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Der Pianist Igor Levit "Die Welt da draußen ist für mich das A und O"

Igor Levit war nie ein Künstler im Elfenbeinturm. Der Kontakt mit Menschen ist ihm ebenso wichtig wie politisches Engagement und der Einsatz für Menschenrechte. Anlässlich seines Auftritts mit dem BR-Symphonieorchester spricht er über positive und negative Sucht und erklärt, warum er auch mal für ein paar Wochen das Handy ausschaltet.

Pianist Igor Levit | Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

Bildquelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

BR-KLASSIK: Man sagt ja immer, bei einem Klavierkonzert geht es auch darum, dass Individuum und Kollektiv miteinander streiten oder sich einig sind, sich gegenseitig vielleicht auch mal Knüppel zwischen die Beine werfen oder genießen, in einen Dialog zu treten. Ich glaube, bei Beethovens Klavierkonzert Nr. 5 ist es ganz anders als in vielen anderen Klavierkonzerten, weil da eine Einheit, ein Verschmelzen, eine Gemeinschaft hergestellt ist, die fast etwas Utopisches hat. Geht es Ihnen ähnlich?

Igor Levit: Ja, es ist natürlich auch nicht frei von Ecken, Tritten oder gegenseitigem Necken. Aber es stimmt schon: Das ist ein so miteinander verwobenes Werk, das ja einfach wirklich glücklich macht und das mir Zeit und Raum gibt, den Kollegen aus dem Orchester zuzuhören. Ich glaube, umgekehrt auch. Das ist einfach ein großes Glück.

Ich stelle mich nicht in den Vordergrund, wo es nicht sein muss.
Igor Levit zum Solopart von Beethovens Klavierkonzert Nr. 5

BR-KLASSIK: Sie begleiten da ja oft das Orchester, oder?

Igor Levit: Ja, und das ist auch gut so. Mehr mache ich auch nicht und es gibt Stellen, an denen ich Dinge spiele, die einfach nicht so besonders interessant sind und das ist auch OK. Und dann lehne ich mich einfach zurück und höre den Kollegen zu. Ich stelle mich nicht in den Vordergrund, wo es nicht sein muss.

BR-KLASSIK: Würden Sie zustimmen, dass man dieses Verhältnis Orchester-Solist auch politisch interpretieren kann? Es ist hier ja so eine Art von glücklichem Zusammenfinden, das ist ja auch ein politisch erstrebenswerter Zustand: dass das Individuum sich frei entfalten darf und das Kollektiv es trägt.

Igor Levit: Ja, aber wie immer im Leben ist es eher der Prozess und nie das Resultat. Ob wir dieses Resultat in realer politischer Gesellschaft erreichten werden? Da bin ich nicht besonders optimistisch. Aber dahin zu streben, das ist oberste Pflicht.

Ein "Kaiserkonzert"?

BR-KLASSIK: Das heißt, wir sollen so miteinander umgehen wie Solist und Orchester in diesem Fünften Klavierkonzert?

Igor Levit: Es gibt dieses deutsche Sprichwort "Was Du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu". Das lasse ich jetzt so für sich stehen.

BR-KLASSIK: Die damalige Rezeption des Stückes ging ja in eine vollkommen andere Richtung. Ein englischer Verleger hat es "Emperor Concerto" genannt und alle haben gedacht, es sei eine Huldigung an Napoleon genau das Gegenteil von dem, was Beethoven vorgeschwebt hat.

Pianist Igor Levit | Bildquelle: © Gregor Hohenberg Bildquelle: © Gregor Hohenberg Igor Levit: Ich kann Beethoven nicht fragen, aber ich finde zugefügte Beinamen häufig sehr langweilig. Je weniger Gedanken man dem widmet, desto besser ist es. Dieses Stück steht exemplarisch für etwas, was so häufig passiert. Man hat irgendwie so eine Idee und glaubt, so ist es, weil man hat es ja irgendwie ein paar Mal gehört. Aber dann kommt so ein Werk und zeigt: Es gibt unendlich viele andere Varianten. Musik ist frei. Wenn du hören möchtest, da ist der Kaiser und der stolziert da rum, dann bist du frei, das zu hören. Ich höre es eben nicht. Und das ist auch in Ordnung. Niemand hat Deutungshoheit über das, was da passiert, aber das Stück ist zum Teil sehr dunkel, sehr frei, sehr schwebend und sehr luftig. Und diese Dinge sind da zweifelsfrei drin. Das ist dann eher mein Weg, das zu sehen.

Der lebendige Austausch mit Menschen

BR-KLASSIK: Vor allen Dingen den Übergang vom langsamem zum letzten Satz finde ich immer wahnsinnig aufregend. Natürlich weiß jeder schon, was jetzt gleich kommt. Und trotzdem, wenn man es dann hört, ist es wieder überraschend. Können Sie dieses Rätsel erklären, warum die Überraschungskraft von Musik nicht abnimmt?

Igor Levit: Ich glaube, das hat große, bedeutende Musik so an sich. Ich kann zum 200. Mal alte Thelonious Monk-Aufnahmen hören und bin jedes Mal von Neuem erstaunt und überrascht. Das kann man nicht von so vielen Dingen im Leben sagen.

BR-KLASSIK: Wenn ich mir jetzt den Igor Levit anschaue als öffentliche Figur der ist ja fast nie allein. Er gibt ständig Interviews, er ist in der "Brigitte", er ist im "Spiegel". Er ist vielleicht auf dem Parteitag der Grünen. Er diskutiert mit Robert Habeck oder Norbert Lammert. Ist die Zeit alleine, zum Beispiel beim Üben am Klavier, als Ausgleich zu dem ganzen Trubel, den sie ja irgendwie auch genießen, wichtig für Sie?

