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Zoom – Der Komponist Mieczyslaw Weinberg Das wiederentdeckte Genie

Mieczyslaw Weinberg war einer der faszinierendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. In Russland wurde er in einem Atemzug mit Prokovjew und Schostakowitsch genannt – mit dem er eng befreundet war. Trotzdem geriet er immer mehr ins Abseits. Ein Hauptgrund dafür war seine Herkunft: Weinberg war polnischer Jude. Sein Leben liest sich wie das Drehbuch zu einem Hollywood-Film: Er musste vor den Nazis fliehen, heiratete in eine einflussreiche Moskauer Familie ein, geriet dann aber zwischen die Mühlräder des Stalin-Terrors. Am 8. Dezember jährt sich sein Geburtstag zum hundertsten Mal.

Der Komponist Mieczyslaw Weinberg | Bildquelle: Bregenzer Festspiele/Privatarchiv Olga Rachalskaya

Bildquelle: Bregenzer Festspiele/Privatarchiv Olga Rachalskaya

Die Sendung zum Anhören

Es ist der Abend des 6. Februar 1953 – Mieczyslaw Weinberg und seine Frau Natalja Vovsi haben es sich gerade mit ihren Gästen gemütlich gemacht. Mit dabei: die Komponisten Boris Tschaikowskij und Nikolaj Pejko mit ihren Frauen. Gerade noch waren sie im Konzert. Weinbergs "Moldawische Rhapsodie" hatte Premiere: David Oistrach spielte die Violine, Weinberg selbst saß am Klavier. Es war ein großartiges Konzert, das Publikum begeistert.

Plötzliche Verhaftung

Die Stimmung ist ausgelassen – als es plötzlich an der Tür klingelt. Die Gäste sehen sich fragend an, eigentlich wird niemand mehr erwartet. Natalja öffnet schließlich die Tür. Zunächst ist es seltsam still im Flur, dann betreten KGB-Agenten das Wohnzimmer und verhaften den Komponisten Mieczyslaw Weinberg. Der leistet keinen Widerstand und verabschiedet sich mit den Worten "Liebe Freunde, ich habe nichts Ungesetzliches getan. Entschuldigt mich…" Noch bis zum Morgengrauen durchsuchen die KGB-Agenten die Wohnung der Weinbergs und versiegeln sein Arbeitszimmer. Seiner Frau Natalja wird gesagt, sie könne zweimal im Monat 100 Rubel ins Informationsbüro des KGB bringen, diese würden ihrem Mann ausgehändigt, solange er in Haft sei. Mehr erfährt zunächst niemand.

Absurde Vorwürfe

Josef Stalin | Bildquelle: picture alliance / akg-images Unter Josef Stalins Terror hatte nicht nur Mieczyslaw Weinberg zu leiden. | Bildquelle: picture alliance / akg-images Weinberg ist nicht der Einzige, der unter der Terrorherrschaft Stalins leidet. Keine Beschuldigung ist Stalin zu lächerlich, um missliebige Menschen ins Gefängnis oder Arbeitslager zu schicken oder hinrichten zu lassen. Gerade erst sind im Zuge der sogenannten "Ärzteverschwörung" dutzende angesehene Mediziner verhaftet worden. Sie hätten angeblich versucht, Stalin zu vergiften und einen autonomen jüdischen Staat auf der Krim zu gründen. Auch dem Komponisten Weinberg wird nun vorgeworfen, sich an der Verschwörung beteiligt zu haben. Ein völlig absurder Vorwurf. Viel wahrscheinlicher ist ein anderer Grund: Weinberg ist Ausländer und noch dazu Jude. Eine ungute Kombination im Moskau der 40er und 50er Jahre.

Flucht aus Polen

Es ist nicht das erste Mal, dass Weinberg seine jüdische Herkunft zum Verhängnis wird. Geboren wurde er 1919, in einer musikalischen Familie in Warschau wächst er auf. 1939 wird Polen von Deutschland überfallen. Als Jude muss Weinberg aus Warschau fliehen. Er ist der einzige aus seiner Familie, dem die Flucht in die Sowjetunion gelingt – und als einziger aus seiner Familie überlebt er den Krieg. Wie sich die Flucht genau abspielte, wann und warum sich die Wege der Familie trennen – das alles ist bis heute ungeklärt. Fest steht nur, dass es Mieczyslaw gelingt, nach Minsk zu gelangen. Dort darf er Komposition studieren – ein absolutes Privileg für einen Flüchtling. Später wird er gemeinsam mit vielen anderen Musikern und Künstlern von der Roten Armee nach Taschkent evakuiert. Der Krieg, der Verlust der Heimat, der Holocaust und der allgegenwärtige Antisemitismus werden die prägenden Themen seiner Kompositionen.

