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Robert Schumann Violoncellokonzert a-Moll

Endlich war Robert Schumann angekommen: 1850 wurde er Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. Eine prestigeträchtige Position für einen Komponisten. Schumann hatte viele Jahre lang alles daran gesetzt, seine wachsende Familie mit seinen Werken zu ernähren. Er tat sich schwer. Dann kam das Angebot, nach Düsseldorf zu gehen. Die Zeit der Sorgen schien vorbei. Beflügelt schrieb der Komponist die "Rheinische" Symphonie und auch ein Konzert für Violoncello in a-moll, Opus 129. Wiebke Matyschok stellt es mit dem Cellisten Alban Gerhardt vor.

Robert SChumann sitzt über Noten am Tisch am Abend | Bildquelle: picture-alliance / akg

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Das starke Stück zum Anhören

Himmelhochjauchzend! Zu Tode betrübt? Robert Schumann erlebt ein Hoch. Er ist von Jugend an ein Grenzgänger zwischen Gesundheit und Depression. Der Komponist ist gut gestimmt im Herbst des Jahres 1850. Die Familie zieht im September aus Dresden ins Rheinland um. Robert und Clara mit ihren sechs Kindern. Die Rheinländer empfangen sie begeistert. Schumann ist angekommen – so scheint es – als Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. Das erste Konzert ist ein Erfolg. Robert dirigiert und Clara spielt Klavier. Sie erhält ein Blumenkörbchen zum Dank: "Es ist doch unbegreiflich, wie die Herren denken können, dass ich hier zum ersten Male gratis in ihren Concerten spielen werde." Sie ist empört.

Am selben Tag hatte Robert sein Cellokonzert vollendet, geschrieben in knapp zwei Wochen. Eine Fantasie für Orchester mit obligatem Cello? Der Beginn generiert Klänge wie von einer Orgel. Kein Thema, nur drei wechselnde Akkorde der Holzbläser. Doch sind sie Keimzelle, die später wiederkehrend die Form des Ganzen miteinander verklammert. Drei Sätze, die nahtlos ineinander übergehen. Das Cello setzt ein. Leise. Lyrisch. Ausdrucksvoll. Dazu macht sich Cellist Alban Gerhardt sehr persönliche Gedanken: "Dieser sehr schwelgerische Beginn ist gar nicht schwelgerisch gemeint: Schumann schreibt dieses schnelle Tempo und er schreibt piano; die ganze Einleitung ist im piano gehalten. Wir Cellisten – mich eingeschlossen – machen da ein zu großes Fass auf."

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Enorm schnelles Tempo

"Nicht zu schnell" steht über dem ersten Satz; als Metronomzahl gibt Schumann 130 Schläge pro Minute an. Ein unerwartet schnelles Tempo, das meist kaum ernst genommen wird. Ein unauflösbarer Widerspruch? "Ich habe neulich in einer Meisterklasse in Boston zum Spaß das Metronom auf den Flügel gestellt und das Ganze mit dem Pianisten im vorgeschriebenen Tempo gespielt", erinnert sich Alban Gerhardt. "Im Konzert habe ich das noch nie so schnell gespielt, aber ich wollte sagen: Das schreibt der Schumann eigentlich! Wenn ich es etwas langsamer spiele, dann erkläre ich, dass der Schumann das in seinem Kopf so gehört hat und wenn das Orchester und der Raum dazu kommen, dass sich das etwas verschleppt – vielleicht 10 bis 15 Schläge, aber mehr nicht."

Es ist eher ein Kampf mit Materie, mit Geist, mit Gefühlen.
Alban Gerhardt über das Finale von Schumanns Cellokonzert

Erfüllung einer Liebesgeschichte?

