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Dirigentin Susanna Mälkki "Widerstände gegen Frauen am Pult existieren noch"

Früher wollten einige Orchestermanager die finnische Dirigentin Susanna Mälkki nicht einladen, weil sie eine Frau war. Inzwischen ist die Musikbranche offener geworden. In den letzten zwei Jahren tauchen merklich mehr Dirigentinnen auf Konzert- und Opernprogrammen auf. Als die Salzburger Festspiele ihr Programm für 2019 ohne eine einzige Frau in Regie und Dirigat ankündigten, hagelte es Kritik. Andererseits: Von rund 130 deutschen Profiorchestern werden nur fünf von Frauen geleitet. Wie steht es also wirklich um die Gleichberechtigung? Die Dirigentin Susanna Mälkki im Gespräch mit BR-KLASSIK.

Susanna Mälkki | Bildquelle: Astrid Ackermann

Bildquelle: Astrid Ackermann

Susanna Mälkki braucht erst einmal einen Schokokeks, bevor unser Gespräch losgeht. Den ganzen Tag Orchesterproben im Münchner Herkulessaal, dann gleich im Anschluss noch Videoaufnahmen – "Ich bin völlig unterzuckert", gibt die charismatische Finnin zu. Ob sie vielleicht noch einen zweiten Keks bekommen könnte? Mälkki dirigiert in dieser Woche das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks mit einem zeitgenössischen Programm. Werke von Miroslav Srnka, Pierre Boulez und Enno Poppe.

Dass sie als Frau ein Orchester leitet, empfindet sie nicht als große Sache. Zu Beginn ihrer Karriere vor zwanzig Jahren war das anders. "Es gab Momente, da stand ich vor einem Orchester und spürte ein gewisses Unwohlsein unter den Musikern. Ich konnte nur raten, ob es an meinem Charakter lag oder an der Tatsache, dass ich eben eine Frau war." Inzwischen sei es für Orchestermusiker selbstverständlich geworden, mit Dirigentinnen zusammenzuarbeiten. Und doch spürt Mälkki nach wie vor Widerstände. Aber die gingen nicht von den Musikern aus. "Einige ältere männliche Dirigenten-Kollegen wollen nicht, dass eine Frau die Leitung ihres Orchesters übernimmt. Und das Management hält sich dann auch noch an diese Anweisungen."

Susanna Mälkki zu Gast bei musica viva

In der Reihe "musica viva" leitet Susanna Mälkki am 5. Juli 2019 den Chor und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Auf dem Programm stehen Werke von Enno Poppe und Pierre Boulez sowie die Uraufführung von Miroslav Srnkas "Speef of Truth" für Soloklarinette, Chor und Orchester. Das Konzert findet im Münchner Herkulessaal statt, Beginn ist um 20.00 Uhr.
BR-KLASSIK sendet den Mitschnitt dieses Konzerts am Mittwoch, 2. Oktober 2019, um 20.05 Uhr im Radio.

Susanna Mälkki | Bildquelle: Astrid Ackermann Susanna Mälkki | Bildquelle: Astrid Ackermann Ihr eigener Lehrer, Jorma Panula, sorgte 2014 für Wirbel, als er sich im finnischen Fernsehen gegen Frauen am Pult aussprach. Und wenn sie schon unbedingt dirigieren müssten, sollten sie wenigstens "weibliche" Musik erarbeiten, so Panula. Debussy etwa, aber nicht Bruckner oder Strawinsky. "Totaler Blödsinn" lautet Mälkkis Kommentar dazu.

Susanna Mälkki stellt aber fest, dass sich jüngere Kolleginnen von solchen Aussagen nicht mehr abschrecken lassen. Glücklicherweise, wie sie sagt. "Heute gibt eine viele junge Frauen, die dirigieren. Weil sie sehen, dass es geht." Susanna Mälkki beobachtet sogar eine gegenteilige Tendenz. Dirigentinnen, die ihre Weiblichkeit ganz bewusst als Marketingstrategie einsetzen. Nach dem Motto: Eine Frau am Pult? Wow, wie exotisch!

Am liebsten würde die Finnin das Gender-Thema ganz ausblenden. "Seit dem Beginn meiner Karriere stürzen sich die Medien zuerst darauf. Der Diskurs zur Gleichberechtigung in der Musik ist natürlich wichtig, keine Frage. Aber ich würde gern einfach mal nur über Musik und meine Arbeit sprechen."

Bei einem Workshop für Kinder neulich hat sie genau das getan. Und kein Wort über die Seltenheit von Dirigentinnen verloren. "Die Kleinen haben sich die Frage doch gar nicht gestellt. Für sie war es selbstverständlich, eine Frau vor sich zu sehen. Warum sollte ich sie extra darauf stoßen, dass es außergewöhnlich ist? Wenn Jungen und Mädchen es von klein auf als Normalität empfinden, dass beide Geschlechter auf der Bühne stehen, dann tritt Gleichberechtigung am schnellsten ein."

Sendung: "Leporello" am 4. Juli 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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