Freundschaft mit Schostakowitsch

Dmitrij Schostakowitsch | Bildquelle: Archiv des Bayerischen Rundfunks Weinbergs Freund und Unterstützer Dmitrij Schostakowitsc | Bildquelle: Archiv des Bayerischen Rundfunks Nach dem Krieg, trotz Heimweh, kehrt Weinberg nicht nach Polen zurück, er bleibt in Russland. In Taschkent lernt er seine erste Frau Natalja kennen. Deren Vater Solomon Michoels ist nicht nur der Vorsitzende des jüdischen antifaschistischen Komitees, sondern auch ein einflussreicher Schauspieler und Theaterregisseur in Moskau. Und dann fällt Dmitrij Schostakowitsch das Manuskript von Weinbergs Erster Symphonie in die Hände. Der berühmte Komponist interessiert sich für den jungen Kollegen und lädt ihn ein, nach Moskau zu kommen. Weinberg zieht also mit seiner frisch angeheirateten Familie in die russische Hauptstadt, um dort seinen Lebensunterhalt als Komponist zu bestreiten.

Aufflackern antisemitischer Tendenzen

Der Start in Moskau gelingt recht gut. Schostakowitsch und Weinberg verbindet schnell eine intensive Freundschaft, die ein Leben lang halten wird. Die beiden sehen sich ständig, tauschen sich über Musik aus, zitieren sich gegenseitig in ihren Werken und fördern sich gegenseitig. Auch von den anderen Musiker- und Komponistenkollegen wird Weinberg sehr geschätzt, seine Werke werden von bedeutenden Interpreten gespielt. Doch dann flammen kurz nach dem Krieg wieder antipolnische und vor allem antisemitische Tendenzen in Russland auf. Mit dramatischen Folgen für Weinberg.

Jahrelange Beschattung

Am 13. Januar 1948 wird Weinbergs Schwiegervater Solomon Michoels durch einen fingierten Autounfall im Auftrag Stalins ermordet. Von diesem Tag an wird auch die Wohnung der Weinbergs von bewaffneten Posten bewacht, mehr als fünf Jahre lang, jeden Tag, jede Nacht. Auch Weinberg selbst wird beschattet. Wohin er auch geht – immer folgen ihm zwei Gestalten, die sich unaufhörlich Notizen machen. Weinberg erinnert sich: "Ich wurde überwacht, und regelmäßig erschien die Miliz vor meiner Wohnung, oder sie forderten mich auf, zu ihnen zu kommen. Das war schlimmer als Gefängnis. Als sie mich schließlich einsperrten, atmete ich auf, da ich gewusst hatte, dass es dazu kommen würde."

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Weinberg : Concerto pour violoncelle (Sol Gabetta / Orchestre philharmonique de Radio France) | Bildquelle: France Musique (via YouTube)

Weinberg : Concerto pour violoncelle (Sol Gabetta / Orchestre philharmonique de Radio France)

Befreiung nach Stalins Tod

Zwei Monate sitzt Weinberg in der Untersuchungshaft. Zwei Monate, in denen sich unter anderem Schostakowitsch sehr für seinen Freund Mieczyslaw einsetzt: Er schreibt Briefe an höchste Stellen, verbürgt sich für Weinbergs Rechtschaffenheit und sammelt Unterschriften für eine Petition zu Weinbergs Freilassung. Dass Weinberg nach "nur" zwei Monaten Haft tatsächlich entlassen wird, hängt aber vermutlich eher damit zusammen, dass Stalin am 5. März 1953 stirbt. Nach und nach werden die angeklagten Ärzte und schließlich auch Weinberg auf freien Fuß gesetzt.

Später Nachruhm

Beklagt hätte sich der äußerst bescheidene Weinberg nie. Das war nicht seine Art. Die Angst, dass sich so etwas wiederholen könnte, sollte ihn aber sein Leben lang begleiten. Er zog sich immer mehr zurück und starb am 26. Februar 1996 verarmt und völlig von der Musikwelt vergessen in Moskau. Erst im Juli 2010 gelingt es Weinberg aus dem Loch der Nichtbeachtung zu klettern: seine große Oper "Die Passagierin" wird bei den Bregenzer Festspielen uraufgeführt – mit überwältigendem Erfolg.

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Mieczysław Weinberg »Die Passagierin« // Semperoper Dresden | Bildquelle: Semperoper Dresden (via YouTube)

Mieczysław Weinberg »Die Passagierin« // Semperoper Dresden

Es gibt noch viel zu entdecken

Mehr und mehr bedeutende Interpreten, wie Gidon Kremer oder Linus Roth setzen sich für ihn ein - und wer ihn hört, ist begeistert. Begeistert von den großartigen Melodien, die immer wieder mit jüdischer Folklore spielen, von der Vielfalt an Klängen und musikalischen Ideen, die mal zeitgenössische, mal barocke und mal klassizistische Anklänge haben. Musik, die in keine Schublade passt, weil sie so vielfältig und überraschend ist - und immer überwältigend gut. Die Musikwelt kann sich glücklich schätzen, einen Komponisten wie Weinberg wiederentdeckt zu haben – und zu entdecken gibt es noch einiges.

Sendung: "Piazza" am 07. Dezember 2019, 08:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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