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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2017

Bayreuther Festspiele - Wagner kritisch Diskurs im Haus Wahnfried

Vom 28. bis zum 30. Juli 2017 fand zum ersten Mal im Rahmen der Bayreuther Festspiele das Symposium "Diskurs Bayreuth" statt. Als Veranstaltungsort wurde bewusst das Haus Wahnfried gewählt, das frühere Wohnhaus von Richard Wagner in Bayreuth. Ein Interview mit dem Musikwissenschaftler Ulrich Konrad.

Eine Seite aus Wagner's Schrift 'Das Bühnenfestspielhaus in Bayreuth' mit dem Spruch zur Grundsteinlegung.  | Bildquelle: picture alliance / akg-images

Bildquelle: picture alliance / akg-images

Ulrich Konrad zum Symposium "Diskurs Bayreuth" 2017

BR-KLASSIK: An Richard Wagner arbeiten wir alle uns ab - genug Gründe dafür gibt es, in seiner Persönlichkeit, in seiner Kunst, auch in seinen Werken. Gerade aktuell hat Barrie Kosky, der die "Meistersinger" neu inszeniert hat, gesagt: Er kann Person und Werk nicht trennen. Daniel Barenboim hat gesagt, für ihn sind das zwei verschiedene Welten. Was ist denn für Sie persönlich das größte Problem an Richard Wagner?

Ulrich Konrad: Das Faszinierende an Wagner ist tatsächlich die enge Verwobenheit von Kunst und Leben. Im Falle Wagners glaube ich tatsächlich, dass das nur sehr schwer zu trennen ist, weil Wagner sich ja nicht nur als Künstler, speziell als Musiker oder Komponist verstanden hat, sondern auch als jemand, der diese Kunst in der Welt, in der Gesellschaft, im Zusammenleben der Menschen gesehen hat und reformerisch, radikal reformerisch auf beides einwirken wollte, auf die Kunst aber eben auch auf die Gesellschaft. Und wenn Sie nach dem Herausfordernden oder auch nach dem Hochproblematischen, partiell auch Abstoßenden fragen, dann liegt es eben tatsächlich in manchen Ideen, die Wagner in seinem Leben verfolgt hat, mit Blick auf die menschliche Gesellschaft, auf den Staat.

BR-KLASSIK: Wagner und der Nationalsozialismus - das war das Thema beim diesjährigen "Diskurs Bayreuth", den Katharina Wagner neu ins Leben gerufen hat. Sie waren Teil dieses Diskurses und Ihr Thema hieß: "(K)ein 'Schriftsteller im eigentlichen Sinne des Wortes?' - Wagners publizistisches Œuvre von  1834–1883."
Da haben Sie eigentlich das heißeste Eisen angefasst.  

Ulrich Konrad: Das Thema ist streitbar. Aber, man muss doch immer wieder betonen oder auch in Erinnerung rufen: Wagner hat sich als Dichter verstanden, er hat Dichtungen verfasst. Er hat sich als Dramatiker verstanden, der musikalische Dramen schafft, aber er hat sich eben auch als Publizist, als Schriftsteller verstanden. Als Schriftsteller nicht in dem Sinne, dass er schöne Literatur schaffen wollte, sondern, dass er sich immer wieder in alle möglichen Bereiche der Kunst, der Gesellschaft, der Religion eingemischt hat - mit Schriften. Und die Jahresdaten, die ich in dem Titel angegeben hatte, zeigen, dass Wagner als 21-Jähriger begonnen hatte zu schreiben und in Venedig über einer Schrift gestorben ist. Also das ist tatsächlich eine Tätigkeit, die ihn ein Leben lang beschäftigt hat.

Zu sagen, Wagner war ein Antisemit, ist keine revolutionäre Aussage.
Ulrich Konrad, Musikwissenschaftler

BR-KLASSIK:  Beim Diskurs in Bayreuth war Ihr Dialogpartner der Musikkritiker und Journalist Gerhard R. Koch, langjährig bei der FAZ. Haben Sie sich tatsächlich "gefetzt"? Haben Sie wild diskutiert oder waren Sie schnell einer Meinung?

