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15 Jahre Musikschule Al Kamandjati im Westjordanland Musik als Widerstand

Musik soll palästinensischen Kindern und Jugendlichen Kraft geben, die israelische Besatzung besser zu ertragen und psychisch stark zu bleiben. Das ist die Idee von Ramzi Aburedwan, der im Westjordanland eine Musikschule gegründet hat. Aktiv ist die Schule vor allem in Dörfern und Flüchtlingslagern.

Schüler der Musikschule in Al Kamandjati spielen auf einem Dach | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Dicht gedrängt auf Stühlen und dem Boden sitzen die Schulkinder in einer UN-Schule in Nablus im Norden des Westjordanlandes. Der Geschichtenerzähler Taher Bakir – traditionell orientalisch gekleidet – schildert mit ausladenden Gesten und ausdrucksstarker Mimik das Leben von Amal: Amal, ein palästinensisches Mädchen, hat einen Traum. Es will Musik machen. Immer wieder singt es: "Ich will fliegen, keiner wird mich vom Singen abhalten."

Vom Traum zur Wirklichkeit

Musiker aus der Al Kamandjati Musikschule begleiten den Geschichtenerzähler. Eine von ihnen, die 18-jährige Asil Wahda, spielt seit acht Jahren Cello. Sie findet sich in der Geschichte von Amal wieder. Ihre Eltern haben sie unterstützt, ein Instrument zu lernen. Einige Leute aus ihrem Umfeld jedoch fanden das seltsam und waren dagegen. Asil lebt in einem Flüchtlingslager. Eine enge Gemeinschaft, wie sie sagt. Aber nach und nach konnte sie die Leute überzeugen.

Palästina braucht Kultur

Musikschulgründer Ramzi Aburedwan | Bildquelle: BR/Eva Lell Musikschulgründer Ramzi Aburedwan | Bildquelle: BR/Eva Lell Vor 15 Jahren hat der Profigeiger Ramzi Aburedwan, der selbst in einem palästinensischen Flüchtlingslager aufgewachsen ist, das Projekt gegründet. Er organisierte Spenden und Instrumente und startete dann mit der Musikschule. Es stimme nicht, dass Kultur erst in seiner stabilen Situation sinnvoll sei, sagt Aburedwan. An einem so schwierigen Ort wie Palästina brauche man Kreativität und Kultur viel mehr als in Ländern, in denen die Situation stabil und sicher ist. Musik machen, das ist für Aburedwan ein Mittel, sich gegen die israelische Besatzung aufzulehnen. Die Besatzung mit ihren Mauern und Siedlern bedeute drastische Einschränkungen. Die Israelis wollten außerdem die Palästinenser auch psychisch schwächen.

Heute in Palästina zu leben und Musik zu machen, das ist eine Form des Widerstands.
Geiger Ramzi Aburedwan

Der israelische Dirigent Daniel Barenboim schreibt der Musik eine andere Rolle im Nahost-Konflikt zu. In seinem West-Eastern Divan Orchestra spielen israelische und palästinensische Musiker gemeinsam, als ein Zeichen dafür, dass Frieden möglich ist. Ramzi Aburedwan kritisiert das. Solche Projekte seien nur dazu da, den Menschen im Westen ein gutes Gefühl zu geben und sie so auch aus der Verantwortung zu entlassen. Für die Palästinenser brächten solche Projekte keine Verbesserungen. Es mache die Situation in Palästina sogar noch schlimmer. Weil es ein falsches Bild von der Situation vermittele: "Es zeigt, wir spielen gemeinsam für Frieden. Aber Friede ist nicht das Ziel, es ist das Ergebnis. Das Ergebnis vom Ende der Besatzung", sagt Ramzi Aburedwan.

Widerstand statt vermeintlichem Engagement für Frieden

Wenn das gemeinsame Ziel eines Orchesters ein Ende der israelischen Besatzung wäre, würde sich Aburedwan daran beteiligen. Das Schlagwort "Friede" ist ihm zu allgemein. Sein Weg setzt bei den jungen Palästinensern an. Die 15-jährige Sadil Wahdan singt und spielt Bratsche. Für sie ist Musik sehr wichtig.

Ich fühle mich frei, wenn ich singe und Musik mache.
Sadil Wahdan, 15 Jahre alt

Schülerinnen der Musikschule in Al Kamandjati spielen Geige | Bildquelle: picture alliance / Photoshot Bildquelle: picture alliance / Photoshot Ihre Eltern und Nachbarn unterstützen sie darin. Manchmal reagieren Leute skeptisch, wiel sie als Mädchen musiziert. Aber für Sadil bedeutet es Freiheit. Die Musikschüler geben Konzerte im Westjordanland, das ist ein Teil der Freiheit. Asil deutet aber auch eine Art innere Freiheit an, die ihr die Musik gibt. Sieben Jahre lang hat sie orientalische Musik gemacht; seit einem Jahr spielt sie nun auch klassische Musik auf dem Cello. Wenn sie wütend ist, beruhige sie das Musik machen, sagt sie, sie könne ihre Persönlichkeit ausdrücken und das, was sie erlebe.

Ziel Musiklehrerin

Asil wird Musik studieren. Sie will später als Musiklehrerin arbeiten. Damit ist sie nicht die einzige. Die Al Kamandjati Musikschule ist ein Selbstläufer geworden, sagt Gründer Ramzi Aburedwan. Das Projekt wachse automatisch, weil Schüler nach der Musikschule Musik studieren und dann ihre eigenen Projekte umsetzen oder private Musikschulen eröffnen.

Ablenkung von bedrückender Situation

Musikschule Al Kamandjati | Bildquelle: BR/Eva Lell Bildquelle: BR/Eva Lell An der politischen Situation ändert auch die Musikschule nichts. Aber für manchen Schüler mag die Musik ein Mittel sein, sich abzulenken von der bedrückenden Situation im besetzen Westjordanland.
Die Geschichte von Amal, die die Schulkinder in der UN-Schule in Nablus hören, geht übrigens gut aus. Amal findet auf Umwegen und gegen Widerstände eine Musiklehrerin, die ihr Unterricht gibt und gewinnt auch noch einen Musikwettbewerb.

Sendungsthema aus "B5 aktuell" am 13. April 2017, 22.24 Uhr.

Kommentare (1)

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Samstag, 22.April, 18:50 Uhr

Johan Müller

Was genau ist denn die belastende Situation ?

Müssen die palästinensischen Kinder und Jugendlichen auch jederzeit mit Raketeneinschlägen rechnen und in stetiger Angst vor spontanen Angriffen mit Messern, Schusswaffen und Bombenanschlägen leben ?
Ja dann ist die Situation wirklich belastend. Israelische Kinder und Erwachsene kennen das.

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