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Jahresrückblick 2022 Russische Künstler und der Ukraine-Krieg

Putins Angriffskrieg auf die Ukraine zwingt die Kunstwelt seit Beginn des Krieges immer wieder zu Entscheidungen. Während die Solidarität mit ukrainischen Kunstschaffenden riesig ist, stellt sich auf der anderen Seite die Frage: Wie umgehen mit russischer Kunst und russischen Künstlerinnen? Keine leichte Frage mit entsprechend unterschiedlichen Antworten.

Teodor Currentzis | Bildquelle: Nadja Romanova

Bildquelle: Nadja Romanova

Anfänglicher Pauschalboykott

Aus Solidarität, wohl aber auch aus Hilflosigkeit entscheiden sich viele Veranstalter im Frühjahr zunächst, russische Komponisten von ihren Programm zu streichen und Konzerte mit russischen Künstlerinnen und Künstlern abzusagen, darunter etwa eines mit der jungen Cellistin Anastasia Kobekina, die sich selbst zuvor öffentlich auf Instagram gegen den Krieg gestellt und ihn als eine "schreckliche Gewalttat" bezeichnet hatte. Der Veranstalter begründet damals die Absage mit der "Kontroverse um den Auftritt russischer Künstlerinnen und Künstler beim aktuellen Weltgeschehen generell". Weder wolle der Veranstalter die Nähe von Musikerinnen und Musikern einschätzen müssen, "noch sollen Künstlerinnen und Künstler Statements abgeben müssen, mit denen sie unter Umständen nahestehende Personen gefährden".

Proteste werden laut

Vladimir Jurowski | Bildquelle: Sheila Rock Vladimir Jurowski initiiert einen internationalen Appell gegen den Pauschalboykott russischer Künstlerinnen und Künster. | Bildquelle: Sheila Rock Doch schnell wird Protest laut. Der Pianist Igor Levit schreibt von "Wahnsinn", wieder andere erklären den Veranstalter für verrückt und bezeichnen die Konzertabsage als absurd. Wenig später initiiert Vladimir Jurowski, Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, einen internationalen Appell. "Stoppt den Krieg und wirkt dem pauschalen Boykott russischer und belarussischer Kulturschaffender entgegen", lautet die Botschaft des offenen Briefes, den mehr als hundert Künstlerinnen und Künstler unterzeichnen, darunter auch Sir Simon Rattle, Franz Welser-Möst, Tabea Zimmermann, Patricia Kopatchinskaja oder Barrie Kosky. 

Klicktipp

Lesen Sie hier den Kommentar von Sylvia Schreiber zum Boykott russischer Künstlerinnen und Künstler.

Die Wogen glätten sich

Nach den ersten Wochen und Monaten scheinen sich die Wogen wieder ein wenig zu glätten. Russische Werke erscheinen wieder auf den Programmen, teilweise gemeinsam mit ukrainischen. Auch einige russische Künstlerinnen und Künstler treten wieder auf. Manche hingegen werden weiterhin boykottiert oder sorgen nach wie vor für Diskussionen. Den Anfang macht Valery Gergiev, der ehemalige Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Valery Gergiev, ein langjähriger Vertrauter Putins

Valery Gergiev bei der Preisverleihung
| Bildquelle: Vyacheslav Prokofjew/Picture Alliance Lange hat die Stadt München bei Valery Gergiev ein Auge zugedrückt. Mit Ausbruch des Krieges allerdings stellt sie ein Ultimatum. | Bildquelle: Vyacheslav Prokofjew/Picture Alliance Bereits im November hatte er sich ganz offiziell eingereiht in die russische Kulturfront. Er kämpft, was zu erwarten war, nach Kräften auf dem Propaganda-Schlachtfeld mit. Als langjähriger Vertrauter des russischen Präsidenten Wladimir Putin regiert er ein wahres Opernimperium, das vom Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg bis zur fernöstlichen Außenstelle in Wladiwostok reicht. Gergiev gilt als ruheloser Impresario, der sich nicht lange mit Proben aufhält, sondern von Auftritt zu Auftritt jettet. Seit dem Ukraine-Krieg allerdings ausschließlich in Russland.

