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Interpretationen im Vergleich Beethovens "Pathétique"

In der Klaviersonate c-Moll, op. 13, der "Pathétique", erlebt man Beethoven in Reinkultur: hart und zart, und doch mehr als Muskelspiele eines Halbstarken. Wie unterschiedlich ihre Interpretationen sein können, macht eine Liste von Aufnahmen von Vladimir Ashkenazy bis Krystian Zimermann hörbar.

Daniel Barenboim

Bereits im "Grave"-Prolog, den Barenboim spätromantisch im "Moderato" intoniert, kann der Pianist den hochexplosiven Spannungsbogen nicht aufbauen. Im "Allegro di molto e con brio" dominieren die lyrische Note und ein behutsamer Gestus, manchmal großzügig pedalisiert. Das "Adagio" erhebt Barenboim ausgestellt innig zu einer sakralen Andacht. Das Feuer im Finalrondo hält der Pianist auf kleiner Flamme; die "Pathétique" als gezähmtes Kulturgut.

Vladimir Ashkenazy (1972)

Auch der russische Pianist Vladimir Ashkenzy kommt im "Grave" anfänglich wie ein Trotzkopf nicht von der Stelle; viel Bewegung mischt sich dann im "Allegro di molto e con brio" ins Spiel, dessen Vitalität Ashkenazy jedoch nicht hochexplosiv ausspielt. Einen sehr noblen "Cantabile"-Ton findet er für den zweiten Satz, im intimen Dialog mit dem Komponisten sympathisch unpathetisch. Erfrischend nervös und glühend begegnen sich im Finalrondo fiebrige und entspannte Gedanken. Doch Ashkenazy kann die hitzige Spannung bis zum Schlussakkord nicht hundertprzentig durchhalten.

Krystian Zimerman

Sehr schön - und zu schön - geleitet uns der polnische Pianist wie ein Reiseführer durch die felsigen Akkordlandschaften des "Grave", überrascht im "Allegro"-Teil dann mit mitreißender Vehemenz und dramatischer Spielfreude an Gegensätzen. Im polyphonen Muster entfaltet Zimerman ein melancholisches "Adagio", wechselt klug vom nüchternen zum innigen Tonfall. Weniger Leidenschaft versprüht das Rondo, sehr ordentlich sortiert Zimerman Beethovens irrlichtartige Einfälle, statt revolutionärem Wildwuchs im Finale: Struktur und Kontur.

Swjatoslaw Richter

Ungebändigter äußert sich Swjatoslaw Richter in der Pathétique. Im eher flotten Grave brechen die Akkorde teilweise wüst aufeinander, der unerbittliche Drive im folgenden Allegro ist phänomenal, selten hört man einen so gelungenen Schwung im Seitenthema wie bei Richter. Mit großem Ernst durchmisst der Pianist die Höhen und Weiten des zweiten Satzes, nachdenklich blickt er zurück. Im Rondo setzt Richter wiederum auf Dramatik und Drive, bis auf wenige Momente, die merkwürdig aus der Zeit zu fallen scheinen. Virtuos- individuell, doch nicht ganz aus einem Guss seine Interpretation.

Maurizio Pollini

Klangintensiv entdeckt Pollini eine seltene Brutalität im düsteren "Grave", kann aber die heraufbeschworenen Kräfte im Brio-"Allegro" nicht freisetzen. Sein markiges Fortissimo steht dem Pianisten seltsam im Weg. Ebenso erstaunlich forsch geklopft das "Adagio cantabile", rauh, zu sportlich und zu ungenau geht es durch das Rondo, bis es lärmt. Weder Pollini noch Beethoven kann man so recht wiedererkennen.  

Annie Fischer

Vom ersten Ton an erschütternd, berührend, persönlich. Annie Fischer erzählt - vom Leben, vom Menschsein, von Katastrophen und Hoffnungen. Egal ob im gewaltigen Grave oder im vibrierenden "Allegro di molto e con brio": Fischers einzigartiger und gänzlich uneitler Erzählmagie kommt man nicht aus. Im "Adagio" lässt sie so etwas Unmögliches wie Glück aufleuchten, eine Sehnsucht, die im Rondo zerrieben wird. Lediglich im Finale kann sich Annie Fischer nicht so zwingend äußern.

Friedrich Gulda

Ähnlich unmissverständlich meißelt Friedrich Gulda Wut und Verzweiflung aus dem provokanten "Grave" des ersten Satzes. Peitschend- zerstörerisch entfahren ihm die "Allegro"-Ausbrüche, dagegen ziseliert er in mozartscher Anmutung das Seitenthema. Nach all dem Rasend-Kaputten fügt Gulda ein erstaunlich introvertiertes, farbloses "Adagio" an, emotional weniger brisant und ausdrucksvoll. Unerschrocken kantig arbeitet sich dann der österreichische Pianist durch das Rondo: Es beißt und zischt und das Thema flackert immer wieder scarlattiartig auf - bis zur wegfegenden Schlussgeste.

Sendung "Interpretationen im Vergleich" mit Beethovens "Pathétique"

In der Radio-Sendung "Interpretationen im Vergleich" sucht Julia Schölzel nach Zwischentönen - in Aufnahmen unter anderem von Ronald Brautigam, Glenn Gould, Maria João Pires, Angela Hewitt, Wilhelm Backhaus und Daniel Barenboim.

Sendung: "Interpretationen im Vergleich" am 24. April 2018 ab 20.05 Uhr auf BR-KLASSIK - hier die ganze Sendung zum Anhören

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