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Nikolaus Bachler zum 70. Geburtstag Not Everybody's Darling

Nikolaus Bachler zählt zu den prägenden Theaterintendanten der letzten Jahrzehnte. Nach Stationen am Berliner Schillertheater, den Wiener Festwochen und dem Wiener Burgtheater, leitet der ausgebildete Schauspieler seit 2008 die Bayerische Staatsoper in München. Anders als sein Vorgänger Peter Jonas wurde er hier zwar nie zum Publikumsliebling – musikalisch hat der streitbare Österreicher dem Haus allerdings eine Glanzzeit beschert. Zum 70. gratuliert BR-KLASSIK-Redakteur Bernhard Neuhoff.

Intendant Nikolaus Bachler | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bei seinem Debüt im Nationaltheater war er der Böse: 1990 stand Nikolaus Bachler zum ersten Mal im Rampenlicht der Bayerischen Staatsoper. Damals übernahm er als Schauspieler die Rolle des Samiel in Webers "Freischütz". Die Inszenierung verstörte das Münchner Opernpublikum und wurde in Grund und Boden gebuht. Der Opernskandal war perfekt. Und Bachler – glücklich. "Heute würde man das 'geil' nennen", erinnert sich der Intendant. "Ich fand es unfassbar toll, dass da ein ganzes Haus außer Rand und Band war. Das war eine schöne, lustvolle Erfahrung!"

Dickes Fell oder dünne Haut?

Das dicke Fell, das Bachler damals als Schauspieler bewies, würde auch dem Intendanten gut anstehen. Eine Rolle, die Bachler schließlich mehr und mehr faszinierte. Schon mit 27 Jahren übernahm er neben Schauspielrollen auch wichtige Aufgaben hinter der Bühne, erst als Künstlerischer Betriebsdirektor am Schillertheater in Berlin, dann als Intendant bei den Wiener Festwochen, an der Wiener Volksoper und schließlich am Burgtheater. Für einen Österreicher eigentlich der Karrieregipfel. Doch 2008 wechselte Bachler noch einmal – und wurde Intendant an der Bayerischen Staatsoper.

Der Kritiker-Kritiker

Der Intendant der Bayerischen Staatsoper, Nikolaus Bachler | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Andreas Gebert Streitbarer Intendant: Nikolaus Bachler vor "seinem" Haus | Bildquelle: picture-alliance/dpa/Andreas Gebert Trotz seiner glanzvollen Karriere und trotz der Erfolge, die er auch an der Staatsoper feierte – in München überraschte Bachler viele mit seiner Dünnhäutigkeit gegenüber Kritikerinnen und Kritikern. Insbesondere über das "Meinungsgewese" des Musikfeuilletons und dessen vemeintlichen Mangel an "fundierter Analyse" kann sich Bachler empören. Unliebsamen Opernkritikern schreibt der Staatsintendant schon mal böse Briefe.

Streitbar zeigte er sich auch, als es im letzten Frühjahr, während des ersten Lockdowns, Kritik an den Probenbedingungen gab. Damals schimpfte Bachler über die, Zitat, "Blockwart-Mentalität" einiger Kritiker. Auch der Bayerischen Staatsregierung sagte er deutlich die Meinung. Konfliktbereit zeigte sich der Österreicher schließlich auch in der Auseinandersetzung um seinen neusten Arbeitsplatz: Seit Juli 2020 fungiert Bachler als Geschäftsführer der Salzburger Osterfestspiele. Nächstes Jahr übernimmt er dazu noch die künstlerische Gesamtverantwortung. Nicht unbedingt zur Freude des derzeitigen Platzhirschen Christian Thielemann. Die beiden tauschten deftig formulierte Briefe. Viel Feind, viel Ehr.

