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Kritik - Verdis "Otello" bei den Osterfestspielen Baden-Baden Buh-Rufe für Robert Wilsons maschinell-kalte Inszenierung

In der Regie von Altmeister Robert Wilson und unter der musikalischen Leitung von Zubin Mehta eröffneten am Samstag (13. April 2019) die Osterfestspiele Baden-Baden mit einer Neuproduktion von Giuseppe Verdis "Otello". In der Titelpartie der Tenor Stuart Skelton, die Sopranistin Sonya Yoncheva sang die Desdemona.

Szene aus "Otello" bei den Osterfestspielen Baden-Baden | Bildquelle: Lucie Jansch

Bildquelle: Lucie Jansch

Ein riesiger Elefant liegt am Boden und blinzelt in das Publikum. In Zeitlupe wackelt er mit dem Ohr und lässt sich vollends zur Seite fallen. Eine große Elefantenfigur mit leuchtendem Auge ist hinter dem Gazevorhang auf der Bühne zu erkennen. Als Prolog ertönt zu diesem Bild ein sich steigerndes Windessausen aus den Lautsprechern im Baden-Badener Festspielhaus. Mit dieser packenden, verwirrenden und originellen Sound- und Video-Installation beginnt der neue "Otello" von Robert Wilson, bevor Zubin Mehta den Taktstock zur furiosen Sturmszene des ersten Aktes hebt.

Die Inszenierung in Bildern

Mit Einsetzen der Musik ist jedoch der Elefant verschwunden und wir befinden uns in dem für Wilsons Theatersprache so typischen monochromen Raum mit grellen Lichtstreifen. Blitze stehen über dem schwarz gekleideten, aufgereihten Wiener Philharmonia Chor, Wolkenschwaden wabern, doch die Protagonisten stehen wie Statuen bewegungslos und singen ihre Texte ins Publikum. Jago, Rodrigo und Cassio tragen schwarze Ritterrüstungen, auch Otello ist stark gepanzert; ihre Gesichter sind weiß geschminkt – ausnahmslos. Wieder einmal also kein dunkelhäutiger Otello, der trotz seiner grandiosen Erfolge für die Venezianer wegen seines Fremdseins nie ganz dazugehören wird.

Auch die Musik – maschinell und kalt

Szene aus "Otello" bei den Osterfestspielen Baden-Baden | Bildquelle: Lucie Jansch Bildquelle: Lucie Jansch Der Klang der Berliner Philharmoniker ist mächtig und trotzdem differenziert unter Zubin Mehtas Leitung, doch der zweite Chor "Fuoco di Gioa" wie auch das Trinklied erscheinen zu Wilsons abgezirkelter Szene mit eckigen Bewegungen auch musikalisch maschinell und kalt. Wo bleibt das Feuer, die Leidenschaft?

Ja, man hört sehr genau, was Verdis Musik erzählt, hört aber auch viel zu genau kleine Unzulänglichkeiten in der Darbietung. Nicht jeder Einsatz im Orchester stimmt, und der Tenor Stuart Skelton hat als Otello dann doch gelegentlich Probleme mit den Spitzentönen, was er in gnadenloser Regungslosigkeit frontal dem Publikum offenbaren muss.

Sonya Yoncheva durchbricht Desdemonas Maske mit energischer Stimme

Szene aus "Otello" bei den Osterfestspielen Baden-Baden | Bildquelle: Lucie Jansch Bildquelle: Lucie Jansch Vladimir Stoyanov als fieser Jago darf bei seinem Credo mephistophelisch Grimassen schneiden und mit den Händen wackeln. Er bleibt sängerisch souverän, wie auch Sonya Yoncheva, die als weiße  Matrioschka-Puppe mit dunklem Zopfkranz  fast ohne jede Regung den fatalen Verlauf des Geschehens hinnimmt. Stimmlich verleiht Yoncheva der Desdemona dafür umso mehr Ausdruck, gibt ihr kräftige, dunkle, ja kämpferische Töne. Diese Desdemona wehrt sich sehr wohl, nur kann man es in Robert Wilsons Inszenierung nicht sehen.

Stattdessen sieht man Umrisse von Arkadenbögen (vielleicht die des Dogenpalastes?), die sich immer enger um Otello zu einem Gitter fügen, eine dunkle Kugel, die Erde, Sonne oder Mond sein kann und mal schwarz, blau oder blutrot leuchtet, dann Bruchstücke der Arkaden, die wie Pfeile auf dem Kopf über den Protagonisten schweben, Treppenstufen, die im Nichts enden, und im letzten Akt einen im Luftzug wallenden Vorhang zum stilisierten Schlafzimmer mit weißem Bett.

Minimale Gesten ersetzen bei Wilson die großen Gefühlsäußerungen

Am packendsten gelingt allen Beteiligten der dritte Akt, in dem sowohl Chor als auch Solisten in diesem strengen Gefüge klare Positionen einnehmen und dennoch ihren inneren Vorgängen Ausdruck verleihen dürfen. Der letzte Akt zieht sich trotz der wunderschön gesungenen Szene der Desdemona, die sich so selbstverständlich mit einem Handgriff erwürgen lässt. Ja, die minimalen Handgesten von Robert Wilson, sie ersetzen Küsse, Kämpfe, Umarmungen. Am Schluss zieht Otello dann doch einen echten Dolch und stößt ihn sich in den Bauch. Warum auf einmal so realistisch? Und wo ist eigentlich der Elefant geblieben? Der war nämlich das stärkste Bild des Abends und bleibt Symbol des Gesamteindrucks: Ein nicht eingelöstes Versprechen.

Sendung: "Allegro" am 15. April 2019 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Verdis "Otello" in Baden-Baden

Weitere Informationen sowie Tickets und Termine finden Sie auf der Homepage des Festspielauses Baden-Baden.

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