BR-KLASSIK

Inhalt

Neue Generalmusikdirektorin in Nürnberg - Joana Mallwitz "Ich fühle mich hier wirklich wohl"

Seit dem 24. Oktober ist es offiziell: Joana Mallwitz beerbt ab Beginn der Saison 2018/2019 Marcus Bosch als Generalmusikdirektorin am Staatstheater Nürnberg. Im Interview spricht die Dirigentin über neue Konzertformen, alte Taktstöcke und die Vorfreude auf den neuen Job.

Dirigentin Joana Mallwitz | Bildquelle: © Nicolas Kröger

Bildquelle: © Nicolas Kröger

Das Interview mit Joana Mallwitz zum Anhören

BR-KLASSIK: Joana Mallwitz, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Berufung als Generalmusikdirektorin ab der nächsten Spielzeit in Nürnberg. Mich würde mal interessieren: Sie haben ja schon sehr viel dirigiert. Haben Sie eine Lieblingsoper?

Joana Mallwitz: Ich habe viele Lieblingsopern und viele Werke, die mir ganz besonders wichtig, fast heilig sind - von Mozarts Opern bis zu Wagners "Tristan".

Meet the Composer

BR-KLASSIK: Sie haben auch den "Pelléas" von Debussy und Bergs "Wozzeck" schon dirigiert. In Erfurt gibt es ein Programm, das Sie initiiert haben. Das heißt "Erfurts neue Noten". Da geht es ein bisschen mehr in Richtung zeitgenössische Musik. Ist Ihnen das auch ein Anliegen?

Joana Mallwitz: Ja, zeitgenössische Musik ist mir wichtig - besonders bestimmte Stücke und Komponisten, die mir am Herzen liegen. Da ging es mir zum Beispiel mit diesem Projekt in Erfurt speziell darum, dass man nicht nur ein zeitgenössisches Musikstück im Konzert erleben, sondern den Komponisten dazu auch ein bisschen genauer kennen lernen kann. Das heißt, dass wir dann mindestens dreimal in der Spielzeit von einem Komponisten [etwas aufführen], der dann auch selbst anwesend sein sollte - zum Beispiel bei Einführungen und in öffentlichen Proben. Ein solcher Austausch bietet dem Publikum die Gelegenheit, den Komponisten von verschiedenen Seiten kennen zu lernen.

Uns geht es darum, den gesamten Kosmos um ein Musikwerk ein bisschen offen zu legen.
Joana Mallwitz

BR-KLASSIK: Ebenfalls in Erfurt entstanden sind die sogenannten Expeditionskonzerte. Können Sie kurz erläutern, auf was für eine Expedition Sie da gehen?

Dirigentin Joana Mallwitz | Bildquelle: © Nicolas Kröger Joana Mallwitz | Bildquelle: © Nicolas Kröger Joana Mallwitz: Es sind eigentlich jedes Mal Expeditionen rund um ein wichtiges Musikstück. Wir haben da von Beethoven-Symphonien über Symphonische Dichtungen von Strauss bis hin zu Gubaidulina immer ein Musikstück ins Zentrum gesetzt, das am Ende dieses Expeditionskonzerts auch in voller Besetzung und in Gänze gespielt wird. Und der erste Teil des Konzerts besteht darin, dass ich selbst moderiere - mit dem ganzen Orchester auf der Bühne. Wir spielen teilweise Stellen aus dem Stück, teilweise aber auch Passagen aus anderen Werken, die das Thema irgendwie betreffen. Wir haben einen Flügel vorne auf der Bühne, an dem ich auch Dinge zeigen kann. Uns geht es darum, den gesamten Kosmos um ein Musikwerk ein bisschen offen zu legen, und dann vielleicht am Ende des Konzertes dieses Stück noch einmal mit neuen Ohren zu hören. Und das wurde in Erfurt sehr gut angenommen - sowohl von Konzertgängern, die sowieso in unseren Symphoniekonzerten regelmäßig zu Gast sind, als auch von einem ganz neuen Publikum, das wenig Konzerterfahrung hat und bei uns die Chance bekommt, in legerer Weise - also ohne Pause und höchstens anderthalb Stunden am Stück - und mit Dialog und Moderation so ein Konzert genießen zu können.

