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Werden Musiker ausgebeutet? Wie Agenturen Hoffnungen von Musikern zu Geld machen

Einmal in der Elbphilharmonie oder im Concertgebouw auftreten: Das hoffen viele Musiker. Wie kommt ein Newcomer auf die großen Bühnen? In der Regel durch die Vermittlung von Agenturen. Doch nicht alle arbeiten seriös. Zahlreiche Künstler werfen einer Münchner Agentin unfaire Methoden vor. Ein Einzelfall?

Viele Musiker hoffen auf den Durchbruch und unterschreiben deshalb Verträge mit schlechten Bedingungen. | Bildquelle: Unsplash/Helloquence

Bildquelle: Unsplash/Helloquence

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Hoffen ist menschlich. Hoffnung kann beflügeln, aber auch blind machen. Das gilt auch für Musiker: Sie hoffen, von der eigenen Kunst gut leben zu können, sich am Markt durchzusetzen oder auf den großen Bühnen zu landen. Mit einer Künstleragentur soll das möglich sein, gerade für Newcomer ist es aber nicht leicht, in so eine Agentur hineinzukommen. Das VAN-Magazin berichtete Mitte Mai von fragwürdigen Praktiken der Münchner Agentur von Xenia Evangelista. Eine Reihe ihrer Klienten wirft ihr vor, sie habe Geld genommen, ohne dafür Konzerte zu vermitteln.

Auf den ersten Blick sieht die Agentur für die Künstler vertrauenswürdig aus: "Frau Evangelista machte einen sympathischen Eindruck auf uns, sie hatte eine gut vernetzte Facebookseite und einen sehr professionellen Webauftritt, auf dem auch einige prominentere Kollegen auftauchten", sagt Nicolai Pfeffer, Professor für Klarinette an der Musikhochschule Köln. "Wir empfanden zunächst keine Skepsis." Pfeffer meldet sich wegen eines im Internet beworbenen Vorspiels bei Xenia Evangelista.

Im Vertrag: Eine Grundgebühr von 350 Euro

Andere Künstler werden von Evangelista über verschiedene Social-Media-Kanäle wie Facebook, Xing oder LinkedIn kontaktiert. Bald legt die Agentin den Künstlern einen Vertrag vor. Der enthält in vielen Fällen eine Besonderheit: Sie sollen nicht nur eine Provision für vermittelte Konzerte zahlen, sondern auch eine Grundgebühr pro Monat – 300 bis 350 Euro, und das über mindestens 15 Monate. Nicht gerade eine übliche Praxis, sagt Elisabeth Ehlers, Direktorin beim Künstlersekretariat am Gasteig: "Wir nehmen ausschließlich eine Provision, das ist im Agenturgeschäft üblich. Im Opernbereich zehn Prozent, im Konzertbereich auch schon mal mehr, je nach Absprache. Aber nie ein festes Geld."

Wir klassischen Musiker sind es ohnehin gewohnt, für unsere Projekte und für unsere Vermarktung zu zahlen.
Nicolai Pfeffer

Allerdings sieht sich Evangelista nicht nur als Künstler- und Konzertagentin. Künstleragenturen vermitteln Künstlerinnen und Künstler, sie kümmern sich um Termine oder den Kontakt zu Veranstaltern. Evangelista will aber auch Marketing und PR für ihre Musiker machen: Markenbildung, Social Media, Beratung. "Aktives Management" heißt dieses Paket bei ihr. Im PR-Bereich sind monatliche Gebühren üblich – denn Leistungen der Pressearbeit drücken sich kaum in etwas Messbarem aus.  So ist auch die Mezzosopranistin Martina Gmeinder zuerst skeptisch, unterschreibt dann aber doch. "Wenn man jetzt den Vertrag liest, denkt man: Wie habe ich das vorher nicht sehen können? Aber man hofft einfach, dass da noch etwas kommt."

