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Ernst von Siemens Musikpreis 2022 Video-Stream - Festakt für Olga Neuwirth

Er wird oft als Nobelpreis der Musik bezeichnet: der Ernst von Siemens Musikpreis. Dotiert ist er mit 250.000 Euro. Am 2. Juni wird er an die österreichische Komponistin Olga Neuwirth verliehen. Und das ist eine kleine Sensation - und irgendwie auch wieder nicht. Den Festakt können Sie als Video-Stream hier anschauen.

Olga Neuwirth, Preisträgerin Ernst von Siemens Musikpreis 2022 | Bildquelle: © Rui Camilo / EvS Musikstiftung

Bildquelle: © Rui Camilo / EvS Musikstiftung

Olga Neuwirth erhält den Ernst von Siemens Musikpreis absolut verdient. Das steht außer Frage. Aber es ist schon auch eine kleine Sensation, denn Olga Neuwirth fällt auf - und sie fällt raus. Sie hat einen großen Namen in der Welt der neuen Musik. Zugleich ist sie aber auch eine Komponistin, die sich nicht darum schert, was andere denken. Es ist ihr egal, ob sie irgendwo aneckt, reinpasst oder nicht reinpasst. Ihre Werke durchziehen Themen wie Genderfragen, die Klimakatastrophe oder sexualisierte Gewalt.

Von der Trompete zur neuen Musik

Neuwirth ist auch schon immer feministisch engagiert. Sie hat Musik studiert, aber auch Malerei, und Film. Sie schreibt, fotografiert, performt. Und in der neuen Musik ist sie ziemlich zufällig gelandet: Eigentlich wollte sie nämlich Trompeterin werden, ein weiblicher Miles Davis. Doch dann hatte sie einen Autounfall und dieser Traum war futsch. Deshalb: Komponistin. Nur: Es gab keine weiblichen Vorbilder in der neuen Musik. Also hat sie sich an Leuten wie Patti Smith oder Elfriede Jelinek orientiert.

Preisverleihung im Live-Stream

Die Preisverleihung findet am 2. Juni 2022 im Münchner Prinzregententheater statt. Das Ensemble intercontemporain spielt Werke von Olga Neuwirth unter der Leitung von Matthias Pintscher. BR-KLASSIK überträgt den Festakt im Videolivestream.

Olga Neuwirth schreibt "Katastrophenmusik"

Aber wie klingt die Musik, die jemand schreibt, der seine Vorbilder eher in der Rockmusik und Literatur sucht? Auf jeden Fall sehr eklektizistisch, orchestral, poppig, elektronisch und jazzig. Es ist eine wilde Mischung. Olga Neuwirth selbst nennt das "Katastrophenmusik". Da ist dieses Wilde, Wütende, Abgründige mit drin. "Einmal Punk, immer Punk", hat sie mal über sich gesagt. Und das ist durchaus auch politisch gemeint: Neuwirths Werke sind fast immer auch Kommentare über gesellschaftliche Verhältnisse, mit sozialpolitisch aufgerauten Texten und einer Ist-mir-doch-egal-was-ihr-denkt-Haltung. Bis heute nennt sie als weibliches Vorbild übriges niemanden aus dem Musikbetrieb, sondern Carola Rackete, die Sea Watch 3-Kapitänin.

Erste Komponistin mit abendfüllendem Werk an Wiener Staatsoper

Olga Neuwirth: Orlando, Szenenfoto der Uraufführung an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn Szene aus der Oper "Orlando" von Olga Neuwirth an der Wiener Staatsoper | Bildquelle: © Wiener Staatsoper GmbH / Michael Pöhn Olga Neuwirth war die erste Frau überhaupt, von der an der Wiener Staatsoper ein abendfüllendes Werk aufgeführt wurde: ihre Oper "Orlando". Die Uraufführung fand im Dezember 2019 statt. Dabei hat Neuwirth öffentlich sagt, dass sie die Institution Oper für total überholt hält und ihren baldigen Zerfall prophezeit. Sie hebt sich also in vielerlei Hinsicht schon deutlich ab von anderen Komponistinnen und Komponisten. Kurz nach der Uraufführung musste aus der Oper übrigens eine Reminiszenz an ein neues geistliches Lied gestrichen werden - aus rechtlichen Gründen.

Olga Neuwirth als vierte Frau ausgezeichnet

Alfred Brendel, Daniel Barenboim, Mariss Jansons und Leonard Bernstein. Die Liste der Preisträger ist lang. Aber bislang wurde der Ernst von Siemens Musikpreis fast nur an Männer vergeben. Olga Neuwirth ist eine von vier Frauen, die den Preis bekommen haben. Dem stehen 45 Männer gegenüber. 1974 wurde der Preis erstmals verliehen, und zwar an Benjamin Britten. Und dann dauerte es 35 Jahre, bis eine Frau den Preis bekam: Anne-Sophie Mutter. Das war im Jahr 2008. Dann verging wieder mehr als ein Jahrzehnt, bis die nächste Frau kam: die Komponistin Rebecca Saunders. Auf Saunders folgte die Bratschistin Tabea Zimmermann und jetzt, noch mal zwei Jahre später, Olga Neuwirth.

Ich fühle mich wie der Salat in einem Burger.
Olga Neuwirth

Es ist also eine Tendenz in die richtige Richtung zu erkennen. Und es wäre doch erstaunlich, wenn sich das gesellschaftliche Bewusstsein nicht auch hier niederschlagen würde. Es besteht also durchaus Hoffnung. Oder man entscheidet sich für Wut statt für Hoffnung. So wie Olga Neuwirth. Die hat ganz viel davon in ihre Musik reinkomponiert. Neuwirth hat mal gesagt, sie fühle sich als Frau in diesem Betrieb wie der Salat in einem Burger: Er ist da, aber man schmeckt ihn nicht.

Ausführliches Porträt

Lesen Sie ein Porträt über die Preisträgerin Olga Neuwirth hier.

Sendung: "Allegro" am 2. Juni 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK.

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