an vielen Stellen selbst feiner, differenzierter Klang ist.

Markus Müller

FMP: The Living Music
Wolke Verlags GmbH
400 Seiten
39,80 Euro

Buch-Cover FMP: The Living Music | Bildquelle: Wolke Verlags GmbH Bildquelle: Wolke Verlags GmbH Wer sich für besonders radikale Ausdrucksformen von Musik interessiert, wird in diesem gewiss zwei Kilo schweren, dicken, großen Buch unbedingt fündig – und kann tief eindringen in eine Klangwelt voller rauer, ungestümer Energie. Oder besser: in Dokumente und Bilder zu dieser Klangwelt. "FMP: The Living Music" ist das Buch zu einer Ausstellung, die der Berliner Kurator Markus Müller im Jahr 2017 im Münchner Haus der Kunst gestaltete. Die Abkürzung "FMP" steht für "Free Music Production", das war ein Label und eine Institution, die Musiker um den deutschen Saxophonisten Peter Brötzmann 1969 gründeten. Auslöser war damals, dass Brötzmann und andere Musiker beim großen Berliner Festival, den "Berliner Jazztagen", eingeladen waren, aber einen Vertrag unterschreiben sollten, der sie zum Tragen dunkler Anzüge auf der Bühne verpflichtete. Das wollte Brötzmann damals nicht mitmachen – und er wurde wieder ausgeladen. Da nehmen er und unter anderem der Bassist und Sozialarbeiter Jost Gebers die Sache selbst in die Hand und gründeten ein Alternativ-Festival: das "Total Music Meeting".

DIE WILDESTE JAZZPLATTE ALLER ZEITEN

Der Autor Markus Müller sagte im Interview mit BR-Klassik: "Die FMP ist der wichtigste kunst- und kulturpolitische Beitrag Westberlins zum 20. Jahrhundert". Er begründete das nicht zuletzt mit dem regen Austausch, das dieses Westberliner Label schon früh mit Musikern aus der DDR pflegte, aber auch mit starken Impulsen, die von der FMP international ausgingen. Da gab es etwa die wildeste Jazzplatte aller Zeiten: "Machine Gun" von Peter Brötzmanns achtköpfigem Ensemble im Jahr 1968, ursprünglich von Brötzmann im Selbstverlag und 1972 schließlich von FMP veröffentlicht: ratternd-massive Sound-Attacken, die noch heute schockierend wirken und Ausdruck einer Umbruchszeit voller politischer Konflikte waren. Und da gab es ein aufregendes Konzert-Special des amerikanischen Pianisten Cecil Taylor, einer Ikone des Free Jazz, die 1988 einen Monat lang in Berlin mit vielen europäischen Kollegen zusammentraf. Die daraus entstandene 11-CD-Box von 1989, limitiert auf 1.000 Stück, ist nicht nur eine begehrte Rarität, sondern eine der besten Musikdokumentationen, die mindestens der Free Jazz je erfahren hat.  Auch dieses Projekt findet im Buch einen Niederschlag: in packenden Fotos und einem ausführlichen Text.

"DA KOMMEN LEUTE UND SAGEN: DER BASS IST ZU LEISE. IMMER!"

Highlights für Leser:innen sind im Buch nachgedruckte Verträge zwischen der FMP und Institutionen der DDR. Einer etwa wurde geschlossen mit der "VEB Deutsche Schallplatten DDR" zur Veröffentlichung eines mitgeschnittenen Konzerts im März 1979 in "Berlin (West)". Ein Paragraf darin besagt, dass "DS" (Deutsche Schallplatten) berechtigt sei, die Aufnahmen in folgende Länder zu vertreiben: "Deutsche Demokratische Republik, Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Volksrepublik Albanien, Ungarische Volksrepublik, Volksrepublik China, Tschechoslowakische Sozialistische Republik, Volksrepublik Polen, Sozialistische Republik Rumänien, Volksrepublik Bulgarien, Republik Kuba (…)". Regime gehen, Klänge bleiben. Ein anderes Lese-Highlight ist ein Gespräch zwischen Autor Manfred Müller und dem FMP-Mitbegründer Jost Gebers, der nie ein Blatt vor den Mund nahm. An einer Stelle sagt Gebers: "Heute kommt bei jedem Konzert jemand auf uns zu und sagt: Der Bass ist zu leise. Immer! Das liegt daran, dass alle an diese Pop-Scheiße gewöhnt sind und der Bass da derart dominant ist, dass sie denken, der Kontrabass müsse genau so klingen." Die Free-Jazz-Szene: Leute mit Ecken und Kanten. Eine in manchen Fällen äußerst wohltuende Spezies.

