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Johann Sebastian Bach Sonate für Violine solo Nr. 3

Häufig ist die Violine als Soloinstrument nicht zu hören. Erste Kompositionen dieser Art sind die Sonaten und Partiten für Violine solo von Bach. Das fünfte Werk ist seine Sonate in C-Dur. Susanna Felix stellt das starke Stück mit dem Geiger Christian Tetzlaff vor.

Porträt Johann Sebastian Bach | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Das starke Stück

Bachs Sonate für Violine solo Nr. 3

Im Jahr 1720 kehrt Bach von einer zweimonatigen Konzertreise aus Karlsbad nach Köthen zurück. Doch zuhause erwartete ihn eine schreckliche Nachricht. Seine erst 35-jährige Frau Maria Barbara war überraschend und nach kurzer schwerer Krankheit gestorben.

Bach sucht Trost in der Musik. So entstehen seine Sonaten und Partiten für Violine Solo, der Autograph ist auf das Jahr 1720 datiert. Der Geiger Christian Tetzlaff sieht in dieser Komposition eine Art Grabstein für Bachs Frau.

"Da kommt zum Beispiel noch das schöne Indiz hinzu, dass Bach diese Stücke bezeichnet mit 'sei solo', also was grob übersetzt heißt 'sechs Solo für Geige', oder es heißt tatsächlich 'sei solo'' - 'du bist allein' - wäre damit so ein Titel für dieses Werk." (Christian Tetzlaff)

Bach wechselt in seinem Zyklus Sonaten und Partiten einander ab. Die Sonate in C-Dur steht im Gesamtwerk an fünfter Stelle und ist für Christian Tetzlaff im dramaturgischen Aufbau eine Art Wendepunkt. Hier beginnt Bach seinen Schmerz langsam zu überwinden, der die ersten vier Werke, die bezeichnenderweise alle in Moll stehen, überschattet.

Christian Tetzlaff am 28.06.2012 in München | Bildquelle: BR/ Undine Fraatz Christian Tetzlaff | Bildquelle: BR/ Undine Fraatz "Die Reise in diesen Stücken geht von der majestätischen Eröffnung der g-Moll-Sonate über die h-Moll-Partita, a-Moll-Sonate zu den düsteren Abgründen der d-Moll-Partita, wo in der Chaconne auf den Zyklus vollkommen sprengenden und die normale Musik der Zeit wirklich sprengende Art Leiden dargestellt wird." (Christian Tetzlaff)

In der Chaconne ist der Gipfel an Traurigkeit erreicht. Unmittelbar an die Chaconne schließt sich die Licht bringende C-Dur-Sonate an – auch wenn der Anfang des Adagios noch unsicher und zögerlich wirkt.

"Der erste Satz der C-Dur-Sonate enthält C-Dur nicht ein einziges Mal auf einem betonten Taktteil. Er beginnt in derselben Tonlage der Chaconne, im selben Rhythmus, wogegen Bach bisher immer darauf geachtet hat, dass alles immer so unterschiedlich wie möglich ist. Im fünften Takt des ersten Satzes der C-Dur-Sonate ist Bach bereits wieder in d-Moll gelandet. Es ist evident: Aus dieser Chaconne hat er sich überhaupt nicht entfernt." (Christian Tetzlaff)

Es scheint Bach schwer zu fallen, sich von der Trauer zu lösen. Und auch am Schluss dieses Adagios holt ihn die Chaconne wieder ein. Das Thema der Fuge erinnert an den Choral "Komm heil’ger Geist", die deutsche Übersetzung des Pfingsthymnus "Veni creator spiritus". Wie so oft bei Bach kann man sich fragen, ob das Absicht ist oder lediglich Spekulation.

"Dass die Funktion für mich musikalisch in jedem Fall 'Veni creator Spiritus' ist, ist klar. Denn nach der Verzweiflung, die noch im ersten Satz von der C-Dur-Sonate hält, ist jetzt plötzlich die ganze Musik voller Jubel. Für mich ist es immer wieder unfassbar, wie er es schafft, durch diese tiefe und dunkle Sache zu gehen, und dann ein Gegengewicht zu der Chaconne zu schaffen." (Christian Tetzlaff)

Von der Trauer eingeholt

Ist es der Beistand des Heiligen Geistes, der Bach über seinen Schmerz hinweg helfen soll? Der Notentext verrät möglicherweise noch mehr über Bachs Gedankengänge: Ab der Mitte der Fuge dreht Bach das ursprüngliche Choral-Thema nämlich um. Die Melodie steigt jetzt nicht mehr schrittweise von oben nach unten, sondern von unten nach oben.

"Man kann viel darüber spekulieren: Wenn man diese Idee akzeptiert, dass dieses Thema, das tatsächlich schrittweise von oben nach unten steigt, so etwas ist, was von oben auf einen zukommt, kann man auch spekulieren, dass, was in dieser Fuge passiert, nämlich, dass er ab der Mitte die Sache genau umdreht, dass es vielleicht die Hinwendung Bachs ist, der Versuch, ans Licht zu kommen aus den vorigen Sonaten." (Christian Tetzlaff)

Allerdings scheint dieser Versuch nicht zu glücken. Immer wieder holt Bach die Trauer ein.

"In dem 'al riverso', also in dem Umgekehrten, kommt sofort eine Leidensfigur, eine Seufzerbindung in Moll, jedes Mal als Antwort aufs Thema. Das ist einfach körperlich zu erfahren, und das ist auch schön, er schreibt in der ganzen Fuge ganz, ganz wenige Bindungen. Aber an dieser Leidensfigur schreibt er dann jeweils Zweierbindung, um anzudeuten: Es sind tatsächlich Seufzer." (Christian Tetzlaff)

Der dritte Satz, das Largo, gehört zu den Stücken, die eine so starke Wirkung besitzen, dass sie auch mal - losgelöst von ihrem Kontext - auf Hochzeiten oder bei ähnlichen Anlässen gespielt werden. Auch im dritten Satz hat Bach scheinbar mit der Trauer noch nicht abgeschlossen. Denn - wie schon in der Fuge - gibt es auch im Largo einen Moment des Zweifelns. Im vierten Satz werden solche Fragen dann gar nicht mehr gestellt. Virtuos, witzig und mit Akzenten auf normalerweise unbetonte Taktteile entfacht Bach im Allegro assai ein wahres Feuerwerk der Freude.

"Der letzte Satz ist für mich der gelungene Versuch zu sagen: Okay, es passieren diese Dinge, wir müssen mit Kraft - oder bei ihm mit Glauben - versuchen, damit zurecht zu kommen. Und dann müssen wir auch in der Lage sein, zu genießen, zu tanzen, zu singen und Musik dieser Art zu machen. Es geht ausgelassen zu in diesem Satz. Und das ist natürlich im Zusammenhang der anderen Stücke phantastisch und wiederum rein musikalisch für den Zyklus unabdingbar." (Christian Tetzlaff)

Musik-Info

Johann Sebastian Bach: Sonate für Violine solo Nr. 3, C-Dur BWV 1005

Christian Tetzlaff, Violine
CD-Titel: Sonatas & Partitas for Violin solo BWV 1001-1006
Label: hässler classic SCM

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