4.500 Euro gehen an Evangelista – ohne ein Konzert

Aber es kommt nichts. Den meisten Künstlern werden keine Konzerte vermittelt. Auch die PR-Arbeit empfinden sie als unzureichend. Nur die berühmte Sopranistin Vesselina Kasarova berichtet als einzige der von BR-KLASSIK kontaktierten Künstler von einer positiven Erfahrung. Sie habe von Xenia Evangelista Meisterkurse vermittelt bekommen. Der Pianist Marco Sanna vermutet eine Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den Künstlern: Große Namen, die sich im "passiven Management" befinden und nur Provisionen zahlen, und weniger bekannte, die sich – von den großen Namen angelockt – auf teuere, aber wirkungslose Vertragsmodelle einlassen.

Sanna und sein Duopartner jedenfalls hören nichts von ihrer Agentin: "Ein paarmal haben wir ihr geschrieben und gefragt, wie es läuft. Sie meinte, sie habe noch nicht bei irgendeinem potenziellen Veranstalter das 'Vollinteresseniveau' erreicht", sagt Sanna. "So lief das ungefähr ein Jahr lang." Dann entscheidet sich das Duo, den Vertrag zu kündigen. Evangelista droht daraufhin mit Anwälten, das schüchtert die Musiker ein. Über 15 Monate zahlen sie insgesamt 4.500 Euro.

Zahlreiche Musiker sind betroffen

Wie viele Künstler bei Xenia Evangelista unter Vertrag stehen, möchte die Agentin nicht sagen. 37 sind auf ihrer Homepage aufgelistet, dazu kommen die vielen Musiker, die inzwischen gekündigt haben. Die Zahl derer, die regelmäßig eine Grundgebühr entrichtet haben, dürfte also deutlich höher sein. Die Betroffenen fragen sich: Gibt es überhaupt Künstler, die durch die Agentin Konzerte bekommen haben?

"Ich kann Ihnen nur sagen, ich bin erfolgreich. Seit 2006 arbeite ich in diesem Bereich", sagt Xenia Evangelista. "Ich habe viele Konzerte vermittelt, aber leider gibt es auch Künstler, die nicht das Glück hatten. Das heißt aber nicht, dass ich nichts getan hätte." Tatsächlich legt Evangelista Belege für einige vermittelte Konzerte und PR-Aktivitäten vor. Darüber hinaus habe sie gute Kontakte zu Veranstaltern. Auf Nachfrage von BR-KLASSIK geben mehrere große Münchner Veranstalter an, nie etwas von Xenia Evangelista und ihrer Agentur gehört zu haben.

An wem es lag, darüber lässt sich streiten

Zu einer Mindestanzahl von vermittelten Konzerten ist Evangelista laut Vertrag nicht verpflichtet. Wer ist also schuld, dass die Investition von tausenden Euro sich für die Musiker nicht gelohnt hat? Waren die Künstler einfach zu unbekannt oder lag es an der Untätigkeit der Agentur? Diese Fragen werden wohl bald Gerichte klären müssen. "Das Gesetz sieht ganz klar vor: Wenn eine Unerfahrenheit des Vertragspartners ausgenutzt wird und ein klares Missverhältnis von Leistung und Gegenleistung besteht, dann sind die Verträge nichtig", sagt der Düsseldorfer Anwalt Jeremias Mameghani. Er sammelt gerade Aussagen von betroffenen Musikern.

Xenia Evangelista sieht keine Schuld bei sich. Aus ihrer Sicht hat einer ihrer ehemaligen Klienten die anderen Kunden gegen sie aufgebracht: "Dieser Musiker kontaktiert systematisch mein Netzwerk und meine Künstler in sehr aggressiver Weise. Er verhält sich obsessiv. Teilweise haben meine Künstler Angst vor diesem Menschen, weil sie massiv belästigt werden, so lange, bis der Künstler mir schließlich von der Fahne geht." Tatsächlich kursieren im Internet krude Verschwörungstheorien über die Agentin. Von gefälschten Identitäten und Dokumenten ist da unter anderem die Rede, die wildesten Vermutungen werden angestellt. Keine dieser Anschuldigungen erweist sich nach Recherche von BR-KLASSIK als haltbar. Evangelista legt auch Droh-Mails vor, die sie anonym erhalten hat. Die große Enttäuschung ist hier wohl in Hass umgeschlagen.

