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Joana Mallwitz ist Dirigentin des Jahres "Ich musste Musikerin werden"

Das Dirigieren ist ein Berufsfeld, das nach wie vor stark männlich dominiert ist. Außergewöhnliche Dirigentinnen gibt es jedoch einige – ob Simone Young, Mirga Gražinytė-Tyla oder Joana Mallwitz. Die 33-Jährige wurde jetzt als jüngste Dirigentin überhaupt von der Zeitschrift "Opernwelt" mit diesem Titel ausgezeichnet. Seit letztem Jahr ist sie Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg.

Dirigentin Joana Mallwitz | Bildquelle: © Lutz Edelhoff / PR Erfurt

Bildquelle: © Lutz Edelhoff / PR Erfurt

Joana Mallwitz habe das Kunststück vollbracht, "binnen kürzester Zeit Musiker, Publikum und Kritik zu begeistern", heißt es zur Begründung.  Vor allem die Tolstoi-Oper "Krieg und Frieden", sowie Richard Wagners "Lohengrin" am Staatstheater Nürnberg beeindruckten die 50 Kritiker aus Europa und den USA, die die Auszeichnung jedes Jahr vergeben. Da sei eine neugierige, motivierende, zugleich rigoros auf Qualität bestehende Künstlerin am Werk, "die besessen am Klang zu feilen pflegt und doch, wenn es darauf ankommt, loslassen kann." Auch Bernd Sibler, bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst, ist von der Nürnberger Generalmusikdirektorin begeistert. "Joanna Mallwitz ist ein absoluter Glücksfall für die Staatsphilharmonie in Nürnberg!", teilte er anlässlich ihrer Auszeichnung zur Dirigentin des Jahres mit. "Sie bringt nicht nur eine musikalische Ausnahmebegabung und jede Menge Charisma mit, sondern auch einen zeitgemäßen, am Orchester orientierten Arbeitsstil."

Klavier und Geige als Grundlage

Die gebürtige Hildesheimerin ist aber nicht nur eine ausgezeichnete Dirigentin, sondern auch eine hervorragende Pianistin. An der Musikhochschule Hannover studierte sie Klavier. Die Leidenschaft für dieses Instrument treibt sie schon seit ihrem dritten Lebensjahr um, als ihr ihre Mutter die ersten Akkorde auf dem Klavier beibrachte. Zwei Jahre später kam dann noch die Geige dazu. Erst durch die Teilnahme an Wettbewerben offenbarte sich Joana Mallwitz, wie groß die Welt der Klassischen Musik tatsächlich ist. "Als ich die ersten Orchesterpartituren entdeckt und vor mir liegen hatte, hat es dann wirklich Klick gemacht. Da wusste ich: Ich muss Musikerin werden."

Ich hatte vielleicht vier Stunden vorher Zeit, um mir schnell eine Partitur zu besorgen, um das durchzugehen.
Joana Mallwitz über ihr Debüt am Dirigentenpult

Debüt mit 19 Jahren

Ihr erstes Dirigat ist für sie ein Sprung ins kalte Wasser. Denn eigentlich arbeitet Joana Mallwitz als Korrepetitorin am Staatstheater Heidelberg. Kurz vor der Premiere von "Madama Butterfly" fällt der Dirigent aus und die gerade einmal 19-Jährige muss aushelfen: "Ich hatte vielleicht vier Stunden vorher Zeit, um mir schnell eine Partitur zu besorgen, um das durchzugehen und mich irgendwie vorzubereiten.", sagt die Dirigentin über ihr unerwartetes Debüt. Die Erinnerungen an diesen aufregenden Abend sind jedoch eher verschwommen. "Ich weiß nicht mehr viel von der eigentlichen Vorstellung, aber es schien gut funktioniert zu haben." Nach nur drei Monaten als Solo-Repetitorin wird sie zur Kapellmeisterin, kurz danach zur Assistentin des Generalmusikdirektors.

Jüngste Generalmusikdirektorin Europas

„Die ganzen letzten Wochen über haben mich Kollegen, die schon einige Jahre mit dabei waren, versucht mich auf dieses Erlebnis vorzubereiten.", sagt Joana Mallwitz, sichtlich beeindruckt von dem Menschenmeer vor ihr. "Ich muss gestehen, sie haben es trotz großer Bemühungen nicht geschafft. Ich bin von dieser Kulisse überwältigt." | Bildquelle: © Kimmelzwinger / BR Bildquelle: © Kimmelzwinger / BR In den Jahren darauf dirigiert sie in den Opernhäusern in Kopenhagen, Hamburg und Frankfurt. Fast zeitgleich wird sie jüngste Generalmusikdirektorin Europas am Theater Erfurt. Seit letzter Saison ist Joana Mallwitz am Staatstheater Nürnberg. "Die Arbeit mit der Staatsphilharmonie Nürnberg beglückt mich ungemein. Ich fühle mich hier wirklich wohl beim Orchester", resümiert sie ihr erstes Jahr und freut sich schon auf die anstehenden Opern-Produktionen und die Konzerte unter dem Motto "Wenn Musik Funken schlägt".

Diese physische Kraft eines Symphonieorchesters im Konzertsaal zu erleben – das ist eine unfassbare Erfahrung.
Joana Mallwitz

Zu Hause der Stille lauschen

Das Feuer ihrer Musikalischen Leidenschaft wird besonders bei Werken der deutschen Romantik entfacht, aber auch Werke von Mozart oder modernes Repertoire liegen ihr am Herzen. Beim Klassik Open Air konnte Joana Mallwitz zudem zeigen, dass ihr auch Jazz in klassischem Gewand von George Gershwin liegt. Zu Hause hört sie jedoch am liebsten gar nichts, sondern genießt lieber die Stille. Oder es erklingen ganz andere Töne: "Ich liebe zum Beispiel Nina Simone und Aretha Franklin – also das muss nicht nur Klassik sein."

Kraft des Konzerts

Mit ihrer lockeren, jungen Art steht sie für eine neue Generation am Dirigentenpult, die zwischen sich, dem Orchester und dem Publikum Nähe aufbaut. Neuestes Beispiel sind die Expeditionskonzerte, bei denen Joana Mallwitz nicht nur dirigiert, sondern den Zuhörern und Zuhörerinnen große Werke der Musikgeschichte erklärt. Generell ist sie aber der Überzeugung, dass man kein Vorwissen braucht, um in ein Konzert zu gehen. Jeder kann sich mitreißen und berühren lassen. "Das sind Erlebnisse, die kann man durch Aufnahmen niemals genauso erfahren wie live. Man muss da sein", sagt die 33-jährige Dirigentin. Nur im Konzert könne sich die volle Kraft der Musik entfalten. "Diese physische Kraft eines Symphonieorchesters im Konzertsaal zu erleben – das ist eine unfassbare Erfahrung."

Sendung: Allegro am 19. September 2019 ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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