Geschätzt, aber nicht geliebt

Bachler ist eben nicht Everybody's Darling. Und so ist er denn auch anders als seine beiden Münchner Vorgänger Sir Peter Jonas und August Everding in der Stadtgesellschaft nie wirklich populär geworden. Ein Intendant hat wichtigere Aufgaben. "Mein Anliegen ist es, die Menschen zu sensibilisieren, aufmerksam zu machen, Wahrheitssuche zu betreiben, und das alles mit Lust und Emotion."

Wir machen nicht l’art pour l’art!
Nikolaus Bachler

Szenisch schätzt Bachler gemäßigt moderne Deutungen. Sein Haus ist kein avantgardistischer Hotspot. Hier wird Oper mit Augenmaß und Leidenschaft gemacht. Bachler versteht sich darauf, das Publikum auch bei herausfordernden Stoffen bei der Stange zu halten. Naturgemäß ist die Bilanz der Münchner Jahre gemischt. Neben Großtaten wie dem "Wozzeck" von Andreas Kriegenburg steht der nicht einmal lauwarme "Ring" desselben Regisseurs. Auf diese Weise könnte man viele Namen durchgehen.

Münchner Bilanz: Repertoire-Mix auf höchstem musikalischen Niveau

Einen Schwerpunkt legte Bachler auf das italienische Repertoire des 19. Jahrhunderts. Eher stiefmütterlich behandelte er die Barockoper, die große Leidenschaft seines Vorgängers Peter Jonas. Aus dem 20. Jahrhundert gab es dagegen fantastische Produktionen – etwa Prokofjews "Feurigen Engel" oder Bernd Alois Zimmermanns "Soldaten". Hier bewies Bachler echten Mut, der immer wieder belohnt wurde – nicht zuletzt mit exzellenten Auslastungszahlen. "Dinge entdecken" und "Werke zusammenbringen, die wir interessant finden" so beschreibt Bachler die Säulen seiner Programmpolitik. Und weiter: "Wir sind vielleicht das einzige große Haus auf der Welt, das richtige Dramaturgie betreibt!" Zumindest zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten dürften dem widersprechen. Uraufführungen gehörten nicht zu Bachlers Ruhmesblättern.

Der Entdecker und Förderer

Kirill Petrenko und Nikolaus Bachler | Bildquelle: Wilfried Hösl Kirill Petrenko (r.) neben seinem Entdecker und Förderer Nikolaus Bachler | Bildquelle: Wilfried Hösl Bachlers wichtigstes Verdienst ist das durchgängig hohe musikalische Niveau. Mit Jonas Kaufmann und Anja Harteros band er ein Opern-Traumpaar an sein Haus. Eine Nase für Talente hatte er ebenfalls: Bachler war es etwa, der die großartige Sopranistin Golda Schultz entdeckte. Geburtshelfer einer Weltkarriere war er außerdem für Kirill Petrenko. Schon in den Neunzigern, als Chef der Wiener Volksoper, verpflichtete Bachler den jungen Petrenko immer wieder – quasi von der Uni weg. 2013 holte er ihn dann nach München. Ein Volltreffer.

Dass Bachlers Ära alles in allem als Glanzzeit verbucht werden wird, liegt an Kirill Petrenko, der die Bayerische Staatsoper zu musikalischen Höhenflügen inspirierte. Still werden wird es nicht um Bachler, wenn er im Herbst weiterzieht. In Salzburg, wo die Osterfestspiele wegen der Pandemie auf Allerheiligen verlegt werden mussten, erwartet ihn eine Herkulesaufgabe. Bachler geht sie an, wie man ihn kennt: streitbar und leidenschaftlich.

Sendung: Allegro am 29. März 2021 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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Acht minus eins ergibt?

Dienstag, 30.März, 10:00 Uhr

Doris Mittermeier

Bachler 70. Geb.

Wie schön, dass es so unangepasste Menschen gibt. Menschen, die Kritikern die Stirn bieten, eine Meinung haben und diese vertreten. Wir hatten unter der Ära Bachler grandiose Aufführungen. Vielen Dank dafür und die Leidenschaft soll bleiben.

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