Xenia Evangelista ist kein Einzelfall

An der Tatsache, dass zahlreiche Künstler trotz hoher Kosten keine Konzerte bekamen, ändert das nichts. Und das ist kein Einzelfall: Auch mit anderen Agenturen haben Künstlerinnen und Künstler in der Vergangenheit ähnliche Erfahrungen gemacht. "Ich war vor ungefähr zehn Jahren bei einer britischen Agentur, bei der klang alles zuerst sehr vertrauenswürdig", sagt der Komponist Moritz Eggert. Er bezahlte dort auch einen Grundbetrag pro Monat. "Dafür wollte sich die Agentur um alles Managementmäßige kümmern. Aber es passierte gar nichts". Er vermutet ein System dahinter: "Ich glaube, das ist einfach ein existierendes Modell, in dem Agenten kurzfristig Musiker an sich binden und die dann ausnehmen wie eine Weihnachtsgans."

Das Schweigen ist zentral in dieser Geschichte. Selbst in einer so kleinen Welt wie der klassischen Musik wissen die Leute nicht voneinander.
Marco Sanna

Warum passiert das so vielen Musikern? Die Gründe liegen nicht zuletzt im Klassik-Markt: "Es ist sehr voll. Die Hochschulen bilden ja enorm viele aus", sagt Elisabeth Ehlers vom Künstlersekretariat am Gasteig. So lassen sich die Hoffnungen von weniger bekannten Musikern leicht ausnutzen. Helfen würde es, wenn Musikstudierende schon im Studium besser auf die wirtschaftlichen Aspekte ihres Berufs vorbereitet würden. Das findet auch Rechtsanwalt Jeremias Mameghani: "Das muss Bestandteil der Hochschulausbildung werden. Ich kann jedem Musiker nur empfehlen, die Verträge ganz intensiv zu lesen und bei Zweifeln einen Rechtsanwalt zu Rate zu ziehen." Ein Tipp, der nicht nur für Musiker gilt.

Sendung: "Allegro" am 28. Mai 2019 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Samstag, 01.Juni, 11:57 Uhr

Midou Grossmann

Agenturen Klassik

Abzocke gibt es aktuell in allen Branchen. Also Vorbildfunktion für Künstleragenturen. Nach Einblicken in die Branche, habe ich mich zurückgezogen. Auch Agenten müssen sich den Veranstaltern 'hold' machen, der Markt is umkämpft. Der Kampf wird an den Künstler weitergegeben. Es setzen sich nicht immer die großen Talente durch, da solche zumeist diesen Kampf verachten. Die Klassik ist zumeist zu einem lukrativen Geschäft geworden. Zu einem Geschäft, in dem das Talent nicht mehr viel wert ist. Der Anfang ist sehr schwer, oft steht die Frage im Raum, wieviel verkaufe ich von mir selbst. Mittlerweile jubelt das Publikum auch gerne, wenn eine gute PR eingesetzt wurde, künstlerisches Genie ist selten zu finden.

Freitag, 31.Mai, 16:13 Uhr

Elizabeth Arenas

Frau Elisabeth Ehler, Sie haben vollkommen recht, aber es gibt einen weiteren wichtigen Punkt, bei dem kleine Agenturen nicht zu 100% gegen die großen arbeiten können. Orchester und Theater ignorieren die Künstler der kleinen Agenturen, weil sie als gering und unzulänglich gelten sie denken, dass sie nicht dazu neigen, einen Raum zu füllen, sie zwingen uns, alle Kosten für die Anmietung der Konzertsäle zu bezahlen, wenn wir keine Veranstalter, sondern Vermittler sind. Es gibt nur Interesse an den großen Künstlern, die immer die jungen Leute der neuen Generation ignorieren, meine ich Aufgabe ist es, diesen jungen Leuten in ihrer künstlerischen Karriere zu helfen, aber leider muss ich gegen diese Ignoranz der großen Orchester und Theater ankämpfen. Sie sollten allen Künstlern gleichermaßen Möglichkeiten eröffnen und bieten, ohne die Künstler im Voraus zu verurteilen, nur weil sie einfach jung und unbekannt sind

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