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Salzburger Festspiele

20. Juli bis 31. August 2019

Kritik - Verdis "Simon Boccanegra" bei den Salzburger Festspielen Die Gefühlskälte einer gespaltenen Gesellschaft

Ein Versuch über politischen Pazifismus ist die Oper „Simon Boccanegra“! Bei den Salzburger Festspielen feierte die Verdi-Oper am 15. August inszeniert von Andreas Kriegenburg Premiere. Zuletzt gab es das Werk im Jahr 2000 hier zu sehen, unter Claudio Abbado, mit den Berliner Philharmonikern. Ihre Wiener Kollegen und Rivalen gingen diesmal mit Valery Gergiev am Pult ins Rennen.

Szene aus "Simon Boccanegra" bei den Salzburger Festspielen 2019 | Bildquelle: SF / Ruth Walz

Bildquelle: SF / Ruth Walz

Kritik - Verdis "Simon Boccanegra" bei den Salzburger Festspielen

Die Gefühlskälte einer gespaltenen Gesellschaft

Seine große Liebe? Als junge Mutter auf grausame Art gestorben! Die gemeinsame Tochter? Seit einem Vierteljahrhundert verschollen! Bis sie plötzlich vor ihm steht - und der Vater sein Glück nicht fassen kann, was Verdi zur emotional stärksten Erkennungsszene der gesamten Opernliteratur nutzt. "Simon Boccanegra" ähnelt "Don Carlos": Auch hier verknüpft der Komponist Familientragödie und Geschichtsunterricht. Verdis einzige positiv gefärbte Vaterfigur, eben Boccanegra, hat es in Genua vom Korsar zum Dogen gebracht, kämpft unermüdlich um Toleranz unter verfeindeten Parteien.

Twitternde Anzugträger

Bei den Salzburger Festspielen arbeitet Regisseur Andreas Kriegenburg mit postmodernen, jederzeit gern twitternden Anzugsträgern: Den von Verdi gemeinten Renaissance-Menschen sehen sie nicht durch ihr Outfit ähnlich, wohl aber durch ihr soziales Verhalten, von Ressentiments geblendet. Lauter Geschäftsleute, die sich zwischen vielsagend kaltem grauem Marmor bewegen - beziehungsweise in ihrer Machtgier unbeweglich bleiben. Bühnenbildner Harald Thor stellt das Kollektiv in einen riesigen aseptischen Repräsentationsraum mit Treppe und Empore rechts. Ein Konzertflügel links wirkt als Lichtblick – in diesem Ambiente als Fremdkörper wie die benachbarten metaphorischen Farbtupfer für grüne Pflanzen, blauen Himmel, blaues Meer. In geradezu leuchtendem Blau gewandet, motiviert die naturverbundene Halbwaise Amelia alias Maria ihren wiedergefundenen Vater zur Aussöhnung mit Feinden. Während il Padre textiltechnisch die Farbe eines reifen Barolo favorisiert.

Virtuos differenziert, dezidiert hässlich und mit schattiertem Nachdruck

Szene aus "Simon Boccanegra" bei den Salzburger Festspielen 2019 | Bildquelle: SF / Ruth Walz Luca Salsi (Simon Boccanegra) Charles Castronovo (Gabriele Adorno), Marina Rebeka (Amelia Grimaldi) | Bildquelle: SF / Ruth Walz Marina Rebeka hat eine herrlich schillernde Sopranstimme, die mal kristallschöne, mal scharfe Töne hervorbringt. Smart ist ihr Tenorpartner Charles Castronovo, der für Gabriele Adorno selten Höhenglanz erzeugt, aber ebenfalls um die Finessen einer intensiven Gestaltung weiß. Für Fiesling Jacopo Fiesco genügt es René Pape nicht, klangvoll die Schablone des adligen Würdenträgers zu füllen: Da differenziert jemand seinen Part virtuos aus. Den eigentlichen Bösewicht des Stücks, Paolo Albiani, koloriert André Heyboer dezidiert hässlich, hat er doch einen neid- und eifersuchtsgeplagten, von krimineller Energie getriebenen Verräter zu zeichnen: eine Art Vorstudie des Jago. Für die Titelpartie wächst Luca Salsi diesmal über sich hinaus, denn obwohl er einen weniger balsamischen Bariton besitzt als der momentan führende Rolleninterpret Zeljko Lucic, formuliert er die Freund und Feind umarmenden Anliegen dieser humanen Herrscherfigur mit enorm schattiertem Nachdruck. Und der explosiven Ratsszene, dem Kernstück der Oper, bleibt Salsi nichts schuldig.

Gergiev lässt eine eigene Meinung erkennen

Das Resultat der ersten Begegnung zwischen Verdi und seinem letzten und besten Textdichter Boito - der gemeinsam gründlich reparierte "Boccanegra" -, ist etwas grobkörnig als "italienischer Parsifal" tituliert worden. Das liegt an den herbstlichen, Verlust aller Art beklagenden Stimmungen, der breit dahinfließenden Musik: Abseits aller Belcanto-Seligkeit bricht sich als "tinta musicale“ ein Schmerzens-Idiom Bahn. Die Streicher der Wiener Philharmoniker agieren gewissermaßen mit erhöhter Temperatur – was auch ein Verdienst von Valery Gergiev ist. Der Dirigent lässt tatsächlich eine eigene Meinung erkennen: Später Verdi soll nach Mussorgskij klingen! Schließlich will dieser wie jener Komponist rabiat die Gefühlskälte einer gespaltenen Gesellschaft anprangern. Zumindest zur Gänsehaut-Szene der durch Boccanegra coram publico erzwungenen Selbstverdammung Albianis passt Gergievs Konzept ganz hervorragend. Und wer das Festspielhaus verlassen und resümierend mit "Aida" verglichen hat, der letzten Verdi-Neuinszenierung am Mönchsberg (2017 mit dem Dirigenten Riccardo Muti und der Regisseurin Shirin Neshat), dürfte sich gesagt haben: Dieser "Boccanegra" zeigt musikalisch nicht weniger Format, szenisch aber noch deutlich mehr.

"Simon Boccanegra" in Salzburg

Informationen zu Terminen, Besetzung und Vorverkauf finden Sie auf der Homepage der Salzburger Festspiele.

Die Salzburger Festspiele AUF BR-KLASSIK

Die Salzburger Festspiele auf BR-KLASSIK – alle Informationen zu den Live-Übertragungen sowie Vorberichte und aktuelle Kritiken finden Sie hier.

Sendung: "Allegro" am 16. August 2019 ab 06.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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