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Festspielzeit 2021

Der Musiksommer mit BR-KLASSIK

Die Geigerin Tianwa Yang "Ich war relativ faul"

Die chinesische Geigerin Tianwa Yang spielt bei den Traunsteiner Sommerkonzerten am 2. September ein Kammerkonzert zusammen mit dem Pianisten Nicholas Rimmer. Im Interview spricht sie über die Unterschiede zwischen europäischem und asiatischem Musikunterricht, ihre Liebe zu Büchern - und darüber, dass sie Üben früher langweilig fand.

Geigerin Tianawa Yang | Bildquelle: © Irène Zandel

Bildquelle: © Irène Zandel

Hier das Interview mit Tianwa Yang anhören

BR-KLASSIK: Sie kommen nicht aus einer Musikerfamilie, waren eher zufällig im einzigen Musikkindergarten Pekings gelandet, haben von sich aus eine Begeisterung für die Geige entwickelt, ohne aber viel Lust aufs Üben zu haben. Das klingt gar nicht nach einer typischen Leistungsdruck-Kindheit aus China. Stimmt dieser Eindruck?

Tianwa Yang: Zum Teil ja. Ich war tatsächlich relativ faul. Zwar habe ich immer gerne gespielt, aber nur auf der Bühne. Zu Hause zu üben fand ich dagegen immer langweilig (lacht). Dennoch gehört zu einer Berufskarriere immer auch der Fleiß dazu. Ein bisschen Druck muss schon sein, sonst wäre ich heute nicht hier.

Wäre ich nach Amerika gegangen, dann wäre ich eine andere Musikerin geworden.
Tianwa Yang

BR-KLASSIK: Sie waren schon früh erfolgreich: Mit dreizehn haben Sie die höllisch schweren Capricen von Niccolò Paganini aufgenommen, und anschließend war in der Presse zu lesen, dass Sie der "Stolz Chinas" seien. Ist nach so einer Beurteilung nicht schlagartig die Kindheit zu Ende?

Tianwa Yang: Ich glaube, meine Kindheit war davor schon zu Ende gegangen (lacht). Doch was die Presse und die Öffentlichkeit von mir erwarteten, hat mich nicht besonders beeinflusst. Vielmehr war ich selbst sehr daran interessiert, meinen Weg weiterzugehen. Als Musiker entwickelt man früh einen hohen Anspruch an sich selbst.

BR-KLASSIK: 2003 sind Sie mit sechzehn Jahren für ein Stipendium nach Deutschland gekommen. Was hat sich dadurch für Sie und für Ihr Spiel verändert?

Tianwa Yang: Sehr viel. Ich wollte damals unbedingt nach Europa, nach Deutschland kommen, um hier zu studieren. Das hat für mich eine neue Welt geöffnet - musikalisch, aber auch menschlich. Wäre ich nach Amerika gegangen, dann wäre ich mit Sicherheit eine andere Person und auch eine andere Musikerin geworden.

In Asien war der Unterricht schon sehr auf Leistung fokussiert.
Tianwa Yang

Hier in Europa geht man ganz anders als in Asien an die Musik und auch an die Sprache der Musik heran: In Europa versucht man, kreativ und selbstständig zu sein, seinen eigenen Weg zu finden. In Asien hingegen - zumindest, als ich noch dort war - war der Unterricht schon sehr auf Leistung fokussiert. Individualität stand nicht unbedingt im Vordergrund. Ich habe mein Lernen hier in Deutschland umgestellt und auch sehr davon profitiert. Ich denke auch, darum geht es letztlich in der Musik und in der Kunst allgemein: dass man sich selbst treu bleibt und seine Individualität nicht verliert.

Tianwa Wang spielt die Sonate Nr. 3 von Eugène Ysaÿe

BR-KLASSIK: Sind Sie noch oft in China? Verfolgen Sie mit, was dort gerade los ist?

Tianwa Yang: Ich bin noch sehr oft in China, vor allem wegen der Konzerte, die ich dort regelmäßig gebe. Was mich schon sehr freut, ist, dass die klassische Musik auch in China einen enormen Zuwachs bekommen hat. Die Leute gehen gerne in die Oper und in Konzerte. Die Klassik ist inzwischen in China angekommen.

BR-KLASSIK: Würden Sie sagen, dass Sie heute noch der "Stolz Chinas" sind?

Tianwa Yang: Das habe ich vor zwanzig Jahren so auch nicht gesagt (lacht). Ich freue mich natürlich über das, was ich erreicht habe, aber es gibt dort auch sehr viele andere wunderbare Musiker - und auch eine neue, junge Generation, die sehr erfolgreich ist. Ich glaube, wir sind generell auf einem sehr guten Weg.

Die Klassik ist inzwischen in China angekommen.
Tianwa Yang

BR-KLASSIK: Ich habe über Sie gelesen, dass Sie in Ihrer Kindheit viel lieber Bücher gelesen haben statt zu üben. Sie haben aber damals schon so gut gespielt, dass Sie Ihre Etüden auswendig konnten. Also lag auf dem Notenständer das Buch, und Sie haben gespielt und gleichzeitig gelesen...

Tianwa Yang: Die Geschichte ist jetzt wohl berühmt geworden (lacht). Ja, es stimmt. Dadurch habe ich wohl gelernt, sehr schnell etwas zu erfassen und zu begreifen - weil ich eben diesen Drang hatte, Bücher zu lesen.

BR-KLASSIK: Lesen Sie nach wie vor so gerne?

Tianwa Yang: Ich lese immer noch sehr gerne, aber nicht mehr auf dem Notenpult (lacht).

Die Fragen stellte Kathrin Hasselbeck für BR-KLASSIK.

Tianwa Yang in Traustein

Samstag, 02. September, 19.30 Uhr
Traunstein, Großer Sitzungssaal des Landratsamtes

Niels W. Gade: Violinsonate Nr. 2 op. 21
Robert Schumann: Violinsonate Nr. 3 WoO2
Per Nørgård: Diptychon op.11
Johannes Brahms: Violinsonate Nr. 3 op.108

Tianwa Yang (Violine)
Nicholas Rimmer (Klavier)

Sendung: "Leporello" am 29. August 2017 ab 16.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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