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Zum Tod des Cellisten Lynn Harrell Auf den Geschmack kommt es an

Sein Erkennungszeichen: dieser weiche, samtige Ton, der das Ohr anweht wie ein Lufthauch und dabei eine klare, festgefügte Botschaft transportiert. Für Lynn Harrell war das Cello eine weitere Stimme – weniger ein Instrument als mehr ein Organ, mit dem der Mensch all das äußern konnte, was seine Seele bewegt. Ganz nah solle der Musiker seinem Instrument sein, sagte er einmal einem Schüler in einem seiner zahllosen Meisterkurse: "Stay in the strings" – "Bleib an den Saiten dran".

Cellist Lynn Harrell | Bildquelle: Andrew Stewart

Bildquelle: Andrew Stewart

1944 kam Lynn Harrell in New York auf die Welt. Die enge Verbundenheit mit seinem Instrument war ganz entscheidend für seine Arbeit – als Solist, als Kammermusiker und als viel gefragter Lehrer. Denn die Äußerungen des Cellos, die Töne, die Klänge, sie sollten natürlich klingen und, wie er bei einem Meisterkurs 2004 in Lübeck erzählte, "in Tonfall, Farbe, Charakter und Gestus der menschlichen Sprache" so nahe kommen wie möglich.

Radio-Tipp

BR-KLASSIK widmet Lynn Harrell eine Sonderausgabe der Sendung "Klassik-Stars" - am Donnerstag, 30. April, ab 18:05 Uhr.

Das Cello wie eine Stimme erklingen lassen

Das sagt sich auch für einen erfahrenen Künstler leichter, als es getan ist. Aber wenn man Aufnahmen mit Lynn Harrell hört, dann weiß man, was er meinte. Harrell hatte die Meisterschaft errungen, sein Cello wie eine Stimme klingen zu lassen. Wenn sich sein Cello zu Wort meldet, dann ist es auf einmal da und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Man muss nicht zuhören – weil es so laut wäre, so beherrschend, so dominant. Nein, man will zuhören – weil es so sachte spricht, so sanft, dabei so versammelt und von Energie durchdrungen. Jeder Gedanke ist in Harrells musikalischer Sprache präzise vorbereitet, vollendet gefasst und elegant ausformuliert. Hinter jedem Ton stand Harrell mit voller Überzeugung. Da war nichts aufgebauscht oder übertrieben; seine Wortwahl, seine Rhetorik hatten ihren Ursprung ganz und gar in dem Anliegen, das Harrell im Werk eines Komponisten erkannte.

Einem Walzer aus Prokofjews Ballett "Cinderella" – bearbeitet für Cello und Klavier – gab Harrell einen düsteren, voluminösen Ton, der aus den fernsten Tiefen des Instruments zu kommen schien. Nichts Seliges legte er hinein, er ließ den Walzer kraftlos klingen, so als wolle dieser sich nur selbst beobachten. Wie anders ist er dagegen im Klaviertrio a-Moll von Peter Tschaikowsky zu vernehmen – als Partner der gleichfalls grazil musizierenden Kollegen Itzhak Perlman, Violine, und Vladimir Ashkenazy am Klavier. Da bemerkt man seinen Ton erst, wenn er schon da ist. Es ist, als sei der Klang des Cellos ganz leicht eingeschwebt, unaufdringlich natürlich, dabei voller Energie.

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Perlman, Ashkenazy & Lynn Harrell: Beethoven - Piano Trio in E flat major, Op. 70 No. 2 | Bildquelle: allegrofilms (via YouTube)

Perlman, Ashkenazy & Lynn Harrell: Beethoven - Piano Trio in E flat major, Op. 70 No. 2

Verpflichtung den Komponisten gegenüber

Sich derart auf den Tonfall einer Musik einzustellen, war für Lynn Harrell eine Frage der Verpflichtung den Komponisten gegenüber. Als Künstler fühlte er sich verantwortlich, dem Werk gerecht zu werden und dafür sein ganzes Wissen und künstlerisches Kapital einzubringen. Harrell bündelte das in dem Satz: "Auf den Geschmack kommt es an." Um diesen zu erwerben und dann in der Lage zu sein, ihm Klang zu verleihen, bedarf es aus Harrells Erfahrung "Demut, Disziplin, Ehrlichkeit, Integrität". Eigenschaften, die in Harrells Spiel stets zu hören waren. Sie verliehen ihm jene Autorität, die die Aufmerksamkeit des Zuhörers ganz natürlich, unaufdringlich zu sich zog.

Faszination Streichinstrument

Lynn Harrell stammte aus einem musikalischen Elternhaus. Sein Vater, Mack Harrell, war ursprünglich Geiger und wechselte später das Fach: Er entdeckte die Qualitäten seines Baritons und wandte sich dem Gesang zu – was ihm Engagements an der Met einbrachte. Lynn Harrells Mutter war Geigerin, und auch der junge Lynn war vom Streichinstrument fasziniert. Mit acht begann er, Cello zu spielen. Als er 16 war, starb sein Vater an Krebs. Ein Jahr später kam seine Mutter bei einem Autounfall ums Leben. Die Musik, die Musiker und seine Lehrer wurden Lynns neue Familie. Er studierte an der Juilliard-School in New York und am Curtis Institute in Philadelphia, den führenden Musik-Akademien der USA. Leonard Rose war sein Lehrer, bei Gregor Piatigorsky und Pablo Casals besuchte er Meisterkurse – jenen Größen des Fachs, die dem Cello seinen Rang auf den Konzertbühnen verschafft hatten. Acht Jahre lang war er dann Mitglied des Cleveland Orchestra unter George Szell, eine Zeit, die er seine "wahre musikalische Ausbildung" nannte. Diese Erfahrung zu machen, empfahl er all seinen Schülern, seitdem er 1971 zu unterrichten begonnen hatte – unter anderem an der Royal Academy of Music in London und an der University of Southern California in Los Angeles.

Von Vivaldi bis Dutilleux

Sein Repertoire umfasste die gesamte Cello-Literatur, von Vivaldi über William Walton bis zu Henri Dutilleux. Als Kammermusiker wirkte Lynn Harrell nicht nur im klassischen Klaviertrio, sondern auch in anderen, unterschiedlichsten Besetzungen mit; 1977 zum Bespiel in einer Aufnahme von Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire" unter der Leitung von Pierre Boulez.

Auch in München war Lynn Harrell öfters zu Gast. Mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielte er Konzerte von Haydn, Schumann und Dvorak. Beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2019 war er der Vorsitzende der Jury für das Fach Violoncello. Lynn Harrell starb am 27. April 2020 im Alter von 76 Jahren.

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Samstag, 02.Mai, 08:24 Uhr

Eginhard Teichmann

Lynn Harrell

Warum wird nirgendwo erwähnt, dass Lynn Harrell auch als Filmschauspieler in dem 2017 entstandenen Kurzfilm "Cello" der Regisseurin Angie Su eine beeindruckende Leistung gezeigt hat? Er verkörperte darin die letzten Lebensjahre des an ALS verstorbenen amerikanischen Cellisten Ansel Evans. Leider ist dieser Film bei uns in Deutschland nicht erhältlich.

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