Ultimatum der Stadt München

Nur wenige Tage nach Kriegsausbruch stellt ihm Oberbürgermeister Dieter Reiter ein Ultimatum. Entweder er distanziere sich "eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg, den Putin gegen die Ukraine und nun insbesondere auch gegen unsere Partnerstadt Kiew führt", oder er werde gefeuert. Ein Tag nach Ende des Ultimatums ist Gergiev mit sofortiger Wirkung entlassen. Bereits zuvor hatte ihm Mailands Bürgermeister ein ähnliches Ultimatum mit ähnlichem Ausgang gestellt, sein kurzzeitiger Agent Markus Felsner sagt sich ebenfalls von ihm los und auch andere Veranstalter verteilt über ganz Europa annullieren Konzerte mit ihm. Besonders überrascht die Absage des Festspielhauses in Baden-Baden, denn in der Stadt gibt es eine große russische Gemeinde, die das privat finanzierte Festspielhaus immer wieder mit großzügigen Spenden bedenkt. Gergiev war dort seit 24 Jahren regelmäßiger Gast.

Einst gelobt, heute gefallen

Damit fällt Gergiev zumindest im Westen tief. Denn auch wenn er mit seiner politischen Haltung schon immer nicht hinterm Berg gehalten hatte – etwa als Befürworter der Annexion der Krim 2014 – so war er doch als Dirigent geschätzt. Bei seiner Vertragsverlängerung 2018 bezeichnete ihn Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter als "Glücksfall", um den viele andere Orchester und Klassikmetropolen München beneideten. Sein Agent meinte, Gergiev sei einer der größten Dirigenten unserer Zeit, "ein visionärer Künstler, den viele von uns lieben und bewundern". Und auch Gergiev lobte im Gegenzug den Oberbürgermeister noch im Herbst vergangenen Jahres bei der Eröffnung der neuen Isarphilharmonie. "Ich bin persönlich sehr beeindruckt davon, wie die Stadt München, der Bürgermeister, die gesamte Stadtregierung ihr Wort durchgehend gehalten haben. Das ist wirklich besonders", sagte er damals.

Chancen in Russland

Lorenz Nasturica-Herschcowici, Konzertmeister der Münchner Philharmoniker | Bildquelle: Frank Bauer Auch der Konzertmeister der Münchner Philharmoniker, Lorenz Nasturica-Herschcowicic, verlässt das Orchester und geht nach Russland. | Bildquelle: Frank Bauer Nach seinem Sturz aufgefangen wird Gergiev hingegen von Russland. Dort ist er nach wie vor gut beschäftigt, überwiegend mit vaterländischem Repertoire. Und, wenn es um Opern geht, in folkloristischen Inszenierungen. Auch finanziell dürfte Gergiev sein Rauswurf als Chef der Münchener Philharmoniker wenig schaden. Er verzichtet schließlich auch auf arbeitsrechtliche Schritte. Stattdessen verkündet der Dirigent im Sommer, Russland habe eine neue Periode seiner Geschichte begonnen, mit "riesigen Chancen". Und es gelte nun, das Beste daraus zu machen. Eine dieser Chancen: Das Mariinsky-Theater in St. Petersburg, dessen Chef er seit 1988 ist und in das ihm ein paar Monate später auch der Konzertmeister der Münchner Philharmoniker, Lorenz Nasturica-Herschcowicic, endgültig nachfolgt.

Anna Netrebko

Auch Anna Netrebko ist heftiger Kritik ausgesetzt. Sie distanziert sich zwar öffentlich von dem Krieg, nicht aber von Putin. Daraufhin sagen einige Veranstalter, darunter auch die Metropolitan Opera in New York, Konzerte mit ihr ab. Einen ausführlichen Artikel dazu wird es in den kommenden Tagen auf unserer Seite geben, den wir auch an dieser Stelle verlinken.

