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Kritik – "Rosenkavalier" an der Berliner Staatsoper Zartbitter statt Zuckerwatte

Walzer, Wien und Varieté, Zirkus, Zauber, Zuckerwatte: Wenn Multimediakünstler André Heller den Rosenkavalier von Richard Strauss inszeniert, sorgt schon die Ankündigung für Bauchweh: Zu viel Dekor und Schmäh, Wunderkammern, Feuerspektakel und Roncalli – so die Befürchtung der Kritikerin. Aber: nein. Die traurigschöne Tragikomödie rührt bei der Premiere an der Staatsoper Berlin auf melancholische Weise tief.

Multimediakünstler André Heller inszeniert erstmals auf der Opernbühne | Bildquelle: © Ruth Walz

Bildquelle: © Ruth Walz

Opernkritik

André Heller inszeniert Strauss' "Rosenkavalier"

Der 73-jährige Heller, zu Hause in Wien, in Marokko und auf Reisen, hat noch nie eine große Oper inszeniert, das Genre aber immer geliebt. Ihm zur Seite stand Opern-Regisseur Wolfgang Schilly, ebenfalls ein Wiener und die Wiener Malerin und Bühnenbildnerin Xenia Hausner. Das Thema von Strauß' populärster Oper, Uraufführung 1911, ist die Liebe und ihre Vergeblichkeit in der verrinnenden Zeit.

Zeitlose Inszenierung

Camilla Nylund als Feldmarschallin  | Bildquelle: Ruth Walz Camilla Nylund als Feldmarschallin in "Der Rosenkavalier" | Bildquelle: Ruth Walz Das Team um Heller hat der Verlockung widerstanden, die Geschichte ins Heute zu verlegen, denn jedes große Kunstwerk ist zeitlos, mit dem Libretto von Hofmannsthal ohnehin. Im japanisch ausgestatteten Schlafzimmer (japanische Möblierung und Kunst lagen zu Beginn des 20. Jahrhunderts voll im Trend), haben die Fürstin und ihr Lover eine Liebesnacht genossen. Camilla Nylund singt herzergreifend über die Zeit, dies sonderbar Ding.

Michèle Losier in der Hosenrolle des Oktavian wirkt androgyn, flirrend und dennoch verführerisch. Auch Oktavian ahnt: Die Liebe zwischen einem 17-Jährigen und einer schönen, aber, wie es früher so deutlich hieß, verblühenden Frau hat keine Zukunft. In diese Tristesse bricht Baron Ochs herein, der Harvey Weinstein der Opernwelt. Ein ungeschlachter Trampel, den der Bass Günther Groissböck weltmännisch, verschlagen und brutal spielt. Einer, der alle Mädels flachlegt, und je mehr sie sich wehren, desto jünger fühlt er sich. Ein Widerling, den Widerstand anspornt. Ein sentimental-egomaner Kerl, der die reiche Sophie heiraten und die verkleidete Kammerzofe ins Bett kriegen will, alles im Dreivierteltakt.

Heitere Schwermut, langes Ende

Camilla Nylund als Felmarschallin und Michèle Losier als Octavian in der Inszenierung von André Heller | Bildquelle: Ruth Walz Camilla Nylund als Feldmarschallin und Michèle Losier in der Inszenierung von André Heller | Bildquelle: Ruth Walz Am Schluss kriegen sich Sophie und Oktavian, die edle Marschallin verzichtet. Aber schade: Das rätselhaft bezaubernde Bühnenbild, ein Jugendstilfenster, das in einen Sternenhimmel übergeht, bleibt seltsam leer. Heller ist zum Ende wenig eingefallen, alle drei stehen herum, singen überirdisch schön, haben aber wenig zu tun. Deshalb auch die deutlichen Buhrufe, die sich unter den großen Applaus mischen. Zubin Mehta am Pult der wie immer grandiosen Staatskapelle hätte temporeicher und energetischer dirigieren können.

Trotzdem: Die Kritikerin, die ursprünglich Angst hatte vor zu viel wienerischer Zuckerwatte, ist froh um die heitere Schwermut und die süße Bitterkeit, die André Heller um den Rosenkavalier inszeniert hat.

Sendung: "Allegro" am 10. Februar 2020 ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Der Berliner "Rosenkavalier"

Informationen zu Terminen, Vorverkauf und Besetzung erhalten Sie auf der Homepage der Staatsoper Berlin.

Kommentare (1)

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Mittwoch, 12.Februar, 15:47 Uhr

Wolfgang Stern

Rosenkavalier

André Heller geht ins Detail und macht das großartig. Vielleicht sollte man bei Vollmond in Berlin keine Premiere ansetzen.

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