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Film "Born to be blue" über Chet Baker Trauriger Trompeter

Glanz und Elend ganz nah nebeneinander - das war das Leben des Trompeters und Sängers Chet Baker. Ein Anfang als "James Dean des Jazz", ein Ende als von Drogen zerfurchtes Wrack. In Robert Budreaus Film "Born to be blue", der jetzt in die Kinos kommt, spielt Ethan Hawke den zerbrechlichen Musiker.

Ethan Hawke spielt Trompeter Chet Baker | Bildquelle: Filmfest München

Bildquelle: Filmfest München

Er war gutaussehend, mit einer Aura von zarter Melancholie - ein junger Meister des lyrischen Tons, ein Musiker, vor dem der Saxophon-Revolutionär Charlie Parker seine berühmten Kollegen Miles Davis und Dizzy Gillespie warnte: "Da ist so ein kleiner weißer Bursche von der Westküste, der wird euch auffressen". Chesney H. Baker, genannt Chet, geboren in Yale, Oklahoma, war gemeint. Kollegen auffressen: Das tat er nicht, aber er machte ihnen stilvolle und musikalisch wunderschöne Konkurrenz.

Eine Episode aus Chet Bakers Leben

Der kanadisch-britische Film "Born to be blue" (2015) von Robert Budreau rankt sich um eine kurze Zeitspanne in Bakers Leben in den 1960er Jahren, als der Musiker Anfang 30 war. Er beginnt in einer Gefängniszelle in Italien (wo Baker wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz einsaß): Dort krabbelt gerade eine Spinne aus der auf dem Boden liegenden Trompete Bakers, als der Musiker von einem Amerikaner wegen eines Filmprojekts abgeholt wird. Und er endet im berühmten New Yorker Club Birdland, wo Baker nach einer verheerenden Krise ein bejubeltes Comeback vor hochkarätigen Kollegen gibt - Miles Davis und Dizzy Gillespie.

Töne zerbröseln ihm auf den Lippen, Blut läuft ihm aus dem Mund

Ethan Hawke spielt Trompeter Chet Baker | Bildquelle: Filmfest München Ethan Hawke und Carmen Ejogo | Bildquelle: Filmfest München Dazwischen - ein Schicksalsschlag: Baker gerät in eine Schlägerei, in deren Folge ihm alle oberen Vorderzähne gezogen werden müssen - eine Katastrophe für einen Trompeter, der ohne obere Zahnreihe seinen Ansatz am Mundstück verliert - und damit seinen Ton. In qualvollen Monaten bringt er sich das Spielen wieder bei, mit künstlichem Gebiss. Prägnantestes Bild: Der Musiker sitzt in Hose und Unterhemd in einer Badewanne vor rosafarbenen Kacheln, die Töne zerbröseln ihm auf den Lippen, und Blut läuft ihm aus dem Mund, bis Gesicht und Kleider völlig verschmiert sind.
Eine fiktive Frauenfigur, Jane, die den Musiker liebt, gespielt von Carmen Ejogo, hilft ihm, wieder auf die Beine zu kommen, sich von Drogen fernzuhalten und seine Karriere wieder anzugehen. Das mit der Karriere wird er schaffen, das mit dem Drogenverzicht nicht: Ganz am Ende zerbricht die Beziehung zu Jane, aber diejenige zum Heroin lebt wieder auf.

Ethan Hawke mit grosser Intensität

Darsteller Ethan Hawke, meist mit straff nach hinten gekämmtem Haar, ausgemergelten Zügen und Accessoires wie Sonnenbrille und lässig schicken Sixties-Anzügen, kommt nah an die gängige Vorstellung von diesem tragischen und faszinierenden Musiker heran. Er hat nicht ganz die passende Physiognomie (Stephen McHattie als der Vater, Chesney Baker Senior, Farmer in Oklahoma, sieht dem echten Baker späterer Lebensphasen viel ähnlicher), aber große Intensität. Und die musikalischen Szenen verblüffen: Mit der Trompete am Mund wirkt Hawke meist, als spiele er selbst (er soll für die Rolle extra Trompeten-Unterricht genommen haben), und wenn er berühmte Songs aus dem Repertoire Bakers wie "I’ve Never Been in Love Before" und "My funny Valentine" singt, dann ist das stimmig.

