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Kolumne von Laszlo Molnar Erst richtig tot ist richtig gut?

Ich kenne nicht wenige Musikfreunde, die absolut kompromisslos sind: Sie kommen von den Größen der Vergangenheit nicht los und haben deshalb am heutigen Musizieren nur bedingt Freude. Sie fangen erst bei Interpretationen Feuer, bei denen sich die Töne der Musik aus dem Knistern und Krächzen des Aufnahmemediums hervorkämpfen müssen. Dann leuchten die Augen: "Hörst Du? So war das mit Fritz Busch 1936." Also doch: Erst richtig tot ist richtig gut?

Maria Callas | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Neulich kam ein Brief von einem CD-Label zu mir nach Hause. Das Couvert war eines für DIN A4-Format, es fühlte sich gut gefüllt und gewichtig an. Heraus plumpsten eine Broschüre und eine CD mit dem Hinweis auf eine baldige Neuerscheinung. Alle Aufnahmen von Maria Callas auf fast 70 CDs. Meine Güte! Schon wieder? Oder: jetzt erst? Immerhin ist die Sängerin seit 1977 tot.  Und nach wie vor verspricht sich das Label mit diesem Aufwand für eine Neu-Veröffentlichung ein Geschäft.

Caruso, Toscanini, Wunderlich, Gould – schon ertönen Schnalzlaute der Anerkennung

Wie kommt das nur, diese nicht enden wollende Faszination einer längst verklungenen Stimme? Die Geschäftsleute zu beachtlichen Investitionen und der Aufnahme von Risiken veranlasst? Liegt es am Tot-sein -  je töter, desto toller? Es gibt ja einige solcher tollen Toten im Musikgeschäft: Enrico Caruso, Jascha Heifetz, Arturo Toscanini, Fritz Wunderlich, Glenn Gould, Leonard Bernstein. Man muss nur diese Namen in der Gegenwart von Musikkennern nennen, schon ertönen Schnalzlaute der Anerkennung, schon blitzt es in den Augen. Ohren, denn das sind ja die zuständigen Sinnesorgane, würden gewiss wackeln, wenn sie es könnten. Haben gerade diese Leute etwas getan, was anderen berühmten Kolleginnen und Kollegen nicht gelungen war?

Ich schaue auf mein CD-Regal im Wohnzimmer, mittendrin ein schwarzer Klotz: Sergiu Celibidache dirigiert alle Bruckner-Symphonien. Noch so ein großer Toter – also auch ich bin anfällig für den Kult. Aber: Celibidache habe ich noch selbst dirigieren gesehen, in Stuttgart. Als er für einen Auftritt aus Paris anreiste, wo er wohnte, und dafür damals umwerfende zehntausend Mark Honorar verlangte. Das Orchester zahlte es ihm gerne, der Mann war zu Lebzeiten ein Mythos. Der Beethoven-Saal hätte dreimal ausverkauft werden können; vor dem Eingang mussten sich die Karteninhaber hindurchzwängen durch die Habenichtse, die mit handbekritzelten Pappschildern um Gnaden-Karten bettelten. Schallplatten mit ihm gab es keine, da verweigerte sich der Maestro. Aber sein Sender durfte mitschneiden. Ein wollüstiges Stöhnen ging durch die Musikgemeinde, als diese Aufnahmen endlich veröffentlicht wurden.

Eine Stadt steht Schlange für Domingo

Anne Sophie Mutter | Bildquelle: Harald Hoffman / DG Hat schon etwas Legendäres: Die Geigerin Anne Sophie Mutter | Bildquelle: Harald Hoffman / DG Da fallen mir weitere Künstler ein, die ich selbst erlebt habe und die in den richtigen Kreisen Begeisterung bis hin zur Verzückung auslösen: Jessye Norman, Edita Gruberova, Placido Domingo, Grigorij Sokolov, sogar Anne Sophie Mutter. Sie leben noch und haben doch schon etwas Legendäres.  Ich ertappe mich, dass sogar ich zu einigen dieser Künstler regelrecht gepilgert bin.