Ulrich Konrad: In bestimmten Punkten ist man sich heute einig, glaube ich. Zu sagen, Wagner war ein Antisemit, ist keine besonders revolutionäre Aussage - damit wird ein Faktum festgestellt. Was heißt das aber im Kontext des 19. Jahrhunderts? Da gibt es immer wieder diskussionsbedarf, weil Wagner Wörter verwendet, die wir anders verstehen. Das Wort "Vernichtung" löst bei jedem von uns, im Zusammenhang mit der Thematik des Judentums in Deutschland, ganz bestimmte, unausweichliche Assoziationen aus. Aber die sind natürlich historisch gesehen in dieser Form nicht gerechtfertigt - die Judentums-Schift, die sicher die problematischste unter den Schriften Wagners ist, ist im Jahre 1850 - bzw. eine neue Auflage 1869 - erschienen, und das ist nun lange vor den grauenhaften Ereignissen des 20. Jahrhunderts.

Also wie man dieses Vorfeld der Judenvernichtung im 20. Jahrhundert historisch angemessen vermisst, ohne zu relativieren und ohne zu verharmlosen, aber auch ohne falsche Schlüsse von Wagner auf das sogenannte Dritte Reich zu ziehen, ist nach wie vor problematisch. Das wird immer eine Gratwanderung bleiben. Und es wird vor allem immer dann sehr schwierig, sich zu verständigen - unter Wissenschaftlern oder auch unter Wagner-Kennern - wenn eben die Grundlage für das alles, und das sind unter anderem die Schriften, nicht ausreichend gekannt sind. Und ich habe in meinem kurzen Beitrag den Appell "Lest Wagner" an den Schluss gestellt. Nicht, weil das ein besonderes Vergnügen ist - das ist es in manchen Fällen weiß Gott nicht! - es setzt uns tatsächlich ganz direkt den Fragen aus. Und wenn wir den Fragen ausweichen, gewinnen wir gar nichts, dann verharmlosen wir die Dinge und dann bleiben wir auch hinter dem Anspruch, den Wagner nun einmal hatte, und nach wie vor hat, für meine Begriffe weit zurück.

Wir waren dankbar dafür, dass dieser Anstoß von der Festspielleitung kam.
Ulrich Konrad, Musikwissenschaftler

BR-KLASSIK: Der "Diskurs Bayreuth" findet ganz bewusst im Haus Wahnfried statt und ist eine interessante Mischung aus Konzert, Vortrag, Streitgespräch und der Vorführung von Archiv-Material - das soll kontrovers sein, soll - glaube ich - auch kurzweilig sein. Kann das ein Impuls für eine Aufarbeitung sein, oder braucht es die trockene Wissenschaft, die ins Archiv geht und die Dokumente studiert?

Ulrich Konrad: Das eine schließt das andere nicht aus. Wir alle, die eingeladen waren und die das Format zum ersten Mal ausprobiert haben, waren dankbar dafür, dass dieser Anstoß von der Festspielleitung kam. Dass es mit großer Offenheit geplant worden ist. Es ist nichts tabuisiert worden. Die Themen wurden angeregt und durchgeführt. Es sollte kein wissenschaftlicher "Elfenbeindiskurs" werden, sondern sich an ein Publikum richten. Und dieses Publikum war da - also der Saal im Haus Wahnfried war die ganzen Tage hindurch von morgens bis abends sehr gut besucht. Und wenn man sieht, wie Bayreuth oder die Inszenierung "Die Meistersinger" die Presse und die Medien interessiert, wie die Menschen da hinströmen, dann finde ich, ist gerade dieser widerspenstige und irgendwie faszinierende Wagner immer noch ein Thema, was offensichtlich uns alle, die wir an Kunst und Kultur interessiert sind, etwas angeht.

Die Fragen stellte Annika Täuschel für BR-KLASSIK.

Sendung: Leporello, 31. Juli 2017, 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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