Igor Levit: Die meiste Zeit verbringe ich alleine. Aber nichts gibt mir mehr das Gefühl zu leben, als der Austausch mit Menschen, von denen ich lernen kann und von denen ich lernen möchte. Wahrscheinlich noch das Musikmachen, sonst gar nichts. Und das suche und pflege ich aktiv. Und übrigens, auf dieses eine Detail achte ich dann doch, da bin ich sehr stolz drauf: Ich bin nicht in der "Brigitte", ich bin in der "Plätzchen-Brigitte". Das ist toll! (lacht)

BR-KLASSIK: Backen Sie Plätzchen?

Igor Levit: Ich verbrenne ein Rührei.

Ich mache einfach, wonach mir im Moment ist.
Igor Levit

BR-KLASSIK: Diese extreme hin- und hergerissene Existenz zwischen Einsamkeit und Super-Öffentlichkeit. Kann das aus der Balance geraten?

Igor Levit: Wenn man es zulässt, ja. Aber ich bin beschenkt mit so wundervollen Menschen um mich herum, dass ich noch nicht mal ansatzweise die 10.000 Kilometer entfernte Grenze sehe, die dann heißt: Balance verlieren.

BR-KLASSIK: Den Eindruck habe ich auch. Aber manchmal kriegt man fast Angst, wenn man sieht, dass Sie zehn Sekunden, bevor Sie auf die Bühne gehen, einen Tweet losschicken.

Pianist Igor Levit | Bildquelle: Robbie Lawrence Bildquelle: Robbie Lawrence Igor Levit: Ich mache einfach, wonach mir im Moment ist und sage auch das, wonach mir in diesem Moment ist. Ich versperre mich eben nicht. Ich glaube, wenn ich mich versperren würde, dann gäbe es die Gefahr, irgendwie aus dem Lot zu geraten. Es gab einige Momente im letzten Jahr, wo es mir zu viel wurde. Es gab so Geschehnisse in der Außenwelt, da dachte ich: Das übersteigt jetzt meine Grenzen, das kann ich nicht, das ertrage ich einfach nicht. Ich habe die Diskussion um dieses Pro und Contra der Seenotrettung wirklich nicht ertragen. Und da habe ich auch mal für zwei Wochen das Handy abgeschaltet. Ich bin also sehr aktiv, was das Smartphone angeht, aber ich gestalte noch, was ich mache. Ich lasse mich nicht gestalten. Ich sitze am Steuer.

Positive und negative Sucht

BR-KLASSIK: Aber Sie kennen das Gefühl, dass es zur Sucht werden könnte?

Igor Levit: Absolut. Ich kenne das Gefühl einer positiven Sucht und ich kenne das Gefühl einer negativen Sucht. Negative Sucht ist, wenn du dich plötzlich darin wiederfindest zu sagen: Ich glaube nicht, was da steht. Und dann fängst du an, die ganze Zeit so einen Reload-Knopf zu drücken, um zu gucken: Was kommt als nächstes? Und dann ist es plötzlich halb vier Uhr morgens. Ja, das kenne ich auch. Und dann ziehe ich auch die Bremse. Das ist ein paar Mal passiert in den letzten Jahren und das wird sicherlich wieder passieren. Ich bin auch nur ein Mensch. Aber dann ziehe ich die Bremse.

BR-KLASSIK: Was macht es mit dem Künstler Igor Levit, dass er so intensiv an der Gegenwart und an der Politik teilnimmt? Macht das überhaupt was? Beeinflusst das Ihre Art, Beethoven zu spielen?

Igor Levit: Das beeinflusst mich und insofern beeinflusst es alles, was ich tue. Ob es Beethoven spielen ist oder mit Menschen reden. Auf Ihre Frage: was macht‘s mit dem Künstler? Es macht alles. Es ist das A und O. Die Welt da draußen ist für mich das A und O. Das hält mich lebendig.

Hören Sie, was sie wollen. Das tue ich auch.
Igor Levit

BR-KLASSIK: Das mag für Sie individuell stimmen, aber wenn ich jetzt Ihre Platten höre, ohne Ihnen auf Twitter zu folgen, dann weiß ich nicht, dass Sie sich für Menschenrechte einsetzen oder gegen Rassismus kämpfen. Dann würde ich natürlich aus den Platten nichts darüber erfahren. Das kann man ja nicht hören.

Igor Levit: Nein, das soll man ja auch nicht, das ist ja auch OK. Sie werden das vielleicht auch bei einem Gymnasiallehrer oder bei einem Realschullehrer nicht wissen. Der macht trotzdem seinen Job und er erfüllt seine Pflicht als Staatsbürger. Ich habe früher manchmal so Kausalitäten hergestellt zwischen Beethoven und Staatsbürgerpflicht. Ich habe damit längst aufgehört. Das ist für mich nicht wichtig. Ich bin Musiker durch und durch. Das ist das, was ich am meisten liebe und wo ich mich am freiesten fühle. Aber am Ende bin ich Staatsbürger und nehme meine Pflichten wahr. Und ob Sie das hören, spielt überhaupt keine Rolle. Das ist ja wie gesagt das Tolle an Musik: Hören Sie, was sie wollen. Das tue ich auch.

Infos zum Konzert

Freitag, 26. Oktober 2018, 20:00 Uhr
München, Herkulessaal der Residenz

Ludwig van Beethoven:
Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 Es-Dur, op. 73
Sergej Prokofjew:
Symphonie Nr. 3 c-Moll, op. 44

Igor Levit (Klavier)
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
Leitung: James Gaffigan

Live-Übertragung auf BR-KLASSIK

Sendung: "Allegro" am 26. Oktober 2018 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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