Zu Placido Domingo, zum Beispiel. Am Ende der 1980er-Jahre war ich drauf und dran, als Student in Wien einmal Tage und Nächte in einer Schlange anzustehen, die sich gefühlte drei Mal um das Gebäude der Wiener Staatsoper gewickelt hatte. Die Tag- und Nacht-Wache war Pflicht, nur so erwarb man sich das Recht auf die Chance auf eine der sensationell günstigen Karten für die akustisch ausgezeichneten Stehplätze im fünften Rang. Der Grund für diese Schlangenbildung: Domingo sang zum ersten Mal in seiner Laufbahn den "Tannhäuser" und auch zum ersten Mal eine deutschsprachige Rolle. Eine Sensation; die Wiener Opernfans – und das ist ungefähr die gesamte Bevölkerung der Stadt – waren in Aufruhr. Domingo lebt noch und erfreut sich größter Verehrung. Wird er dadurch unsterblich werden?

Würde ich auf der Straße Passanten nach den besten Sängern aller Zeiten fragen, dann gäbe es zwei Antworten: Callas und Caruso.
BR-KLASSIK-Kolumnist Laszlo Molnar

Würde ich auf der Straße Passanten nach den besten Sängern aller Zeiten fragen, dann gäbe es zwei Antworten: Callas und Caruso. Pavarotti könnte vorkommen – und der ist auch schon tot. Ob Domingos Name fiele, da bin ich mir nicht so sicher. In Sachen Dirigenten hieße es im deutschen Sprachraum sofort "Karajan". Unsere amerikanischen Freunde denken an "Lenny". Zwei Tote, zwei Unsterbliche …

Ich wende mich mal an mein Bauchgefühl; ich glaube, mit rationalen Begründungen kommt man nicht weiter. Und das Bauchgefühl raunt mir zu: Alle waren schon zu ihren Lebzeiten extrem populär. Sie waren Ikonen ihrer Kunst, sie hatten ihre Pilger, deren größte Lebenssehnsucht es war, bei einem ihrer Konzerte anwesend sein zu können. Bei mir der Celibidache-Effekt von Stuttgart und München. Der Domingo-Effekt in Wien. All die Legenden um die Auftritte von Caruso oder Callas. Und wenn die Aufnahmetechnik noch weit davon entfernt war, unbegrenzt Dokumente des Musikmachens dieser "Götter" unters Volk zu streuen, umso besser! Caruso musste sich mit riesigen Schalltrichtern plagen und dort zielgenau hineinsingen, damit ein Stichel auf einer Wachswalze nicht viel mehr als ein Gekrächze von seiner Stimmkunst festhielt. Fritz Kreisler, Alfred Cortot, Toscanini, Jussi Björling: Ihre Aufnahmen sind geadelt durch diesen leicht blechernen "historischen" Touch.

Der Callas-Effekt

Bei der Callas ist das anders, siehe der Prospekt in der Post. Viele Aufnahmen, immer bessere Technik. Die Distanz des Historischen als Kult-Wert kippt in die Intensität absoluter Nähe. Vom Stimmband der Callas trennt mich nur die Entfernung zum Lautsprecher. Gänsehaut pur. Der Callas-Effekt wirkt über Räume und Etagen hinweg. "Da singt die Callas", rief mein Mitbewohner, als ich eine Stelle aus "Cavalleria Rusticana" mit ihr hörte. Das Seufzen, das Schmachten, es dringt überall durch, weil die Schallaufzeichnung zu Callas‘ Lebzeiten schon sehr weit war. Von der Callas kann man sagen: So heftig, so authentisch hat es keine vor ihr gemacht. Sie prägte den Operngesang grundsätzlich und dauerhaft. Wahrscheinlich steckt in jeder Sängerin nach ihr auch ein wenig Callas. Callas zahlte einen hohen Preis für ihre Leistung: Zuerst mit dem Verfall ihrer Stimme, dann mit ihrem frühen Tod. Sie galt als eine "Kerze, die von zwei Seiten brennt".

