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Kritik - "Die Fledermaus" an der Deutschen Oper Berlin Villazón lässt im Raumschiff Walzer tanzen

Rolando Villazón präsentierte an der Deutschen Oper Berlin seine Sicht auf "Die Fledermaus". Unsere Kritikerin erlebte einen witzigen und tiefsinnigen Abend mit einem wunderbaren Sängerensemble. Donald Runnicles dirigierte schmissig und doch sensibel. Einige Buhrufe gab es trotzdem für die Regie.

Szenenbild aus der Strauß-Oper "Die Fledermaus" an der Deutschen Oper Berlin | Bildquelle: © Thomas Jauk

Bildquelle: © Thomas Jauk

DIE KRITIK ZUM ANHÖREN

Was haben der Kultfilm "Odyssee im Weltraum", die DDR in den 50er Jahren und Wien nach dem Börsenkrach gemeinsam? Ganz einfach: Strauss’ Fledermaus kann in jeder Epoche flattern, und Walzer geht immer. Mit geschnürter Taille oder in Uniform, im NVA-Bunker oder im Raumschiff, mit Dienstmädchen oder mit Robotern. Regisseur Rolando Villazon hat das feuchtfröhliche Spiel um Seitensprung und Rachegelüste im ersten Akt in die Operettenstadt Wien, im zweiten in Ulbrichts sozialistisches Paradies und im Dritten in die Science-Fiction-Welt gebeamt. Nach dem Motto: Verwirrte Hormone, gemeine Intrigen, enttäuschte Freunde und langweilige Ehen sind ewige Menschheitsthemen, so wie Reichtum und Armut, Saufgelage und Katerstimmung. Von der Bühne hängt Dalís zerflossene Uhr hinunter in den Orchestergraben, wo Donald Runnicles mit seinen Musikern all die Schlager und Ohrwürmer schmissig und doch sensibel begleitet.

Anette Dasch girrt und flirrt

Anette Dasch in einem Szenenbild aus der Strauß-Oper "Die Fledermaus" an der Deutschen Oper Berlin | Bildquelle: © Thomas Jauk Schriller Auftritt: Anette Dasch als Rosalinde in der "Fledermaus" von Johann Strauß. | Bildquelle: © Thomas Jauk Die Fledermausstory ist so kompliziert und unübersichtlich wie viele Operettengeschichten, sie lebt von den witzigen Archetypen und Verwechslungen. Die gelangweilte Ehefrau will gerade mit ihrem Lover loslegen, als der in den Knast muss, weil der Gefängnisdirektor ihn für ihren Ehemann Eisenstein hält. Annette Dasch als Rosalinde kann Comedy wie nur wenige andere Sopranistinnen, sie tanzt und girrt und flirrt und sieht mit Goldkleid, langen blonden Haaren und cooler Brille einfach klasse aus, immer präsent, manchmal als ungarische Gräfin eine Spur zu perfekt. Wie alle Sänger an diesem Abend hat sie ein sensationelles Gefühl für witziges Timing, stimmlich nur übertroffen von ihrer zierlichen Kammerzofe Adele, der Puertoricanerin Meechot Marrero.

Stalin lächelt milde

Szenenbild aus der Strauß-Oper "Die Fledermaus" an der Deutschen Oper Berlin | Bildquelle: © Thomas Jauk Thomas Blondelle als Eisenstein (links) und Thomas Lehman als Dr. Falke | Bildquelle: © Thomas Jauk Eisenstein, underfucked und oversexed, ist der volle Durchschnittstyp mit erotischen Phantasien, Thomas Blondelle sieht 08/15 aus, Marke Opelverkäufer, aber darunter schlummern Verrat und Gemeinheit. Und er ist so witzig. Wenn Eisenstein und Markus Brück als Gefängnisdirektor auf dem Maskenball französische Adelige spielen, da grölt das Opernhaus. Von Macaron zu Macron stolpern sie durch alle bekannten Vokabeln und Klischees einer Sprache, die beide nicht können, und kündigen schließlich erleichtert die ungarische Gräfin an: "Notre Dame". Dazu tanzen NVA-Generäle und nordkoreanische Soldaten, Stalin lächelt milde auf dem Bilde an der Wand, denn auch im strengen Sozialismus herrschte mit reichlich Wodka die blanke Anarchie.

Stanley Kubrick lässt grüßen

Alle Intrigen fliegen auf im Dritten Akt, der Stanley Kubricks Meisterwerk "Odyssee im Weltraum" zitiert. Gefängniswärter Frosch ist ein Roboter, Gefühle sind in seiner 2.0-Version erstmal nicht programmiert. Science Fiction ist grad voll Mode in der Opernregie, siehe Neuenfels’ Salomé an der Staatsoper. Sie gibt dem vermeintlich Seichten dieser Operette eine weitere Dimension, eine Tiefe, die passt und überrascht, denn zum Raumschiff spielt das Orchester plötzlich einen anderen Strauß: Richard Strauss' "Also sprach Zarathustra".

Rolando Villazon mit roter Clownsnase

Es sind drei vergnügliche, tiefsinnige, wunderbar gesungene und gespielte Stunden mit am Ende etwas langatmigen Momenten. Die mochte auch ein kleiner, aber lauter Teil des Publikums nicht: Regisseur Villazon musste viele Buhrufe einstecken und setzte sich als Antwort eine rote Clownsnase auf. Die Fledermaus an der Deutschen Oper wird dennoch ein Renner und nicht nur zu Silvester ausverkauft sein.

Sendung: "Leporello" am 30. April 2018, 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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