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Was verdient ein Opernsänger? Spitzengage oder Hungerlohn?

Verdienen Opern-Stars wie Anna Netrebko zu viel? Oder zu wenig? Warum verdient ein Sänger an einem Stadttheater manchmal weniger als ein Orchestermusiker? Uwe Friedrich untersucht im ersten Teil der neuen BR-KLASSIK-Serie "Einblicke ins Klassikbusiness" das heikle Thema der Sängergagen.

Münzen fallen auf den Tisch | Bildquelle: pixabay

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Der Beitrag "Sängergagen" zum Anhören

15.000 Euro an einem Abend: "Respektive des künstlerischen Personals wird es wahrscheinlich immer zu wenig sein. Aus dem Blick der Öffentlichkeit, zum Beispiel einer Krankenschwester, die im Monat mit einem Gehalt um die 2.000 Euro nach Hause geht, klingt es extrem viel" - der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) bezieht sich mit dieser Äußerung auf die Spitzengagen im Opernbetrieb, die Sänger durchaus an einem Abend verdienen können. Allerdings nur die Stars der Szene. Von dem hohen Betrag gehen mitunter noch beträchtliche Kosten für Reise und Unterkunft ab. Und nicht zu vergessen: bis zu 15 Prozent Provision für die Künstleragentur. Von einer üppigen Abendgage bleibt dann natürlich immer noch einiges übrig.

Hohe Gagen nur für Netrebko, Kaufmann und Co

Operndiva Anna Netrebko am roten Teppich bei der Preisverleihung des Echo Klassik 2016  | Bildquelle: picture-alliance/dpa Anna Netrebko bei der Echo-Verleihung 2016 | Bildquelle: picture-alliance/dpa Solche Summen können auf dem Sängermarkt aber nur ein Dutzend Stars wie Jonas Kaufmann oder Anna Netrebko aufrufen. Das betonen übereinstimmend sämtliche Kenner der Opernszene. Wolfgang Rothe, kommissarischer Intendant und Kaufmännischer Geschäftsführer der Dresdner Semperoper, sieht ein Problem für die Branche und den Markt vor allem in der Entwicklung der Gagen. Hat ein Künstler Erfolg mit einer prominenten Produktion oder steht er bei einer wichtigen Premiere auf der Bühne, führe dies zu einem sprunghaften Anstieg seiner Gage.

"Da befinden wir uns ungefähr im Bereich zwischen 5.000 und 10.000 Euro. Es ist relativ schwer, ab einem bestimmten Punkt noch objektive Kriterien zu finden", erklärt der Berliner Künstleragent Stefan Reineke. Er versucht, auf dem Sängermarkt das beste Ergebnis für seine Sängerinnen und Sänger zu erzielen. Gagen sind also Verhandlungssache. Das klingt - für Außenstehende - ein bisschen nach Teppichbasar.

Auch der Intendant der New Yorker Metropolitan Opera, Peter Gelb, räumt ein, dass die Kriterien für die Höhe einer Gage sich in den letzten Jahren verändert hätten. Früher sei vor allem der richtige Schallplatten-Vertrag entscheidend für den Marktwert gewesen: "Wer bei der Deutschen Grammophon aufgenommen hat, hatte es geschafft und er hat damit auch viel Geld einnehmen können."

Heutzutage verdienen die wirklich herausragenden Stars das meiste Geld mit Konzerten.
Peter Gelb, Intendant der New Yorker Metropolitan Opera

Existieren Gagenlisten?

New York zahlt auch für namhafte Sänger weniger als Houston, München zahlt weniger als Köln, das war schon immer so. Kluge Sänger nutzen den Prestigegewinn von Auftritten an den renommierten Häusern, um die Preise andernorts hochzuhalten. Immer wieder wird die Existenz von Gagenlisten bestritten, mit denen sich die Opernhäuser angeblich abstimmen. Künstleragent Reineke geht trotzdem davon aus, dass es sie gibt, und ist überzeugt, dass sich zumindest die Opernhäuser, die in der "Deutschen Opernkonferenz" organisiert sind, auch beim Thema Gagen absprechen: "Unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten würde man das ein Kartell nennen."

Die Deutsche Opernkonferenz

Es handelt sich um einen Zusammenschluss führender Opernhäuser des deutschen Sprachgebiets. Als assoziierte Mitglieder gehören auch das Royal Opera House Covent Garden sowie die Mailänder Scala dazu.
Ziel der Vereinigung ist regelmäßiger Erfahrungsaustausch, Diskussion und Beratung über aktuelle Themen und Entwicklungen im nationalen und internationalen Opernbereich.
Tagungen finden in der Regel zweimal jährlich statt.

Abwärtsspirale - Sozialer Abstieg vorprogrammiert?

Seit Jahren steigen die Zuwendungen der öffentlichen Hand für die Theater kaum noch - oder sinken inflationsbereinigt sogar. Weil die Tariflöhne für Bühnenarbeiter und Verwaltungsangestellte der Oper aber höher werden, bleibt den Geschäftsführern nur noch das Sparpotential beim künstlerischen Etat. Das trifft vor allem jene Sänger, die ohnehin kaum ihre Miete zahlen können.