Also ist es das Exzentrische, das Agieren weit jenseits des "Guten", das den Ruhm schafft? Das könnte sein. So machten auch Toscanini oder Glenn Gould Musik, mit verwegenem technischem Können und höchstem künstlerischen Eigensinn. Da konnte jede Menge daneben gehen, an den Tasten, auf den Saiten, bei der Intonation. Aber der Geist war einzigartig und der künstlerische Wille nie und nimmer bereit, sich Einflüssen von außen zu beugen. Leute von diesem Schlag prägten Generationen nach ihnen. Und weil in der Nachwelt in jedem Künstler von diesen Künstlern etwas mitschwingt, möchten wir auch das Original hören können. Das muss es sein.

"Hörst Du? So war das mit Fritz Busch 1936."

Ich kenne nicht wenige Musikfreunde, die absolut kompromisslos sind: Sie kommen von den Größen der Vergangenheit nicht los und haben deshalb am heutigen Musizieren nur bedingt Freude. Sie fangen erst bei Interpretationen Feuer, bei denen sich die Töne der Musik aus dem Knistern und Krächzen des Aufnahmemediums hervorkämpfen müssen. Dann leuchten die Augen: "Hörst Du? So war das mit Fritz Busch 1936." Also doch: Erst richtig tot ist richtig gut?

Auch die Toten waren einmal lebendig.
Kolumnist Laszlo Molnar

Für mich gilt: Auch die Toten waren einmal lebendig. Deshalb bin ich ein erklärter Freund des gegenwärtigen Musizierens. Am liebsten gehe ich ins Konzert, live, und höre, mittlerweile, am liebsten junge Musiker. Musiker, von denen ich am besten bis dahin nichts oder nur wenig gehört habe. Und diese sehr gerne mit zeitgenössischer Musik, die ich auch noch nicht gehört habe. Die Musik darf und soll mich überraschen, und wenn sie will: eiskalt erwischen. Hin und wieder möchte ich dann meine persönlichen angehimmelten Stars erleben, deren CDs ich zu Hause im Dauereinsatz habe. Ich kann mit der Verehrung der Toten nichts anfangen. Und es macht mir gar nichts, dass heute keine mehr singt wie Callas und keiner mehr spielt wie Gould. Denn die Musik, so habe ich die Erfahrung gemacht, erfindet sich mit ihren Musikern immer neu, im Moment ihrer Aufführung. Musik lebt, das ist nicht nur so dahingesagt. Sie lebt für mich, wenn ich die Sängerin singen, den Geiger geigen oder den Dirigenten dirigieren sehe. An eine möglicherweise glorreichere Vergangenheit denke ich da in keinem Moment.

Kommentare (2)

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Donnerstag, 12.April, 20:11 Uhr

Peter Schrödel

Laszlo Molnar

Was so ein Kommentator alles in seinem Hirn an Gedanken rumwälzt. Musik auf Konserve ist halt Musik auf Konserve. Und woher will er wissen, daß die Leute auf der Straße sagen, Callas oder Caruso. Weiß er nicht hat er nicht ausprobiert. Er stellt sich halt das so vor
Völlig konform gehe ich mit ihm mit dem letzten Absatz. Lebendige Musik anzuhören im Konzertsaal und neue Musik. Da pulsiert das Leben, und ist es nicht leblos und steif.
Meine tollsten Erlebnis hatte ich in der letzten Zeit mit Chor und Orchester der Hochschule für Musik und bildende Kunst. Und besonders bemerkenswert das Konzert des Sinfonieorchesters aus Houston im Gasteig.
Hat halt der alte gute alte Gustav Mahler nach wie vor recht 'die Flamme weiter tragen und nicht die Asche anbeten'.

Mittwoch, 11.April, 00:00 Uhr

Michael Füting

Tot - Gut?

Merkwürdiges Phänomen - gut geschildert!
Jeder hat in seinem Leben Momente, die etwas verändern. Meine Beispiele:
- Die Generalprobe des Stuttgarter Freischütz mit Carlos Kleiber: Musik kann mehr sein als nur schön, nämlich wahr, so wie die Callas gesungen hat.
- Fritz Wunderlich: man versteht jedes Wort, kapiert worum es geht, er singt sprechend und spricht singend
- Martin Fröst: wie viele Farben gibt die Klarinette her, wie viel Artikulation - habe selbst als Schüler gespielt, weiß es das zu schätzen
- ja und Mozart: musste über 30 werden, um zu erkennen, dass er ein Dramatiker von der Qualität Shakespeares ist...

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