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Kreativ-Werkstatt mit Dorothée Kreusch-Jacob Wie schreibt man ein Kinderlied?

"Jedes Kind ist musikalisch" – davon ist Dorothée Kreusch-Jacob überzeugt. Zahlreiche Lieder und Klangspiele für die Jüngsten hat die Pianistin bereits geschrieben. Aber wie erfindet man eigentlich Musik speziell für Kinder? BR-KLASSIK schaut Dorothée Kreusch-Jacob beim Komponieren über die Schulter.

Dorothée Kreusch-Jacob | Bildquelle: © Dorothée Kreusch-Jacob

Bildquelle: © Dorothée Kreusch-Jacob

Schritt 1: Der Text

Bei Dorothée Kreusch-Jacob kommt zuerst der Text. "Wenn die Melodie zuerst da wäre, würde ich in der Luft schweben. Was für ein Text passt du einer Melodie? Das geht nicht." Aber woher kommen die Ideen für den Text? Manchmal ist es ein Spaziergang im Gebirge oder im Wald, der sie inspiriert. Aber auch im Umgang mit Kindern sind schon viele neue Lied-Ideen entstanden. "Da kommt's dann einfach über mich und es fällt mir etwas Neues ein." Eine weitere Inspirationsquelle sind für Dorothée Kreusch-Jacob Verse von Dichtern wie Christian Morgenstern oder James Krüss. "Dann hol ich mir so einen Text und spüre, was für eine Melodie und Stimmung dazu passt. Ist es ein mitreißendes Lied, ist es ein stilles Lied, ist es ein Horchlied?"

Schritt 2: Die Form

Bewährt hat sich für Dorothée Kreusch-Jacob die dreiteilige Form. "Erst ein Anfangsteil, dann der Mittelteil und dann der vertraute erste Teil." Ein passender Refrain sorgt dafür, dass die Kinder aufmerksam dabeibleiben. "Strophe für Strophe für Strophe, das langweilt. Aber wenn ein Refrain kommt, sind alle wieder dabei. Da können Sie mit Lauten, mit Silben, durch Klatschen oder Stampfen oder Instrumentalbegleitung den Refrain zu einem gemeinsamen Erlebnis machen."

Schritt 3: Die Melodie

Singende Kinder beim Festival "Huraxdax" | Bildquelle: © BR Bildquelle: © BR Wenn ganz kleine Kinder vor sich hinsingen, dann zunächst mit zwei, drei Tönen. Deshalb bewegen sich auch die meisten bekannten Kinderliedermelodien in einem engen Tonraum. Dorothée Kreusch-Jacob möchte solche Grenzen allerdings nicht aufstellen. Sie findet, man kann Kindern durchaus etwas zumuten: "Dadurch, dass wir tiefe Töne und hohe Töne anbieten, möchte das Kind das nachmachen und erweitert so spielerisch seinen Tonumfang." Auch Lieder in Moll-Tonarten sind für sie ganz normal: "Dur-Klänge müssen es ja nicht immer sein. Das klingt manchmal so nach Tralala und ein bisschen kindertümelnd. Warum nicht Moll? Alles hat seinen Platz im Menschen, im Kind und in der Musik. Es kann nicht genug Facetten kennenlernen."

Sendungstipp: Musik für Kinder - kinderleicht?

Die Pianistin und Liedermacherin Dorothée Kreusch-Jacob gibt Einblicke in ihre Arbeit und erklärt, wie Eltern ihre Kinder am besten musikalisch fördern können. KlassikPlus am 19. September 2019 um 19.05 Uhr auf BR-KLASSIK.

Schritt 4: Das Arrangement

"Heutzutage kann ein einzelner Mensch mit der entsprechenden Software sämtliche Instrumente simulieren. Musik kann heute ein vollkommen künstliches Produkt sein, billig hergestellt und schnell auf den Markt geworfen." Dorothée Kreusch-Jacob hält diesen Trend für höchst bedenklich, gerade was Musik für Kinder betrifft. Für sie ist es wichtig, Musik zu produzieren, bei der akustische Instrumente zu hören sind. "Ich möchte dem Kind zeigen, wie eine Geige oder eine Harfe klingt." Dazu lädt sie für CD-Aufnahmen gern große Künstler ins Tonstudio ein. Klarinettist Giora Feidman und Jazzsaxophonist Klaus Doldinger beispielsweise haben bei ihrer neuen CD "Sonne, Mond und Abendstern" mitgewirkt. "Ich möchte das Kind ansprechen und ihm etwas zumuten, sei es Klassik, sei es Jazz, seien es volksmusikalische Klänge." Ein positiver Nebeneffekt: Auch den Eltern mache es mehr Spaß, anspruchsvolle Aufnahmen dann gemeinsam mit den Kindern zu hören, so die Liedermacherin.

Schritt 5: Die Sänger

Perfekt ausgebildete Kunststimmen von der Bühne kann Dorothée Kreusch-Jacob für ihre Aufnahmen nicht gebrauchen. "Sie machen so einen Abstand." Sänger sollten vielmehr durch Singen zum Kind sprechen, sich ganz in diesen Text hineinbegeben. "So hätte ich's auch gern, dass Eltern oder Erzieher mit Kindern singen. Nicht so obendrüber weg. Nicht in der Absicht, es richtig zu singen, oder besonders schön zu machen. Ein Lied erzählt eigentlich eine musikalische Geschichte."

Das möchte ich allen Eltern mit auf den Weg geben: Dass sie sich trauen zu singen.
Dorothée Kreusch-Jacob

Schritt 6: Der Praxistest

Ist ein Kinderlied fertig komponiert, kommt der große Augenblick: Dorothée Kreusch-Jacob singt ihr Lied erstmals ihrem jungen Publikum vor. "Meist sind natürlich die Kinder meiner Familie in der Nähe und dann kommen sie in den Genuss", lacht sie. So ein Praxistest ist aufschlussreich, denn nicht immer funktionieren Strophen, Spielanleitungen und Refrains so gut wie auf dem Papier. Und Kinder sind die besten Kritiker.

Schritt 7: Das gemeinsame Singen

Das größte Geschenk ist für Dorothée Kreusch-Jacob, wenn ihre Lieder Eltern und Kindern das gemeinsame Singen näherbringen. "Das möchte ich allen Eltern mit auf den Weg geben: Dass sie sich trauen zu singen. Egal, ob es krumm oder schief ist, ob mir Töne wegfallen, ob ich nicht hochkomme, ob ich brumme, ich schenke dem Kind etwas ganz anderes durch mein Mitmachen und Singen. Ich schenke ihm Zuneigung. Das ist so eine feine Schwingung, die sich mitteilt. Und das Kind schwingt mit." Selbst eine aufwendig aufgenommene CD könne das nicht leisten. "Es ist interessant, dass etwas so Einfaches wie ein mit dem Herzen gesungenes Lied eine Sternstunde für ein Kind bedeutet!"

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