Es kann nicht sein, dass der Bühnentechniker oder ein Werkstattmitarbeiter mehr verdienen als der Solist auf der Bühne.
Wolfgang Rothe, kommissarischer Intendant und Kaufmännischer Geschäftsführer der Dresdner Semperoper

Semperoper Dresden | Bildquelle: Matthias Creutziger Wolfgang Rothe, Semperoper: "Die Gagen oder Gehälter aller an einem Theaterprojekt Beteiligter müssen in einem angemessenen Verhältnis stehen." | Bildquelle: Matthias Creutziger Die Mindestgage für Ensemblemitglieder liegt bei 1.850 Euro brutto im Monat, Gäste müssen ihre Gagen frei aushandeln - und können dann sogar bei noch niedrigen Beträgen landen. Semperoper-Chef Rothe hat das Gehaltsgefüge im gesamten Haus im Blick und ist der Meinung, dass die Gagen oder Gehälter aller an einem Theaterprojekt Beteiligter in einem angemessenen Verhältnis stehen müssen. Es könne nicht sein, "dass der Bühnentechniker oder ein Werkstattmitarbeiter mehr verdienen als der Solist auf der Bühne."

Knallharte Kosten-Nutzen-Rechnung

Peter Gelb, Intendant der New Yorker Met vertritt eine dezidiert amerikanische Sichtweise und rät jedem Sänger zur knallharten Kosten-Nutzen-Rechnung: "Es ist schwer, mit dem Begriff Fairness zu argumentieren, wenn die Kunstform insgesamt ein Verlustgeschäft ist. Wer nennenswertes Talent hat, dem wird es auch gelingen, seine ökonomische Lage zu verbessern, weil er dann auch wirtschaftlichen Erfolg hat. Es ist auch nicht fair vorauszusetzen, dass Künstler automatisch subventioniert werden sollen, nur weil sie Künstler sind. Leider funktioniert unser Leben nicht so. Es gibt auch sogenannte Künstler, die vielleicht keine Künstler sein sollten, sondern etwas anderes mit ihrem Leben anfangen sollten."

Einblicke ins Klassikbusiness

Die neue Serie bei BR-KLASSIK im Radio - immer mittwochs um 7.30 Uhr in "Allegro"

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Montag, 25.September, 11:58 Uhr

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Antwort an Justus Well

Sehr geehrter Herr Well, vielen Dank für Ihre kritische Anmerkung. Unser Autor dazu: "Diese Summe nennt der Berliner Kultursenator als Beispiel, um das Problem der Vergleichbarkeit zu verdeutlichen. Er meint offensichtlich das Nettogehalt einer Krankenschwester "mit dem sie nach Hause geht", was mir bei gut 50% Steuern und Sozialabgaben auch plausibel erscheint, denn selbst von der Höchstsumme, die Sie nennen, bleiben dann etwa 2500 Euro netto. Ich nenne hingegen die Bruttogagen, was dann auch im weiteren Text deutlich wird."

Sonntag, 24.September, 08:10 Uhr

Justus Well

Krankenschwestern 2000€/Monat?

Bevor Sie sowas im Radio bringen und ins Internet schreiben, recherchieren Sie doch mal, sonst wird es Fake-News. Nach TVöD-B (Besondere Vereinbarung Pflegedienst) ist das Einstiegsgehalt für eine(n) Krankenschwester/-pfleger in Entgeltgruppe 7, Stufe 1 2387€/Monat. Mit steigender Beschäftigungszeit steigt man bis in Stufe 6 über 3000€, Vollzeit, noch ohne Zuschläge für Schicht- und Wochenenddienst. Mit Personalverantwortung erhöht sich die Entgeltgruppe. Als Stationsleitung kommt man in mindestens Gruppe 8, es kann bis 11 gehen, in Stufe 6 dann 4955.
Das Durchschnittsgehalt in D liegt angeblich bei 2700€.
Mit 2000€ liegen Sie also weit unterhalb des Einstiegsgehalts für Berufsanfänger.

Samstag, 23.September, 10:45 Uhr

Dippel, Roland H.

Wieder einmalc fehlen Vergleiche zu xhor Honoraren und zu Häusern wie Hof,, Innsbruck, Nordhausen, Luzern und Agentzren an der Basis, zB ZAV, und denmm Prinzip Opernstudio Ks Lohndumping sowie Freie Szene. SCHADE!!!!

Donnerstag, 21.September, 16:44 Uhr

Hans-Georg Lorek

Sänger auf der Bühne

Es ist eine Schande Künstlern mit Almosen abzuspeisen. Unter 1000o Euro pro Auftritt / Abend sollte kein Künstler auf die Bühne gehen . Wenn Agenturen 15 % Provision erhalten und der Künstler alle Unkosten selbst tragen muss, sind 10000 Euro nicht zu viel. Politiker sind besser bezahlt , obwohl sie kein Risiko eingehen.
Sorgen wir dafür, dass das Konzert a mit 442 Schwingungen bestehen bleibt.

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