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Künstliche Intelligenz – Beethovens 10. Symphonie uraufgeführt Künstlich ist nicht künstlerisch

Über zwei Jahre wurde getüftelt, gerechnet und am Computer komponiert – herauskommen sollte Beethovens 10. Symphonie. Am 9. Oktober war die Uraufführung. Das Ergebnis ist durchaus interessant, aber ins Konzertrepertoire wird es "Beethoven X" zukünftig wohl eher nicht schaffen.

Uraufführung Betthoven X - Beethoven Orchester Bonn | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Tim Höttges, Auftraggeber des Beethoven-Experiments und Chef der Telekom, hat sich gefreut, dass alle Beteiligten mit Energie das Wagnis "Beethoven X" zu einem Ende gebracht haben in einer für ihn ziemlich mutlosen Zeit. Höttges‘ Vision: Dass Mensch und Maschine in Zukunft Brüder werden und keine Gegner, auch wenn das Klangergebnis ihn nicht umgehauen hat.

Für das, was das Beethoven Orchester Bonn am 9. Oktober uraufführen konnte, hatte ein Computer mehr als zwei Jahre lang gerechnet. Wie genau er vorgegangen ist, um am Ende eine Partitur aus Midi-Noten auszuwerfen, dazu gab es nur wenig Details, lediglich einige Rahmenangaben. Er wurde mit 10.000 Musikstücken aus der Epoche Beethovens und des Barocks gefüttert, außerdem mit einigen der 40 Skizzen des Komponisten, die Beethoven selbst zu seiner nie realisierten zehnten Symphonie aufgeschrieben hatte.

Konventionell, kleinteilig – und nur selten wirklich Beethoven

Uraufführung Betthoven X - Beethoven Orchester Bonn | Bildquelle: picture-alliance/dpa Das Beethoven Orchester Bonn beim Projekt "Beethoven X" | Bildquelle: picture-alliance/dpa Insgesamt hat der Rechner bei dem Projekt Beethovens Zehnte ungefähr zwei Millionen Noten geliefert. Ständig musste jedoch der Mensch eingreifen. Für eine neu errechnete Phrase hatte Arrangeur Walter Werzowa 200 oder manchmal sogar 300 unbrauchbare Vorschläge erst zu sichten und dann auszusortieren. Einmal schickten auch die Musiker des Beethoven Orchesters Bonn eine ganze Fassung zurück nach Salzburg an das KI-Team aus Computerexperten und Musikentwicklern unter der Leitung von Matthias Röder, dem Direktor des Karajan-Instituts. Für den eigentlichen Noten-Output sorgte Chef-Programmierer Ahmed El-Gamal. Der räumt ein, dass es schließlich eine Kooperation ist. Es musste immer der Arrangeur kommen und das Errechnete zusammenfügen. Und so kam immer wieder das menschliche Element mit ins Spiel. Alles klingt konventionell, kleinteilig – und nur selten wirklich nach Beethoven. Ausnahmen sind ein Zitat aus der Pathetique-Klaviersonate und das pochende Schicksalsmotiv aus der Fünften, das das neue Scherzo dieser Zehnten bis zum Ende dominiert.

Zusammengehen von Mensch und Maschine

Auftraggeber Telekom spricht beim Projekt „Beethoven X“ von einem Zusammengehen von Mensch und Maschine. Dass Beethoven dabei nicht zu sehr vereinnahmt wird, dafür sorgte ausgerechnet der Dirigent der Uraufführung dieses Versuchs Bonns Generalmusikdirektor Dirk Kaftan. Kurz nach der Uraufführung sagte er dem Publikum:

Also, um es mal kurz zu machen: Das ist kein Beethoven.
Dirigent Dirk Kaftan

Uraufführung Betthoven X - Beethoven Orchester Bonn | Bildquelle: picture-alliance/dpa Dirigent Dirk Kaftan hat Beethoven X zusammen mit dem Beethoven Orchester Bonn uraufgeführt. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Schon nach der Generalprobe meinte der Dirigent: Für ihn beweist das Klangergebnis, dass die KI nur auf das reagieren kann, womit sie gefüttert wird. "Die KI verarbeitet Dinge, die schon passiert sind. Sie verarbeitet die Vergangenheit. Die Frage ist, ob sie etwas originäres Neues schafft, was aus der Seele des Menschen einen Zeitgeist auffängt und daraus ein unverwechselbares Kunstwerk macht – die ist nicht beantwortet mit diesem Projekt. Und da hätte ich meine ganz, ganz großen Zweifel."

Der Bonner Uraufführungsabend hat gezeigt, dass man die Worte künstlich und künstlerisch nicht verwechseln sollte und dass sich zumindest auf dem Feld der Musik künstliche Intelligenz nicht ansatzweise mit einem Genie messen kann wie Beethoven.

Anhören und Anschauen

Sie können die Uraufführung von Beethovens 10. Sinfonie noch einmal erleben – das Konzert wurde live und kostenlos im Internet übertragen.

Sendung: "Allegro" am 11. Oktober 2021 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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Dienstag, 19.Oktober, 21:30 Uhr

schmokie

Beethovens Zehnte und die KI

Vielleicht hätte man den Computer nur mit Beethovens letzten Sinfonien und seinen 40 Skizzen zur Zehnten füttern sollen. So wäre mehr Beethoven herausgekommen. Kein Wunder, dass der Mensch bei dem ganzen "Datenmüll" eingreifen musste. Intelligenz - natürliche wie künstliche - heißt auch, das Wesentliche zu erkennen und sich darauf zu beschränken.

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