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Kritik - "Die Meistersinger" bei den Osterfestspielen Salzburg Mit Thielemann gibt's keine Sekunde Langeweile

Dass er zu Recht als ein großartiger Wagner-Dirigent gehandelt wird – das hat Christian Thielemann dieses Wochenende bei den Salzburger Osterfestspielen erneut bewiesen. Für seine "Meistersinger" gab es Jubel. Auch, wenn die musikalische Klasse eine spannendere Regie als die von Jens-Daniel Herzog verdient hätte, meint unser Kritiker Bernhard Neuhoff.

Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" bei den Osterfestspielen Salzburg 2019 | Bildquelle: Monika Rittershaus

Bildquelle: Monika Rittershaus

Die Premierenkritik anhören

Ne Kiste machen – das bedeutet im Musikerjargon beim Tempo auf die Bremse treten. Vornehm gesagt: Ein Ritardando machen. Christian Thielemann liebt Kisten. Er liebt es, das Tempo kurz vor einem Höhepunkt rauszunehmen, den Moment zu zelebrieren. Früher hat er "Die Meistersinger von Nürnberg" ja durchaus mit Zug und Drive dirigiert, mit einem gesunden Misstrauen gegen überzogenes Pathos. Tempi passati. Jetzt setzt er genüsslich hier einen drauf, zögert dort, reizt hier aus, nur um dort im Handstreich das Tempo wieder anzuziehen.

Thielemann vermeidet jegliche Langeweile

Die Details funkeln, die Effekte zünden, die Übergänge gelingen traumhaft, wow, denkt man oft, und oft auch: zuviel, oder: warum geht es nicht endlich vorwärts. Generalpausen zerdehnt Thielemann bedeutungshubernd, den "Wach-auf"-Chor serviert er mit umwerfender Wucht. Aber auch tolle Kammermusik ist zu hören. Und die Ouvertüre fesselt das Ohr mit sorgfältig freigelegten Nebenstimmen. Toll ist das, bewundernswert, oft zu langsam und gelegentlich ziemlich manieriert. Aber das nimmt man gern in Kauf, denn musikalisch gibt es in diesen Meistersingern keine Sekunde der Langeweile.

Die Inszenierung in Bildern

Was aufregend klingt, sieht harmlos aus. Jens Daniel Herzog, seines Zeichens Intendant des Nürnberger Opernhauses, inszeniert diese Salzburger Meistersinger. Und zieht sich gekonnt mit einem lauwarmen Statement aus der Affäre. Das Publikum der Salzburger Osterfestspiele, muss man dazu wissen, ist sehr konservativ und sehr wohlhabend, viel elitärer noch als das der Sommerfestspiele – kein Wunder, schließlich bekommen die Osterfestspiele kaum staatliche Unterstützung. Umso teurer müssen die Tickets sein. Entsprechend vorsichtig ist man hier bei der Regie, Kulinarik hat an Ostern Tradition. Natürlich will Jens Daniel Herzog trotzdem eine zeitgemäße Bühnensprache finden. Was tun? Theater auf dem Theater – das verbindet beide Bedürfnisse elegant.

Regie "light" im Backstage-Bereich

Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" bei den Osterfestspielen Salzburg 2019 | Bildquelle: Monika Rittershaus Bildquelle: Monika Rittershaus Wir sehen also eine Bühne auf der Bühne, eine Meistersinger-Inszenierung, die Proben zu den Meistersingern zeigt. Vor einem festlichen Bühnenportal, das an die Dresdner Semperoper erinnert, stehen ein paar bewegliche Stuhlreihen. Dahinter eine Dreh-Bühne mit Backstage-Bereichen: Maske, Intedantenbüro, Kostümfundus und Schuhmacherwerkstatt. So können die Figuren mal in historischen Kostümen, mal in Alltagskleidung agieren. Ansonsten bleibt Herzog ganz brav bei der Geschichte, bebildert nicht ungeschickt, aber völlig unpolitisch einen hochpolitischen Text. Die Brechung ist letztlich nur ein Alibi, die Festwiese schaut so possierlich aus wie im Musikantenstadel, und die Figuren bleiben weitgehend eindimensional: Beckmesser ist böse und lächerlich, Sachs klug und gut. Nur bei seiner berüchtigten Ansprache an das Volk, wenn Sachs von deutscher Kunst und deutschen Meistern tönt, zeigt sich kurz der Sprengstoff dieses Texts: Da geht Sachs den Walther körperlich an, woraufhin der zum Schlussakkord das Weite sucht. Eine halbherzige Pointe: Regie light. Gekonnt, hübsch und harmlos.

Gesanglich überzeugend

Szene aus "Die Meistersinger von Nürnberg" bei den Osterfestspielen Salzburg 2019 | Bildquelle: Monika Rittershaus Bildquelle: Monika Rittershaus Exzellent dagegen die Sänger. Wieder gut in Form ist Klaus Florian Vogt in seiner Paraderolle als Walther von Stolzing. Gewiss, sein heller Tenor klang früher müheloser, ungetrübter, aber dafür hat er an Körperlichkeit gewonnen. Ein Nebenrollen-Highlight liefert Sebastian Kohlhepp als David, von dem will man mehr hören. Adrian Eröd gestaltet den Beckmesser stimmlich souverän, wenn auch nicht überragend, und erfreut mit traditionellem, dankenswerterweise dezenten Opern-Slapstick. Stimmlich etwas zu leicht besetzt ist die Eva mit Jacquelyn Wagner, dafür der Pogner mit Vitalij Kowaljow umso eindrucksvoller.

Viel weniger Volumen hat Georg Zeppenfeld als Sachs. Dafür verfügt er über einen perfekten Fokus, tolle Textverständlichkeit und schier unerschöpfliche Kraftreserven. Mit sattem Bassfundament und unangestrengter Höhe agiert er wach und präsent – ein schlanker, nervöser, alle anderen Charaktere überragender Spielmacher, ein ebenso originelles wie fesselndes Rollenporträt. Ihnen allen rollen Thielemann und die farbig und flexibel spielende Dresdner Staatskapelle mit einem wunderbar sängerfreundlichen Spiel den roten Teppich aus. Schade, diese musikalische Klasse hätte eine spannendere Regie verdient.

Sendung: "Allegro" am 15. April 2019 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

"Die Meistersinger" bei den Osterfestspielen Salzburg

Weitere Informationen sowie Tickets und Termine finden Sie auf der Homepage der Osterfestspiele Salzburg.

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