BR-KLASSIK

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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 31. August 2019

Asmik Grigorian im Interview "Die Salome wird mich immer begleiten"

Als Strauss' "Salome" wurde Asmik Grigorian 2018 über Nacht weltberühmt. Auch heuer steht die litauische Sopranistin in dieser Rolle wieder auf der Bühne bei den Salzburger Festspielen. Über ihren langen und oft auch beschwerlichen Weg zu diesem Erfolg spricht sie im Interview mit BR-KLASSIK.

Sopranistin Asmik Grigorian | Bildquelle: © Algirdas Bakas

Bildquelle: © Algirdas Bakas

BR-KLASSIK: Asmik Grigorian, über Nacht berühmt zu werden, ist das etwas, was glücklich macht – oder ist das eher beängstigend?

Asmik Grigorian: Beides! Als ich letztes Jahr nach der "Salome" Interviews gab, hatte ich noch gar nicht kapiert, wie groß dieser Erfolg war. Natürlich wollte ich, dass der Erfolg viele Jahre anhält. Deshalb habe ich jeden Tag sehr hart gearbeitet. Und trotzdem muss ich sagen, dass mir der riesige Rummel auch ein bisschen zu viel war. Ich habe darüber viele Gespräche mit mir selbst geführt. Die Salome hat mir viel gegeben. Aber als Perfektionistin ist es eine der schwierigsten Aufgaben für mich, die Rolle dieses Jahr zu wiederholen. Ich bin so nervös. Ich habe so viel Angst. Und ja, es ist eine große Herausforderung, ein großes Risiko. Aber ich liebe das Risiko.

Ich muss akzeptieren, dass die Salome mich den Rest meines Lebens begleiten wird.
Asmik Grigorian

BR-KLASSIK: Sie haben gesagt, dass Sie viel mit sich selbst reden mussten, um diesen Erfolg zu verarbeiten. Was haben Sie sich gesagt?

Szenenfoto "Salome" 2018 - Strauss Oper - Bayreuther Festspiele - Asmik Grigorian (Salome) | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Asmik Griorian als Salome bei den Salzburger Festspielen 2018 | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Asmik Grigorian: Irgendwann habe ich aufgehört, von mir zu erwarten, dass ich das Salome-Level wiederholen muss. Damit ich nicht hängenbleibe im Erfolg der Salome. Dieser Erfolg war so groß, dass er immer noch andauert. Und ich muss akzeptieren, dass die Salome mich den Rest meines Lebens begleiten wird.  

BR-KLASSIK: Mittlerweile sind Sie sehr bekannt, werden bei Ihren Konzerten umjubelt. Wie ist es, wenn man danach alleine im Hotel ist? Fällt man da in ein Loch?

Asmik Grigorian: Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal allein in meinem Hotelzimmer war: Ich habe zwei Kinder. Meine kleine Tochter reist immer mit mir. Aber wenn ich die Möglichkeit habe, allein in mein Hotelzimmer zu gehen, ist das die beste Party, die ich mir vorstellen kann: Dann nehme ich eine Flasche Champagner und eine Packung Zigaretten und genieße das Alleinsein!

Über fünfzig Rollen im Repertoire

BR-KLASSIK: Sie sind schon sehr früh Mutter geworden. Ihr Sohn ist 16, Ihre Tochter drei Jahre alt. Ist das eine Einschränkung?

Asmik Grigorian: Als mein Sohn zur Welt kam, war ich noch Studentin. Ich bin froh, so früh Mutter geworden zu sein. Ich brauchte Geld, deshalb habe ich ständig gearbeitet. Und dadurch habe ich über fünfzig Rollen in meinem Repertoire. Dass ich heute bin, wer ich bin, liegt zum großen Teil daran, dass ich so früh Mutter wurde. Ich muss mich also bei meinem Sohn bedanken.

Ich habe mich fast selbst getötet, indem ich viel zu viel gearbeitet habe.
Asmik Grigorian

BR-KLASSIK: Das hätte ja auch gefährlich werden können: in kurzer Zeit so viele Rollen zu erarbeiten …

Asmik Grigorian: Es war eine gefährliche Zeit! Ich habe mich fast selbst getötet, indem ich viel zu viel gearbeitet und alles viel zu kompliziert gemacht habe. Als ich dreißig war, war ich total fertig. Meine Stimme war in einem sehr schlechten Zustand. Da entschied ich: Ich beginne einfach nochmal von vorne. Hätte ich diesen Absturz damals nicht gehabt, würde er vielleicht heute passieren. Deshalb bin ich sehr froh, dass es passiert ist, als ich jünger war. Ich mache heute viele Dinge anders.

