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Weltflüchtlingstag - Flüchtlingsarbeit mit Musik Helfen am Klavier

Nach Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR befinden sich derzeit weltweit mehr als 68 Millionen Menschen auf der Flucht – ein neuer Höchststand. Seit Beginn der Flüchtlingskrise sind mittlerweile drei Jahre vergangen. Viele ehrenamtliche Helfer haben sich seitdem für die geflüchteten Menschen in Deutschland engagiert. So wie Katja und Konrad Bihler, die in ihrer Augsburger Musikschule kostenlosen Musikunterricht für Kinder mit Fluchterfahrungen anbieten.

Das syrische Mädchen Monella erhält Klavierunterricht | Bildquelle: René Gröger

Bildquelle: René Gröger

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Hochkonzentriert sitzt Monella am Flügel der Augsburger Musikschule Pianoart. Ihre dunklen Haare hat die 14-Jährige mit einer schwarzen Schleife zurückgesteckt, damit sie ihr beim Spielen nicht ins Gesicht fallen. "Ich drücke, wenn ich Musik spiele, meine Gefühle aus", sagt sie. "Und wenn ich von der Schule nach Hause komme, mag ich es abzuschalten und Musik zu spielen." Durch die eckigen Gläser ihrer Brille schweift der Blick immer wieder von den Noten zu ihren Fingern auf den Tasten und wandert dann etwas unsicher zu ihrer Klavierlehrerin, die aufmerksam neben ihr steht.

Katja Bihler unterrichtet das syrische Mädchen aus Aleppo seit über zwei Jahren ehrenamtlich. Nachdem sie im Fernsehen die Bilder der vielen Geflüchteten sah, wollten sie und ihr Mann sofort helfen: "Wir wollten unbedingt auch etwas machen und haben dann gedacht, wir machen am besten das, wofür wir ohnehin Spezialisten sind. Und hatten dann eben den Gedanken, dass wir Kindern, die aus Kriegsgebieten kommen, und in eine ganz neue Welt kommen, auch die Möglichkeit geben ein Instrument zu lernen."

Von der Willkommenskultur zur Frustration

Das syrische Mädchen Monella erhält Klavierunterricht | Bildquelle: René Gröger Das syrische Mädchen Monella erhält Klavierunterricht | Bildquelle: René Gröger Kostenloser Musikunterricht als Teil der Willkommenskultur – mit ähnlichen Ideen wie der von Katja Bihler wurden vor drei Jahren viele Initiativen aus dem Boden gestampft. Doch die anfängliche Motivation ließ oft schnell nach: Ehrenamtliche Helfer unterschätzten den zeitlichen Aufwand oder verirrten sich im Bürokratiedschungel komplizierter Förderanträge, wie Christian Höppner, Präsident des Deutschen Kulturrats, weiß: "Von dieser anfänglichen Begeisterung in der Willkommenskultur und von vielen improvisierten Erfahrungen wandelt sich das immer mehr in Frustration, weil es doch viele formale Hürden gibt und weil sich die Migrationssituation wandelt. Und die Willkommenskultur im Moment nicht gerade, sagen wir, Hochkonjunktur hat."

Schwierige Rahmenbedingungen

Fehlende gesellschaftliche Akzeptanz einerseits – überforderte Ehrenamtliche andererseits. Denn abgesehen von den schwierigen Rahmenbedingungen, ist in der pädagogischen Arbeit mit Geflüchteten besondere Sensibilität gefordert. Prof. Daniel Eberhard leitet seit letztem Jahr den neuen Studiengang "Inklusive Musikpädagogik – Community Music" an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Er weiß, wie heikel es sein kann, ohne entsprechendes Hintergrundwissen, mit Menschen aus Kriegsgebieten Musik zu machen. "Mir sind Flüchtlingsinitiativen bekannt, zum Beispiel in der Chorarbeit, da wurde als Einstiegssong 'What shall we do with the drunken sailor' einstudiert", erläutert er. "Das ist gut gemeint, im Sinne – englisches Lied, kennen alle. Was aber dabei nicht bedacht wurde, dass so ein Lied durchaus Erinnerungen hervorrufen kann, an Mittelmeerüberfahrten, bei denen Menschen in überfüllten Booten gestorben sind und allem, was man so aus den Medien kennt."

Im Gegensatz zum Sprachunterricht ist das gemeinsame Musizieren weniger pädagogisch strukturiert.
Dr. Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat

Trend zur Langfristigkeit

Einheimische und Flüchtlinge singen gemeinsam | Bildquelle: Hanspeter Walter Einheimische und Flüchtlinge singen gemeinsam | Bildquelle: Hanspeter Walter Um solche Situationen künftig zu vermeiden, müssten passende Aus- und Fortbildungen angeboten werden, zum Beispiel im Bereich der musikalischen Traumatherapie. Einzelinitiativen, wie in der Augsburger Musikschule, seien zwar weiterhin wichtig als Begleitmaßnahme, der Trend gehe aber zu langfristig angelegten Musikprojekten zur Sprachförderung. Dr. Stephan Dünnwald vom Bayerischen Flüchtlingsrat sagt über die Bedeutung von musikpädagogischer Flüchtlingsarbeit: "Das ist eine ganz wichtige Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch über Sprachbarrieren hinweg. Mehr noch als im Sport gibt es durch Musik die Möglichkeit, Verständnis für die jeweils andere Kultur und Friedfertigkeit zu fördern. Im Gegensatz zum Sprachunterricht ist das gemeinsame Musizieren weniger pädagogisch und nicht so hierarchisch strukturiert. Dadurch kommt es zu wesentlich persönlicheren Begegnungen."

Was bringen die Initiativen?

Die Forschungslage zur Wirkung der musikpädagogischen Arbeit mit Flüchtlingen sei allerdings momentan noch recht dürftig, gibt Prof. Daniel Eberhard zu bedenken: "Es gibt keine eigene Musikpädagogik für Geflüchtete. Insofern meine ich schon, dass es eine Aufgabe in den nächsten Jahren sein muss, sich diese Initiativen hinsichtlich ihrer Wirkungen, Absichten, Inhalte und Methoden genauer anzuschauen und auch durch Vorher/Nachher-Befragungen und unter Einbezug der geflüchteten Menschen über die reine Behauptung hinaus zu einer empirischen Datenbasis zu kommen. Diese Ergebnisse ermöglichen überhaupt erst Aussagen darüber, ob die jeweiligen Maßnahmen erfolgreich waren oder nicht."

Mehr Informationen

Nähere Informationen zu Initiativen in Bayern, bundesweiten Projekten und der Frage, wie Sie sich engagieren können, finden Sie auf dem Portal des Deutschen Musikinformationszentrums.

Sendung: "Allegro" am 20. Juni 2018 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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