Siegfried Schmidt-Joos (Hg.)

Jazz-Echos aus den Sixities. Kritische Skizzen aus einem hoffnungsvollen Jahrzehnt
Kamprad Verlag
228 Seiten
19,60 Euro

Buch-Cover Jazz-Echos aus den Sixities | Bildquelle: Kamprad Verlag Bildquelle: Kamprad Verlag Es ist unbestreitbar: "Die Sechziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts waren für den Jazz nicht nur ein Jahrzehnt der Umbrüche und Widersprüche, sondern auch eine Zeit des florierenden Diskurses." Dieser Satz ist in diesem Buch zu lesen – und er umreißt auch den Reiz dieser Veröffentlichung. Siegfried Schmidt-Joos, geboren 1936 in Thüringen, gehört zu den journalistischen Zeitzeugen des betreffenden Jahrzehnts und weit darüber hinaus. Viele kennen ihn als Co-Autor des lange Zeit sehr populären Rock-Lexikons von rororo, als Co-Autor einer spannenden Biographie des Impresarios Fritz Rau ("Buchhalter der Träume", 1985, jetzt wieder aufgelegt unter dem Titel "Rock’n’Rau") oder auch als Autor des biographischen Buchs "Die Stasi swingt nicht. Ein Jazz-Fan im Kalten Krieg".

DER LIZA-MINNELLI-FAN AUS DEN SHITSTURM-FREIEN ZEITEN

Schmidt-Joos, der in Berlin lebt, hat sich weit über den Jazz hinaus publizistisch profiliert, und wenn etwa zeitgleich zum Jazzfestival einer der seltenen Auftritte der amerikanischen Entertainerin Liza Minnelli anstand, stellte er das Jazzfestival schon mal hinten an. Er selber nennt sich einen "Generalisten", doch man könnte ihn auch als Beobachter möglichst unterschiedlicher Musik-Phänomene mit afro-amerikanischen Wurzeln bezeichnen. Definitiv ist er ein Mann zupackender journalistischer Sprache. Seinem Satz über den florierenden Diskurs in den Sechziger Jahren folgt im Buch dieser: "Werner Burkhardts Skepsis gegenüber den instrumentalen Fähigkeiten eines Don Cherry und Mike Zwerins ironischer (und selbstironischer) Umgang mit der Stil-Ikone Miles Davis lösten damals noch keine Shitstürme aus." Schön gesagt! Dieser inhaltlichen Vorbereitung schickt Schmidt-Joos dann eine Reihe von Texten von damals hinterher: eigene, aber auch solche von Autoren wie Joachim-Ernst Berendt, dem bereits genannten Werner Burkhardt, dem amerikanischen Kritiker Nat Hentoff und dem ebenfalls bereits erwähnten Trompeter und Publizisten Mike Zwerin.

"DU SETZT FETT AN, MIKE"

Es ist spannend, mit deren Texten Momente einer Auf- und Umbruchszeit wieder aufflackern zu lassen. Ob es ein uncharmanter Augenblick mit Miles Davis ist, der an einem Ecktisch im Birdland-Jazzclub in New York zu Mike Zwerin unvermittelt sagte: "Du setzt Fett an, Mike". Oder ob es Manfred Millers folgende feine Anmerkung über die Musik des Free-Jazzers Peter Brötzmann ist: "Falsch ist die Frage, ob es auch schön sei, was das Peter Brötzmann Trio spielt. Das ästhetische Urteil, wo es Geschmacksurteil ist, bleibt gebunden an die wandelbaren Hörgewohnheiten. Die Avantgardisten des Peter Brötzmann Trios spielen heute, was für viele erst morgen schön sein wird. Dann nämlich, wenn auch der Hörer an der Freiheit der Musiker zu partizipieren vermag." Man blättert, bleibt hier und da hängen und liest sich fest – gerade auch in Werner Burkhardts voller Verve geschriebenem Text über Don Cherry. Und in Schmidt-Joos‘ eigenem Text über den Sänger Frank Sinatra, der von deutschen Jazz-Fans oft aus eher nicht musikalischen Gründen verschmäht wurde. "Ist Frank Sinatra ein Jazz-Sänger?", beginnt Schmidt-Joos‘ hier nachgedruckter Text von 1963 – und er endet mit einem Zitat Sinatras, er werde noch einige Schallplatten aufnehmen, an das Schmidt-Joos die Feststellung setzt: "Es spricht alles dafür, dass einige großartige Jazzplatten darunter sein werden." Interessanter Lesestoff über immer noch spannende Jazz-Aspekte aus einer musikalisch überreichen Zeit bietet dieses graphisch auf manchen Seiten etwas zu farbenfroh und kleinteilig gestaltete Buch – eine bunte Revue der aufregenden Jazz-Sechziger.