Rücktritt von Igor Zelensky

ARCHIV - 14.09.2016, Bayern, München: Der Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts, Igor Zelensky, blickt im Anschluss an ein Pressegespräch in die Kamera. (Zu dpa «Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts Zelensky tritt zurück») Foto: Matthias Balk/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Matthias Balk Igor Zelensky verlässt das Münchner Staatsballett aus familiären und privaten Gründen. Gerüchten zufolge ist er mit einer Tochter Putins liiert. | Bildquelle: dpa-Bildfunk/Matthias Balk Etwas freiwilliger geht im April dieses Jahres auch der Direktor des Münchner Staatsballetts Igor Zelensky. 2016 war er von Russland nach Deutschland gekommen und hatte seine Position als künstlerischer Leiter des Stanislawsky und Nemirowitsch-Dantschenko-Musiktheaters in Moskau niedergelegt, um sich voll und ganz auf seine Arbeit in München zu konzentrieren. Sein Rücktritt in München steht zunächst nur gerüchteweise in Verbindung mit Russland. Nach Beginn des Angriffskrieges sollen Bilder seine Nähe zu Putin belegen. Auch ist er als Berater für eine russische Stiftung tätig, deren Ziel es ist, kulturelle Zentren in Russland zu errichten – eines davon in Sewastopol auf der annektierten Krim.

Private und familiäre Gründe

Zelensky selbst äußert sich jedoch politisch nicht und nennt stattdessen private und familiäre Gründe für den Rücktritt. "Eine Ballettkompanie zu führen, erfordert absolute Konzentration und Kapazität", heißt es in einem schriftlichen Statement von ihm, "aktuell verlangen jedoch private Familienangelegenheiten meine volle Aufmerksamkeit und Zeit, die mit der Leitung einer Ballettkompanie nicht vereinbar sind". Erst als ein weiteres Gerücht die Runde macht, scheint das Bild etwas aufzuklaren: Nach Angaben russischer Medien soll Igor Zelensky mit Putins jüngster Tochter Katerina Tichonowa liiert sein. Dem Bayerischen Staatsballett war davon nichts bekannt, heißt es gegenüber dem BR. Auch vom Bayerischen Kunstministerium war Zelensky einen Monat vor seinem Rücktritt lediglich um Stellungnahme zu seinen nebenberuflichen Verpflichtungen in Russland gebeten worden, nicht aber zu seinen privaten. Inwieweit Zelenskys Rücktritt damit allein seine eigene Entscheidung ist oder nicht doch der Druck, sich zu positionieren, ausschlaggebend, bleibt offen. Diskussionen um ihn ebben jedenfalls schnell ab.

Am umstrittensten: Teodor Currentzis

Über einen wiederum wird jedoch bis heute stark diskutiert: den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis. Er selbst positioniert sich weder mündlich, noch schriftlich für oder gegen den Krieg in der Ukraine, sondern lediglich indirekt über das SWR Symphonieorchester, dessen Chefdirigent er seit 2018 ist. Dieses hält an seinem Maestro fest. Gemeinsam starten sie ihre Europatournee mit geändertem Programm ukrainisch-deutsch-russischer Werke – ein Appell an den Frieden, wie es heißt. Das gesamte Orchester und Currentzis stünden gemeinsam hinter diesem Appell. Außerdem hätten Gespräche zwischen Orchestermanagement, Orchestervorstand und Teodor Currentzis ergeben, dass die musikalische Zusammenarbeit auf gemeinsamen Werten basiere. Die Bekanntgabe des SWR ein paar Monate später, dass der Vertrag von Currentzis 2024 nicht verlängert werde, mag zwar wie eine späte Reaktion auf die politischen Umstände klingen, tatsächlich aber soll bereits bei der letzten Vertragsverlängerung 2021, also weit vor Beginn des Krieges, klar gewesen sein, dass die drei Jahre seine letzten als Chefdirigent sein werden.

Finanzierung durch kremlnahe Bank

Der Dirigent Teodor Currentzis | Bildquelle: BR/Alexander Hellbrügge Am umstrittensten ist bis heute wohl Teodor Currentzis. Sein Ensemble musicAeterna wird von einer kremlnahen Bank gesponsert. | Bildquelle: BR/Alexander Hellbrügge In die Kritik gekommen war Currentzis nicht nur, weil er sich politisch nicht offen geäußert hat, sondern vor allem, weil sein von ihm gegründetes Ensemble musicAeterna von der kremlnahen russischen VTB Bank gesponsert wird, die von westlichen Sanktionen betroffen ist. Ebenso geht das Ensemble auch mit Unterstützung des Staatskonzerns Gazprom in Russland auf Tournee. Während der SWR sich darauf berufen kann, lediglich mit Currentzis zusammenzuarbeiten und nicht mit seinen Ensembles, stehen andere Veranstalter vor einer anderen Situation. Das Wiener Konzerthaus etwa zieht Konsequenzen und sagt ein Benefizkonzert mit Currentzis und seinem Ensemble ab. Das Wiener Konzerthaus dürfe die politische Dimension des Auftritts eines in St. Petersburg beheimateten Orchesters in der Zeit des durch den Angriffskrieg der Russischen Föderation gegen die Ukraine verursachten unermesslichen Leids nicht ignorieren, so der Intendant des Wiener Konzerthauses, Matthias Naske, in einer schriftlichen Stellungnahme. 