Chance mit "Madama Butterfly"

BR-KLASSIK: Sie haben als Studentin an der Musikhochschule Hannover mit Klavier angefangen; später ist Dirigieren dazugekommen und mit 19 Jahren sind Sie dann ans Theater in Heidelberg gegangen und wurden recht rasch Kapellmeisterin und Assistentin des Generalmusikdirektors. Den Anstoß dazu hat gegeben, dass sie eingesprungen sind, nicht wahr?

Joana Mallwitz: Diese Stelle in Heidelberg war zunächst als Solo-Repetitor, also als Pianistin - der ganz klassische Weg eigentlich, wie man anfängt bevor man dann Kapellmeister oder Ähnliches wird. Der Einspringer für die "Madama Butterfly" kam dann gleich in meinem dritten Monat, und das war der Anlass, dass sich da sehr schnell zur Kapellmeisterin gemacht wurde und fortan viel Repertoire dirigieren durfte. Und das war natürlich die perfekte Grundlage und Ausgangsstelle für mich; dort in Heidelberg.

Der Wunsch zum Dirigieren kam bei mir in dem Moment, als ich zum ersten Mal über einer Partitur saß.
Joana Mallwitz

BR-KLASSIK: Sie haben mit drei angefangen Klavier zu spielen, mit fünf Geige. Wann kam dann der Wunsch zum Dirigieren hinzu?

Dirigentin Joana Mallwitz | Bildquelle: Nikolaij Lund Joana Mallwitz | Bildquelle: Nikolaij Lund Joana Mallwitz: Der Wunsch zum Dirigieren kam bei mir ganz konkret in dem Moment, als ich zum ersten Mal über einer Partitur saß. Da muss ich ungefähr 13 Jahre alt gewesen sein, und es war für mich damals neu. Ich habe, wie gesagt, mein ganzes Leben Klavier gespielt und bin in diese Musikwelt hineingewachsen - auch über die ganzen Wettbewerbe, die man so macht. Aber das war tatsächlich neu für mich. Es war eine Partitur von Schuberts "Unvollendeter" Symphonie, die wir im Studiengang analysiert haben, und danach stand für mich einfach fest: Ich muss mein Leben damit zubringen, diese Musik irgendwie zu machen. Da lag es nahe, dass ich dafür eben Dirigieren lernen muss. Und so ist es dann auch gekommen.

Positives Bauchgefühl

BR-KLASSIK: Ihr Engagement in Erfurt läuft ja aus, mit dieser Saison. Was hat Sie denn letztendlich dazu bewogen, jetzt nach Nürnberg zu gehen?

Joana Mallwitz: Letztendlich einzig und allein mein Bauchgefühl. Ich hatte, um ehrlich zu sein, nicht unbedingt vor, jetzt sofort wieder die nächste GMD-Stelle anzustreben. Das ist ja jetzt auch relativ kurzfristig für eine solche große Stelle, dass es schon in der nächsten Spielzeit losgeht. Als ich hier vordirigiert habe, geschah das erst einmal mit ganz offener Meinung und ohne große Absichten. Dann stand aber für mich fest: Ich fühle mich hier wirklich wohl beim Orchester. Und wenn das stimmt, ist das einfach die wichtigste Voraussetzung: Dass ich das Gefühl habe, es ist ein gutes Team, in das ich komme - ein Team, mit dem ich wirklich etwas erreichen kann für die Zukunft dieses Theaters. Das ist der Hauptgrund.

BR-KLASSIK: Das Markenzeichen und Symbol eines Dirigenten ist der Taktstock. Taktstöcke gibt es in allen möglichen verschiedenen Ausführungen. Würden Sie uns verraten wie ihr Taktstock aussieht?

Joana Mallwitz: Schon ziemlich kaputt. Ich habe tatsächlich bis jetzt nur einen - und einen Ersatzstab. Deshalb muss ich schon wirklich achtgeben. Er ist schon ziemlich abgebröckelt am Griff. Letztendlich ist es ein Stab, der in meinem Fall nicht so lang sein sollte, weil meine Arme schon ziemlich lang sind.

Die Fragen stellte Detlef Krenge für BR-KLASSIK.
Sendung: 
"Leporello" am 24. Oktober 2017, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

    AV-Player