Georg Alkofer

The Syntax of Sound. Untersuchungen zur Musik Pat Methenys
Waxmann Verlag
334 Seiten
39,90 Euro

Buch-Cover The Syntax of Sound | Bildquelle: Waxmann Verlag Bildquelle: Waxmann Verlag Mit diesem Buch kann man einen der besten und weltweit bekanntesten Musiker des zeitgenössischen Jazz in der ganzen Tiefe seines Schaffens kennenlernen. Seit über 40 Jahren ist der 1954 geborene Gitarrist Pat Metheny ein Musiker, der eine Hörerschaft weit über den Jazz hinaus fasziniert: ein Weltstar der Gitarre, in seiner Breitenwirkung und seinem musikalischen Einfluss fast vergleichbar mit dem Pianisten Keith Jarrett – und musikalisch ein ähnlich faszinierender Perfektionist und Meister einer atemberaubend feinen Tonformung. Der Musikwissenschaftler, Gitarrist und Posaunist Georg Alkofer hat Musik von Pat Metheny aus der Zeit von 1974 bis 1994 minuziös untersucht und legt in dem Buch "The Syntax of Sound" die Ergebnisse vor.

MAL SECHS, MAL ZWÖLF, MAL 42 SAITEN

Das Buch basiert auf Alkofers Doktorarbeit zu dem Thema, ist deshalb in sachlich-wissenschaftlichem Stil geschrieben und präsentiert viele Notenbeispiele zu den besprochenen Stücken. Das sollte aber Bewunderer von Methenys Musik – und zugleich Gitarrenfans verschiedenster musikalischer Lager – nicht davon abhalten, es zu lesen. Oder zumindest stichprobenartig Erkenntnisse über besonders liebgewonnene Stücke daraus zu ziehen. Alkofer ist sehr genau, und das macht es richtig interessant. Er geht so weit, dass er etwa bei dem Stück "San Lorenzo" nicht nur die (vom Normalen abweichende) Stimmung der einzelnen Saiten einer zwölfsaitigen Gitarre, sondern auch die jeweilige Saitenstärke auflistet (die bei einer Stahlsaitengitarre sehr unterschiedlich sein kann). Bei anderen Stücken analysiert er nicht nur Methenys Soli – die man in Notenbeispielen mitlesen kann -, sondern geht auch auf das jeweils verwendete Gitarrenmodell ein und darauf, wie es verstärkt ist und welche Effektgeräte Metheny benutzt. Metheny gehört zu jenen Gitarristen, die je nach Stück auf sehr unterschiedlichen Gitarren spielen – bis hin zu einem extra für ihn angefertigten Instrument mit 42 Saiten, die auf vier Hälse verteilt sind ("Pikasso-Gitarre").

DER ZAUBER EINES BLICKS IN DIE WERKSTATT

Alkofers Analysen, etwa zu dem Album "American Garage" von 1979, sind bei aller Detailgenauigkeit gut nachvollziehbar und destillieren sehr erhellend heraus, warum Methenys Musik jeweils ein so eigenes Gepräge hat: beim Titelstück "American Garage" etwa die Entscheidung dafür, sich bei Stil-Elementen der Rockmusik zu bedienen und gleichzeitig auf verzerrten E-Gitarrensound zu verzichten. Zu herausragenden Alben Methenys wie "80/81" oder "Song X" (und allen anderen untersuchten) bieten Alkofers Ausführungen inspirierende Erläuterungen. Es ist, als würde man einen Blick in eine Werkstatt des Gitarrenspiels, des Improvisierens und der Sound-Gestaltung erhaschen: Das Wissen darum, wie die Musikstücke gemacht sind, lässt ihren Zauber aber nicht verfliegen. Ganz im Gegenteil, es macht ihn noch ein Stück faszinierender.

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