Salzburger Festspiele halten an Currentzis fest

Die Salzburger Festpiele jedoch halten wider aller Kritik von außen fest an einem ihrer Hauptdirigenten. "Jemanden aufgrund seiner Nationalität auszuschließen, sei es ein Besucher oder ein Künstler, ist für uns undenkbar", erklärt die Präsidentin der Festpiele Kristina Hammer im Interview mit BR-KLASSIK. Ein Orchester brauche nunmal Unterstützung in dieser Größenordnung und Currentzis habe sich bisher nie öffentlich pro Putin oder für diesen Krieg geäußert. "Wenn Sie in Russland leben und Sie nehmen das Wort 'Krieg' in den Mund, dann kann es sein, dass Sie bis zu 15 Jahre ins Gefängnis müssen. Und dann kann es auch sein, dass es Ihre Familie betreffen wird. Also müssen wir sehr vorsichtig sein und sehr überlegt, ob wir tatsächlich von jemandem, wo ein Orchester mit ganz vielen Musikern und deren Familien in Russland leben, eine aktive Äußerung verlangen." Für sie sei es bereits ein wichtiges Zeichen, dass er sich bemüht habe, mit seinem Orchester ein Benefizkonzert für die Ukraine zu spielen – jenes, welches zuvor vom Wiener Konzerthaus abgesagt worden war.

Neues Ensemble "Utopia"

Currentzis selbst ist es schließlich, der versucht, seinen Fuß in beiden Welten zu behalten: dem Westen und Russland. Im August dieses Jahres gründet er ein neues Ensemble namens "Utopia" – mit Basis in Westeuropa. Der Klangkörper selbst hat allerdings keinen festen Sitz, sondern sei ein projektbezogenes "Zusammenkommen von Musikern aus aller Welt", auch aus Russland und der Ukraine. Es gehe um "eine einzigartige kreative Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die sich der Suche nach dem besten Klang und dem wahren Geist des Musikwerkes verschrieben haben", heißt es in der Pressemeldung. Currentzis wolle laut eigener Aussage nicht länger in einem "international standardisierten Klang gefangen" sein. Finanziert werden soll "Utopia" durch Einnahmen aus Veranstaltungen sowie durch die Kunst und Kultur DM Privatstiftung und weitere europäische Mäzenen. Die Gründung scheint wie ein Versuch, Kunst fernarb von politischen Zwängen ausüben zu können, eine Art ideale Welt zu schaffen, in der die Musik an oberster Stelle stehe. Wer allerdings gehofft hatte, dass er damit sein anderes, russisches Ensemble aufgebe, mag enttäuscht sein.

Entsprechend umstritten ist Currentzis bis heute. Erst im Oktober hatte die Kölner Philharmonie Konzerte mit ihm abgesagt, bei einem Konzert im November in Dortmund wurden Mitglieder von musicAeterna suspendiert, wohingegen das SWR Symphonieorchester sowie die Salzburger Festspiele weiterhin an ihm festhalten. Dort wird er allerdings 2023 nicht mehr mit musicAeterna, sondern mit Utopia auftreten.

Eine Diskussion für die Ewigkeit

Putins Angriffskrieg auf die Ukraine hat einmal mehr deutlich gemacht, dass Kunst immer auch eine politische Dimension hat und sei es auch nur, dass darüber diskutiert wir, ob Kunst politisch ist oder nicht. Die Auswahl des Musikprogramms, die engagierten Künstlerinnen und Ensembles – Veranstalter, Musikschaffende und auch das Publikum selbst werden auch weiterhin Antworten finden müssen, die mit Sicherheit Diskussionen auslösen werden: Erst kürzlich hatte die Ukraine schwere Vorwürfe gegen die Mailänder Scala erhoben: Intendant Dominique Mayer mache russlandfreundliche "Politik", in dem er zur Saisoneröffnung Mussorgskys "Boris Godunow" auf den Spielplan setze.

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