Der langsame Satz ist ein Lied ohne Worte. Ein heimliches Ständchen für Clara? Wieder Bläserakkorde zu Beginn. Alles kreist um eine fallende Quinte. Die stand am Anfang dieser großen Liebe. Chiara oder Chiarina – eine dreizehn Jahre alte Klaviervirtuosin – hatte Robert Schumann Variationen geschickt über ein Thema mit einer fallenden Quinte. Er hatte geantwortet, indem er Variationen über Variationen schrieb. Ein geheimnisvoller Zauber, eifersüchtig vom Vater des Wunderkindes beäugt. Später eine Künstlerehe auf Augenhöhe? Eine Beziehung, die durch Roberts Krankheiten, Claras ständige Schwangerschaften zunehmend aus dem Gleichgewicht gerät. Er versucht, die Familie mit seinen Werken zu ernähren, jahrelang hatte sie gegen Roberts Willen mit ihren Auftritten einen großen Teil des Einkommens verdient.

Alban Gerhardt | Bildquelle: Sim Canetty-Clarke / Hyperion Records Alban Gerhardt | Bildquelle: Sim Canetty-Clarke / Hyperion Records Doch zurück zum Cellokonzert. Alban Gerhardt äußert sich zum formalen Aufbau des Werks: "Eigentlich ist es einsätzig komponiert. Der langsame Satz ist so kurz, das ist nur ein kurzer Stopp, bevor es dann in den letzten Satz geht. Und der ist pseudovirtuos – das ist eher wie eine Suche. Er probiert und er kommt nicht wirklich zum Ziel. Ich sträube mich immer dagegen, Schumann auf seinen Wahnsinn zu reduzieren, aber dieser letzte Satz ist schon leicht skurril. Er versucht so spielerisch zu sein, aber es gelingt ihm gar nicht. Es ist eher ein Kampf mit Materie, mit Geist, mit Gefühlen."

"Durchaus heiter"

"Ich glaube, dass gerade, da so wenig Compositionen für dieses Instrument geschrieben werden, der Ansatz ein den Wünschen entsprechender sein wird", schreibt Schumann einen Brief an seinen Verleger in der Hoffnung auf einen großen Erfolg. Weder Mozart noch Beethoven, weder Schubert noch Mendelssohn haben das Cello mit einem konzertanten Werk bedacht. "Ich kann kein Konzert schreiben für Virtuosen, ich muss auf etwas andres sinnen", bemerkt Schumann. Er versteht nur wenig vom Cello und behandelt es wie eine menschliche Stimme. Sein "Concertstück für Violoncell mit Begleitung des Orchesters" beschreibt er als "durchaus heiter". Clara begeistert sich für den "Schwung, die Frische, den Humor". Gleichzeitig bearbeitet Schumann das Werk für Violine; er setzt den Cellopart eine Oktave höher und belässt den Orchestersatz, als ob er dem eigenen Stück misstrauen würde. Der Widmungsträger - der Cellist Emil Bockemühl, mit dem Schumann korrespondiert hatte, - verweigert sich einer Aufführung. Er findet das Konzert zu wenig "klingend und melodiös". Und fordert einen neuen dritten Satz.

Verrückte Musik?

Später wird das Stück als Ausdruck von Schumanns beginnender geistiger Umnachtung beschrieben. Verrückte Musik – auch im letzten Satz? Was sagt Alban Gerhardt dazu? "Ich denke, dass es gar nicht viel hilft, an den Wahnsinn Schumanns zu denken, wenn man das Stück spielt, sondern an eine Sturm-und Drang-Seele, die einen letzten Höhenflug erlebt. Das Schumann-Konzert kann man nicht angehen, um das Publikum zu beeindrucken, sondern man sollte es spielen, um es zu berühren", bemerkt der Cellist abschließend. "Sobald wir anfangen beeindrucken zu wollen, funktioniert das Stück nicht."

Musik-Info

Robert Schumann:
Violoncellokonzert a-Moll, op. 129

Alban Gerhardt (Violoncello)
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Hannu Lintu

Label: Hyperion

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