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Corona zwingt Künstler zu Jobwechsel Postshop statt Konzertbühne

Corona hat das Leben der Kulturschaffenden auf den Kopf gestellt. Was tun, wenn Theater und Konzertsäle geschlossen sind und man als Sängerin oder Instrumentalist monatelang nicht auftreten kann? Ein freischaffendes Künstlerehepaar aus Oberbayern hat notgedrungen den Job gewechselt: Pakete annehmen statt Konzerte geben heißt es für Jan und Sonja Eschke während der Pandemie.

Ein Briefkasten der Deutschen Post in der Stadt. | Bildquelle: BR/Johanna Schlüter

Bildquelle: BR/Johanna Schlüter

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Normalerweise ist der November die Zeit der ersten Weihnachtskonzerte für Musikerinnen und Musiker. Doch dieses Jahr ist alles anders. Stattdessen stehen der Pianist Jan Eschke und die Sängerin Sonja Eschke aus Huglfing in einem kleinen Schreibwarenladen und nehmen freundlich Briefe an. 2020 hätte eigentlich finanziell ein gutes Jahr für das Künstlerehepaar werden sollen. Ein voller Terminkalender mit Engagements, Konzerten und ihrer gefragten eigenen Veranstaltungsreihe "Jazz für Kinder".

Vier Konzertabsagen an einem Tag

Seit 20 Jahren sind die Eschkes als freischaffende Künstler tätig. Im März brach alles in kurzer Zeit zusammen. Sonja schaut nachdenklich hinter ihrem Mundschutz hervor und erinnert sich an den ersten Schock: Ihr Mann bekam vier Konzertabsagen innerhalb von 24 Stunden. "Es war also gleich ein Drittel des Geldes für den nächsten Monat weg." Sonjas Gedanke: "Wir müssen jetzt etwas finden, was uns helfen kann."

Das Gästezimmer wird zur Poststelle

Das Musiker-Ehepaar Eschke in seinem neuen Postshop. | Bildquelle: Antonia Goldhammer / BR Jan und Sonja Eschke haben ihr Gästezimmer zum Postshop umgebaut. | Bildquelle: Antonia Goldhammer / BR Zwei Kinder, ein abzuzahlender Hauskredit und eine unerwartete Steuernachzahlung im Juni – finanziellen Spielraum hatten die Eschkes nicht. Von der Bayerischen Soforthilfe im Frühjahr konnten sie nicht profitieren, da sie keine Ausgaben für Probenräume oder andere Betriebskosten hatten. Als Jan und Sonja durch Zufall erfuhren, dass der bisherige Betreiber des Postshops am Ort nicht weitermachen will, übernahmen sie kurzerhand die Poststelle. Das Paketlager befindet sich in der Gartenhütte, ihr früheres Gästezimmer haben die Eschkes zur Poststelle umgebaut – mit neuem separaten Eingang. "Wir haben dafür die ganze Einfahrt aufgegraben und neu gepflastert."

Ich habe meine Gesangsstimme lange nicht trainiert.
Sonja Eschke

Im Juli konnten Jan und Sonja Eschke ihren Laden eröffnen. Obwohl Jan sich bei den Bauarbeiten die Hand verletzt hatte, nutzte er die Sommermonate, in denen wieder Konzerte möglich waren, um aufzutreten und Geld einzuspielen. Das hieß für den Pianisten: um 5:50 Uhr aufstehen, üben bis 8:40 Uhr, bis 17:00 Uhr im Postshop arbeiten und am Abend ein Konzert spielen.

Keine Zeit für Kreativität

Für die Sängerin Sonja hingegen ist an Kunstschaffen derzeit nicht zu denken. Als Geschäftsführerin des Ladens ist sie rund um die Uhr mit Bestellungen, Verkauf, Versicherungen, Steuerklärungen und Verwaltung beschäftigt. "Mein Alltag bringt gerade so viele Aufgaben mit sich, die am Ende des Tages keinen Platz mehr lassen, um kreativ zu sein. Das ist eigentlich das Bitterste", sagt Sonja. Ihr Kinder-Jazz-Projekt liegt auf Eis, und ihre Gesangsstimme ist nicht mehr trainiert. Mit Konsequenzen: "Wenn heute eine Anfrage käme, ob ich nächste Woche Haydns 'Schöpfung' singen könnte, dann müsste ich sagen: Nein, kann ich gerade nicht“, erklärt sie. "Da hätte ich am Ball bleiben müssen und nicht so eine lange Pause machen dürfen."

Und was passiert mit der Poststelle, sobald die Eschkes wieder auftreten können? Auch darüber hat das Musikerpaar bereits nachgedacht. Am liebsten möchten sie jemanden in der Post anstellen, um wieder mehr musizieren zu können. Denn Musik, so Sonja Eschke, ist für das Künstlerpaar überlebenswichtig.

Sendung: "Leporello" am 10. November 2020 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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