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Mariss Jansons

Chefdirigent von Chor und Symphonieorchester des BR

Mariss Jansons zum Thema Fussball "Ich war ein Stürmertyp"

Neben der Musik hat Mariss Jansons, der Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, eine weitere Leidenschaft: Fußball. BR-KLASSIK hat mit dem Maestro darüber gesprochen - und auch ein paar seiner Musikerkollegen offenbaren ihre Liebe für den Ball.

Kickertisch mit Mariss Jansons, Daniel Müller-Schott, LangLang und Zubin Mehta | Bildquelle: Montage BR

Bildquelle: Montage BR

BR-KLASSIK: Maestro Jansons, parallel zu Ihrer Musikbegeisterung waren Sie drauf und dran,  eine Fußballerkarriere anzustreben. Haben Sie da eher die Position des Libero bevorzugt oder waren Sie ein Stürmertyp?

Mariss Jansons: Ich war ein Stürmertyp, natürlich.

BR-KLASSIK: Und warum waren Sie ein Stürmertyp? Woher kam das? Liegt es in Ihrer Natur?

Mariss Jansons: Vielleicht. Erstens glaube ich, dass ich über sehr viel Energie verfüge, und zweitens hat der Stürmer natürlich mehr Chancen, ein Tor zu schießen.

BR-KLASSIK: Sie haben schon sehr früh begonnen, Musik zu machen. Wie haben Sie denn Ihre freie Zeit verteilt? Auf Fußball und auf Musik?

Mariss Jansons: Ich habe in meiner Freizeit mit Freunden Fußball gespielt. Immer, wenn es gerade ging. Aber natürlich habe ich jeden Tag mit Musik verbracht und geübt. Das war absolut notwendig und ist es immer noch.

BR-KLASSIK: Haben Sie auch mal ein richtig böses Foul einstecken müssen?

Mariss Jansons: Nein, niemals.

Wichtig im Fussball und in der Musik: Teamarbeit

BR-KLASSIK: Wenn Sie das so erzählen, scheint es ja klar zu sein, dass Fußball und Musik sich nicht ausschließen. Wo sehen Sie denn die Parallelen zwischen einer Fußballmannschaft und einem Orchester?

Mariss Jansons: Natürlich ist die Fußballmannschaft ein Team, und Sie können sagen, dass Orchester ist auch ein Team. Allerdings haben wir keine Gegner, wenn wir Konzerte spielen. Und das macht einen großen Unterschied. Außerdem sind wir viel größer, wir sind auf der Bühne 110 Menschen – beim Fußball sind elf Leute auf dem Fußballfeld oder 22. Aber natürlich: Sie trainieren – wir proben; das ist notwendig, um sich gut vorzubereiten.

BR-KLASSIK: Wann haben Sie denn zum letzten Mal Fußball gespielt?

Mariss Jansons: Ich glaube in Oslo, wo ich Chefdirigent war. Die Streicher sind gegen die Bläser angetreten. Ich habe bei den Streichern gespielt. Das muss etwa 1985 gewesen sein.

BR-KLASSIK: Haben Sie ein Tor geschossen?

Mariss Jansons: Nein, wir waren sehr vorsichtig, wissen Sie. Wir hatten abends ein Konzert, da können Sie sich vorstellen, was es für einen Bläser bedeutet, wenn er einen Schlag abbekommt oder so etwas.

BR-KLASSIK: Sie leben in Sankt Petersburg. Was für einen Fan-Schal haben Sie?

Mariss Jansons: Ich habe keinen Fan-Schal – weder hier noch in St. Petersburg. Obwohl ich natürlich Fan von unserem St. Petersburger Zenit bin und natürlich von Bayern München. Und es gibt noch eine Mannschaft, die ich wahnsinnig liebe: Barcelona. Und dann vielleicht Real Madrid. Und bei den Nationalmannschaften hat mir immer Brasilien sehr imponiert. Ich erinnere mich an die 50er Jahre, als das eine absolut fantastische Mannschaft war. Das war so eine Freude, ihnen zuzuschauen!

Der Trainer führt die Mannschaft, ich das Orchester

BR-KLASSIK: Sie dirigieren ja auch den Chor. Chorgesang und Fußballgesänge treffen sich auf einer technischen Ebene natürlich gar nicht - aber vielleicht auf einer Gefühlsebene?

Mariss Jansons mit Fussball im Stadion | Bildquelle: colourbox/Leo Huber (Montage BR) Bildquelle: colourbox/Leo Huber (Montage BR) Mariss Jansons: Wenn im Stadion vom Publikum ein Lied gesungen wird, eine Hymne, dann kann das schön sein. Ich erinnere mich: Ich war mal in der Allianzarena, und Chelsea hat gespielt. Diese Chelsea-Hymne ist eigentlich schöne Musik. Aber wenn die Fans nur schreien, dann hat das nichts mit Musik zu tun.

BR-KLASSIK: Wenn Sie im Fernsehen ein Fußballspiel anschauen, passiert es Ihnen auch mal, dass da so ein unmusikalischer Schrei kommt?

Mariss Jansons: Nein. Wenn meine Lieblingsmannschaft verliert, dann bin ich zwar sehr unglücklich, das stimmt, emotional. Aber schreien – so einer bin ich nicht.

BR-KLASSIK: Gibt es denn Parallelen zwischen einem Dirigenten und einem Fußballtrainer?

Mariss Jansons: Wie man's nimmt. Natürlich, der Trainer ist ein Leader. Der Dirigent ist auch ein Leader. Der Trainer führt die Mannschaft, und ich führe das Orchester. Wir beide müssen nachdenken: er über seine Fußballspieler, ich über meine Musiker. Ich kann nicht einfach an der Seite stehen – ich gehöre zu dieser Familie. Und ich glaube, so geht es auch dem Trainer. Hier sind Parallelen. Das gleiche gilt für die Beziehungen zwischen Trainer und Fußballspielern, beziehungsweise Dirigent und Musikern. Der Trainer muss natürlich streng sein, aber er muss den Fußballspieler auch verstehen. Dasselbe gilt für den Dirigenten. Er muss sein Orchester streng führen, aber er muss einsehen, dass er es mit Menschen, nicht mit Maschinen zu tun hat.

Der Ball ist rund

BR-KLASSIK: Zum Abschluss, Herr Jansons, hätte ich gerne noch einen Tipp für die Europameisterschaft. Wer wird Europameister? Und wer wird Letzter?

Mariss Jansons: Das ist eine sehr schwierige Frage. Aber ich hoffe, dass Deutschland oder Spanien gewinnt, weil ich diese zwei Mannschaften liebe. Ob sie das schaffen, weiß man jedoch nie. Wie sagt man? Der Ball ist rund. Und der letzte? Das ist noch schwieriger zu sagen! Wissen Sie, das ist auch eine Frage von Pech und Glück. Deshalb ist es ziemlich schwierig, im Fußball etwas zu versprechen.

Das Gespräch für BR-KLASSIK führte Sylvia Schreiber.

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