Hawke versucht nicht, Baker zu imitieren

Hawke versucht nicht, den hauchfeinen, fast femininen Klang von Bakers Originalstimme zu imitieren – seine Stimme klingt dunkler und gewöhnlicher -, sondern er orientiert sich eher an der Zerbrechlichkeit von Bakers Ausdruck. Und das gelingt: Sein "My funny Valentine" ist anders, aber ein intimes Stück Musik, das ebenfalls berührt. Und das als Teil eines Studiokonzerts vor handverlesenem Publikum - und natürlich: vor Jane - effektvoll inszeniert wurde. Die Trompete in den Neuaufnahmen mit der Band von Pianist David Braid spielt Kevin Turcotte stilsicher und treffend: Seine Linien sind so klar und punktgenau, wie man sie mit Baker verbindet. Es ist spannend, Stück für Stück zu lauschen, ob es gelingt, der atmosphärischen Schönheit der Originale nahe zu kommen; und trotzdem mutet es manchmal seltsam an, einen Film über Chet Baker zu sehen, in dem an keiner Stelle die eigene Gesangs- und Trompetenstimme dieser Musiklegende zu hören ist.

Der Klang von "einem bisschen Leben"

Ethan Hawke spielt Trompeter Chet Baker | Bildquelle: Filmfest München Bildquelle: Filmfest München Der Film ist aufrichtig, weil er nicht versucht, Bakers Lebensgeschichte vollständig zu ergründen: Es ist eine Episode, die sich so ereignet haben könnte - an einem Knotenpunkt in Bakers Existenz. Es ist auch: eine Liebesgeschichte - die sich allerdings viel einfacher präsentiert als die verworrenen Lieben des mehrfachen Ehemanns und unzuverlässigen Vaters Chet Baker im realen Leben. Und es ist eine Musik-Story mit sehr viel Symbolkraft: Ein Musiker liebt letzten Endes nur das Spielen, er übt sogar draußen, im Schnee liegend, auf der Farm seines Vaters, und ein schwerer Rückschlag macht ihn nur noch besser: Lästert der große Miles Davis (dämonisch funkelnd gespielt von Kedar Brown) in der Anfangs-Szene noch, dass Chets Musik "süß wie Candy" klinge, verbunden mit dem Rat, Chet solle "zurück zu seinem Strand gehen", um noch "ein bisschen zu leben", applaudiert am Ende im Birdland gerade Miles Davis demonstrativ als einer der ersten - und der Zuschauer weiß, dass der Verlust einer ganzen Zahnreihe offenbar ein probates Mittel ist, um der Musik den Klang von "einem bisschen Leben" zu geben. Diese Symbolik hätte man - etwa orientiert an Bakers Art zu singen - auch dünner auftragen können.

97 Minuten starke musikalische Atmosphäre

Der Zeigefinger und die Eindimensionalität der Liebesgeschichte lassen die auch für Nicht-Kenner der Vita Chet Bakers stark vorhersehbare Story etwas schal werden. Und doch bleiben 97 Minuten starke musikalische Atmosphäre, schöne Aufnahmen von Strand, Meer und Weite mit guten Darstellern und Anregungen zum Weiterbeschäftigen mit einem außergewöhnlichen Musiker. Nicht als Konkurrenz, sondern als sehr substanzhaltige Ergänzung könnte man sich gleich danach die hervorragende, 1988 erschienene Dokumentation "Let’s get lost" von Regisseur Bruce Weber über die Spätphase von Bakers Leben besorgen: Die Original-Trompetentöne, den echten Baker-Gesang und das echte, von den Ackerfurchen des Lebens durchzogene Gesicht Chet Bakers sind da aus nächster intimer Nähe zu studieren - und in einer wie traumwandlerischen Rezitation eines Songtextes, beiläufig in einem Gespräch, erfährt man da auch, wie tief verinnerlicht bei Baker das war, was er sang und spielte. Emotion mit viel Erkenntniswert.

Film "Born to be Blue"

Von Robert Budreau
Mit Ethan Hawke, Carmen Ejogo, Callum Keith Rennie

Kinostart: 8. Juni 2017 

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