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Starke Stücke Haydn - Cellokonzert C-Dur

Zugegeben: Es sind viele Violin- oder Flötenkonzerte aus der musikalischen Epoche der Klassik überliefert. Aber wer hat damals eigentlich mal an die Cellisten gedacht? Da gibt es wohl kaum jemanden. Bis auf Joseph Haydn.

Porträt Joseph Haydn | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Das starke Stück

Haydn - Konzert für Violoncello in C-Dur

Das Konzert hatte lange als verschollen gegolten - bis 1961. Damals tauchte im Prager Nationalmuseum eine Kopie davon auf. Und die passte genau zu Haydns Eintragungen in seinem "Entwurfs-Katalog". Ein musikalischer Schatz wurde geborgen: Es ist eins der anspruchsvollsten Cellokonzerte überhaupt. Kein Wunder also, dass Mischa Maisky und viele andere Virtuosen es sofort einstudierten. Außerdem gibt es Einblicke in Haydns Leben und Arbeiten. Er schrieb es wohl in den Jahren nach 1761. Damals war er Vizekapellmeister am Hof von Esterhazy.

Das Konzert mutet noch etwas spätbarock an, in seinen festlichen musikalischen Figuren. Die Orchestereinsätze kehren blockartig wieder. Die Besetzung ist klein: Zwei Oboen, zwei Hörner und einige Streicher. Zu Haydns Zeit dürfte das einzige Cello, das dabei war, dem Solisten gehört haben. Er spielt die Soli, ist aber zwischendurch auch in den Orchestertutti präsent. Vielleicht hat der Solist das Orchester ja manchmal auch gleich mit dirigiert. Die anderen Musiker im Halbkreis um ihn herum. Ein kammermusikalischer Aufbau. So wünscht ihn sich Mischa Maisky heute auch noch.

"Ich glaube, ohne Dirigent gelingt es besser. Ich glaube. Ohne Dirigent liegt mehr Verantwortung bei den einzelnen Musikern und dadurch sind sie aufmerksamer. Es ist wie Kammermusik. Ich spiele gern ohne Dirigent, - auch viel komplexere Werke." (Mischa Maisky)

Dazu gehört natürlich ein selbständiges Orchester. Wie das Chamber Orchestra of Europe, mit dem Maisky hier zusammenspielt. Es musiziert vorwiegend ohne Dirigenten. Doch ob mit oder ohne - wie zu Haydns Zeit lässt sich das Konzert heute wohl kaum noch spielen. Damals, vor 250 Jahren, erklang es auf Schloss Esterhaza vor einem kleinen, adligen Publikum, das sich untereinander bestens kannte. Am Cello saß Joseph Weigl. Er war Erster und möglicherweise damals sogar einziger Cellist beim Fürsten von Esterhazy. Haydn war eng mit ihm befreundet. Ja, er war sogar Taufpate von Weigls Sohn Joseph, der - wie sein Patenonkel - ebenfalls Komponist werden wollte.

Historisches Musizieren unmöglich

Die historische Situation, die Absichten des Komponisten - für Maisky spielen sie zwar heute auch noch eine Rolle. Er versucht Haydns Vorstellung so weit wie möglich aus dem Notentext herauszulesen. Doch historisch korrekt zu musizieren, versucht er gar nicht erst. Für ihn ist es eine Illusion:

Mischa Maisky über die Interpretation:

"Für mich ist Musik etwas sehr lebendiges. Es verändert sich ständig. Ich versuche nicht, Bach oder Haydn zu spielen wie vor zweihundert oder dreihundert Jahren. Ich wüsste nicht warum. Pierre Boulez sagte einmal: Die Diskussion erinnert ihn an jemand, der einen antiken Kerzenleuchter auf seinen Tisch stellt un so tut, als ob er am Hof Ludwigs des XIV. ist. Egal, was wir auf unseren Tisch stellen, wir leben nicht im 17. oder 18. Jahrhundert. Und alle großen Komponisten, alle großen Genies waren ihrer Zeit sehr weit voraus." (Mischa Maisky)

Wieviel das Genie Haydn für das Cello komponiert hat, ist heute ungewiss. Ganze neun Cellokonzerte wurden ihm einmal zugeschrieben. Doch nur von zweien davon weiß man heute mit Sicherheit, dass sie tatsächlich von Haydn stammen: Das in C-Dur und das in D-Dur. Mit denen hat der Komponist den Cellovirtuosen einiges mit auf den Weg gegeben. Welche Konzerte versprühen schon einen solchen Charme und eine solche Präsenz? Und wo wird einem Cellisten soviel zugemutet an Präzision und Fingerfertigkeit? Der flotte dritte Satz des C-Dur-Konzertes gehört zum schwersten, was die Celloliteratur zu bieten hat. Zudem spornt er geradezu an, immer noch schneller und schneller zu spielen.

Gegenseitiges Anstacheln

Von barocker Feierlichkeit ist in diesem letzten Satz des Konzertes nichts mehr zu spüren. Die Kunst des Solisten ist nicht mehr in einen festen Rahmen eingebettet. Er ist vielmehr die treibende Kraft in diesem musikalischen Wettspiel. Cellist und Orchester stacheln sich darin gegenseitig an. Eine Virtuosenpartie wie sie damals, in der aufblühenden Wiener Klassik, immer beliebter wurde. Somit spricht aus diesem Konzert beides: mit dem ersten Satz der noch etwas steife, höfische Rahmen des Spätbarock und - zum Schluss: moderneres, leidenschaftliches Virtuosentum. Doch am eigenen Tempo darf man sich dabei nicht zu sehr berauschen.

Musik-Info

Joseph Haydn: Cellokonzert C-Dur Hob. VIIb; 1

Mischa Maisky, Cello
Chamber Orchestra of Europe
Label: Deutsche Grammophon

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