BR-KLASSIK

Inhalt

Salzburger Festspiele

21. Juli bis 30. August 2017

Kritik - "La clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen Inspirierender Opernabend mit Teodor Currentzis

Die Neuproduktion von Mozarts letzter Oper "La clemenza di Tito" feierte am Freitagabend in Salzburg Premiere. Am Pult: ein junger Wilder unter den Dirigenten - Teodor Currentzis. Gemeinsam mit Regisseur Peter Sellars gelingt ihm ein ebenso inspirierender wie aufwühlender Opernabend.

Mozartoper "La Clemenza di Tito" | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Ein Klick auf das Bild - Die Kritik zum Anhören

Schon mit der Ouvertüre ist klar: Regisseur Peter Sellars und Dirigent Teodor Currentzis blicken nicht zurück auf den altrömischen Kaiser Titus und die historische Antike. Sie erzählen auf weitgehend leerer Bühne die Geschichte dieser letzten Mozart-Oper dicht an unserer gesellschaftlichen Realität. In einem Flüchtlingslager wählt Titus unter den Geflohenen das Geschwisterpaar Sesto und Servilia aus. Er will ihnen ein neues Leben ermöglichen. Die von diversen Liebeswirren weiter getragene Story spielt dann vor dem Hintergrund eines Bombenanschlags, den Sesto angestoßen hat. Dieser Terrorakt kostet vielen Menschen das Leben - letztlich auch Titus, der am Ende verzeiht und stirbt.

Mozarts Titus - packend, neu und berührend

Mozartoper "La Clemenza di Tito" | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Marianne Crebassa als "Sesto" | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Es geht viel ums Abschiednehmen in dieser "Titus"-Inszenierung. Auch und vor allem bis in die musikalische Struktur hinein. Die vom Mozart-Schüler Franz Xaver Süßmayr geschriebenen Rezitative haben Sellars und Currentzis radikal gestrichen und nur dort wieder eingefügt, wo es für den Handlungsfortgang notwendig war. Hinzu kommt stattdessen Trauermusik: Mehrere Ausschnitte aus Mozarts c-Moll-Messe, sein Adagio und Fuge und die Maurische Trauermusik. Solche Eingriffe haben die Aufführungsgeschichte des "Titus" von Anfang an begleitet, so dass in Salzburg jetzt lediglich an eine Tradition angeknüpft, nichts jedoch willkürlich radikalisiert wird. Die Dramaturgie geht jedenfalls wunderbar auf und erzählt den Titus-Stoff packend, neu und berührend. Allen Solisten voran begeistert die französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa als Sesto. Mit großer Stimme, die sie biegsam und dynamisch fein abgestuft durch alle Register führt, sprüht sie in dieser Hosenrolle vor Energie, körperlicher Bühnenpräsenz und intensiver Gestaltungskraft.

Wenig Requisiten - extreme musikalische Details

Teodor Currentzis trägt die Sänger um den überzeugenden Titelheld Russell Thomas, auch wenn die Koordination zwischen Solisten, Chor und Orchester am Beginn noch etwas holpert und sich erst finden muss. Neben Golda Schultz als Vitellia lässt vor allem auch Christina Gansch als Servilia mit strahlender Sopranstimme aufhorchen. Am Pult seines musicAeterna-Orchesters dirigiert Currentzis impulsiv. Er ist an diesem Abend stellenweise ein Übertreibungskünstler, der von Chor wie Solisten immer wieder langes Innehalten einfordert und extreme Details aufdeckt - hier aber nicht zum Schaden des Gesamtflusses. Das historisch informiert spielende Orchester musiziert unglaublich agil und differenziert. Gleiches gilt für den musicAeterna-Chor, der als Stimme des Volkes über weite Strecken das Geschehen prägt.

Die Inszenierung in Bildern

Mozartoper "La Clemenza di Tito" | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Szenenbild aus der Mozartoper "La Clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen 2017 | Bildquelle: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz Peter Sellars arbeitet auf der großen Bühne der Felsenreitschule mit sparsamen Mitteln und wenigen Requisiten. Lediglich von George Tsypin entworfene Glas-Quader werden unnötigerweise aus dem Bühnenboden mal 'rauf- und 'runtergefahren und wirken spätestens am Schluss wie kitschig-deplatzierte Überbleibsel aus einer anderen Produktion. Eindrücklich bleiben die Bilder der Trauernden vor Kerzen und Blumen, die Lichtregie und die schlicht choreographierten Chorszenen. Im Sterbebett liegend verzeiht Titus am Ende Unverzeihbares und formuliert die Hoffnung, dass nach seinem Tod eine neue, eine bessere Zeit anbrechen möge.

Diese "Titus"-Lesart von Sellars und Currentzis ist äußerst vielschichtig, geht zurück an die Wurzeln des Stücks und wirft zugleich gegenwärtige Fragen auf. Und: Sie ist aufregend und zeigt, dass Mozart-Interpretationsgeschichte in der Mozart- und Festspielstadt Salzburg wieder diskussionswürdig fortgeschrieben werden kann, weil sie lebendig ist. Ein aufwühlender, ein inspirierender Opernabend mit viel Beifall.

"La clemenza di Tito" bei den Salzburger Festspielen

Musikalische Leitung: Teodor Currentzis
Regie: Peter Sellars

Tito Vespasiano: Russell Thomas,
Vitellia: Golda Schultz,
Servilia: Christina Gansch
Sesto: Marianne Crebassa,
Annio: Jeanine De Bique
Publio: Willard White

Infos zu Terminen und Vorverkauf finden Sie auf der Homepage der Salzburger Festspiele.

Sendung: Allegro, 28. Juli 2017, 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (0)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.
Zu diesem Inhalt gibt es noch keine Kommentare.

Mehr zum Thema

Festspielzeit

    AV-Player