Hilfe von außen zulassen

BR-KLASSIK: Was machen Sie heute anders?

Sopranistin Asmik Grigorian | Bildquelle: dpa / Franz Neumayr / picturedesk.com Bildquelle: dpa / Franz Neumayr / picturedesk.com Asmik Grigorian: Alles. Ich lerne meine Rollen anders. Ich mache nicht mehr alles alleine. Das ist es, was ich in meinem Leben gelernt habe: immer nach Hilfe fragen. Und sich Pausen gönnen. Wenn man zu viel arbeitet, ist man immer müde, und das bedeutet, man ist nie gut genug, um auf ein neues Level zu kommen. Aber weil man Geld benötigt, macht man immer zu viel – und das bedeutet wieder, dass man immer zu müde ist, um besser zu werden. Ein Teufelskreis. Nun bin ich in der Situation, in der ich es endlich genießen kann, Sängerin zu sein.

Eigentlich bin ich schon mein ganzes Leben lang Musikerin.
Asmik Grigorian

BR-KLASSIK: Ihre Eltern Gegam Grigorjan und Irena Milkevičiūtė haben beide als Sänger gearbeitet. War es für Sie Schicksal, selbst auch singen zu wollen, zu müssen?

Asmik Grigorian: Ich denke schon. Eigentlich bin ich schon mein ganzes Leben lang Musikerin. Mit gerade einmal fünf Jahren bin ich auf eine Musikschule gekommen. Aber im sowjetischen System, insbesondere in dieser Musikschule, wurden wir wie Idioten behandelt. Wenn du etwas mit Musik lernst, wirst du keine andere Wahl haben, du hast keine Chance, einen anderen Beruf auszuüben. Seitdem dachte ich also, ich bin ein Idiot, und das Einzige, was ich machen kann, ist Musik. So musste ich entweder Klavier spielen oder singen. Und ich entschied mich für das Singen. Jetzt fragen mich viele, wieso ich meine Kinder nicht auf diese Musikschule schicke. Es ist eine gute Schule, aber bis heute beginnt mein Körper zu zittern, wenn ich an die Zeit dort denke. Sie können dankbar sein, dass ich die Schule nicht in die Luft gejagt habe.

Die Eltern als unersetzliche Lehrer

BR-KLASSIK: Was war denn so schlimm?

Asmik Grigorian: Das Problem ist, dass wir Schüler durch das Erziehungssystem dort große Zweifel in uns tragen: Wir fühlen uns nie gut genug. Wir kennen das Gefühl nicht, krank zu sein. Das existiert in diesem System einfach nicht. Selbst wenn ich sterbe, muss ich zur Arbeit gehen. In der Musikschule wird das künstlerische Talent mit deiner Persönlichkeit gleichgesetzt. Ich habe mein ganzes Leben damit verbracht, endlich zu lernen, dass mein Erfolg oder Misserfolg mich nicht zu einem besseren oder schlechteren Menschen macht.

BR-KLASSIK: Konnten Sie auch viel von Ihren Eltern lernen?

Asmik Grigorian: Von meinen Eltern habe ich viel gelernt, denn sie waren beide meine Lehrer. Natürlich erst einmal den Gesang; aber nicht nur das. Ich hätte diesen Beruf nicht gewählt, wenn ich meinen Vater nicht als Vorbild gehabt hätte. Mein Vater war so ein lebendiger und liebender Mensch. Das war für mich sehr wichtig. Bis heute ist die Kunst etwas ganz Wunderbares für mich, dieser Beruf ist fantastisch. Aber nichts ist für mich so wichtig wie die Freundschaft, die Liebe, die Familie, das Leben, die Freude und die Sonne. Das ist die schönste Kunst für mich als Mensch. Das habe ich von meinem Vater gelernt.

Sendung: "Meine Musik" am 17. August 2019 um 11:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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