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Antennengluehn - Nacht der Neuen Musik "Die Antennen des Publikums zum Glühen bringen"

Bei der Nacht der Neuen Musik am 27. Oktober 2018 verlässt die freie Neue Musik-Szene Münchens die abgelegenen Off-Räume und übernimmt für eine ganze Nacht den Gasteig. Über 100 Musikerinnen und Musiker präsentieren hier Werke von 35 Komponistinnen und Komponisten - und zeigen, wie viel Vergnügen Neue Musik bereiten kann. Der Komponist Marco Hertenstein ist Mitorganisator der Veranstaltung.

Marco Hertenstein | Bildquelle: © Irène Zandel

Bildquelle: © Irène Zandel

BR-KLASSIK: Warum braucht München eine Nacht der Neuen Musik?

Marco Hertenstein: München hat eine lebendige freie Szene für Neue Musik. Nur findet sie meist in Off-Räumen statt, so dass sie abgesehen von der musica viva und der Opernbiennale bisher kaum in der Öffentlichkeit sichtbar geworden ist. Es gab ja früher die legendären "Hiller-Nächte" im Gasteig, wo ganze Nächte hindurch Neue Musik gespielt wurde. Nur ist das leider lange her. Daher ist es höchste Eisenbahn, die Aufmerksamkeit des Münchner Publikums auf diese wunderbare zeitgenössische Musik und die interessanten Künstler, die in ihr aktiv sind, neu zu schärfen. 

BR-KLASSIK: Was bedeutet der Name "Antennengluehn"?

Marco Hertenstein: Wenn man im Gasteig ganz oben im Abendrot steht und auf die Stadt schaut, dann sieht man auf den Dächern trotz Digitalisierung noch die alten Antennen. Die glänzen im Sonnenuntergang, auf ihnen sammeln sich die Vögel zur Nacht, sie machen die Radiowellen gefühlt sichtbar. Die City reckt sich in den Abendhimmel und saugt den Sound des vergehenden Tages ein. Bei Antennengluehn geht es um Kommunikation zwischen Sender und Empfänger. Wir bringen die Antennen des Publikums zum Glühen: mit lauten und leisen Tönen, frisch uraufgeführten Werken und jungen Repertoire-Klassikern, mit vertrauten Besetzungen und auch mal unbequemen Inhalten. Da wollen wir mit hineinfunkeln! Deshalb der Titel "Antennengluehn" für unsere Spät-Oktobernacht, der letzte Abend der Sommerzeit 2018.

BR-KLASSIK: Worauf liegt der Schwerpunkt der Nacht?

Marco Hertenstein: Wir wollen durch alle Generationen und die hier ansässigen Stilrichtungen einen Spaziergang wagen: Man begegnet der gerade 80 Jahre alt gewordenen Gloria Coates oder trifft auf Youngster von Jugend musiziert oder vom Verworner-Krause-Kammerorchester VKKO, die mit unglaublicher Wucht ihre Neue Musik machen. Oder man hört die krass-komplexe Musik des jüngst verstorbenen Klaus Hüblers, der wohl avantgardistischer ist, als Stockhausen und Boulez zusammen waren – und das im angeblich verschlafenen München! Oder man erlebt die emotionale Musik von Sophia Jani und Meredi Arakelian, zwei ganz jungen neuen Tonkünstlerinnen. Oder man hört, dass die bayerische Polizei nicht nur für die beste Sicherheit sorgt, sondern auch orchestrale Razzien drauf hat. Kurz: es ist die Vielfalt der Neuen Musik, die wir in den Vordergrund stellen. KomponistInnen mehrer Generationen, unterschiedlichste Stilrichtungen und Ensembles, Solisten und Orchestrales, MusikerInnen vom ganz jugendlichen Nachwuchs bis hin zum international renommierten Solisten.

 BR-KLASSIK: Es wird viel diskutiert über den Frauenanteil in der Musikwelt – wie ist die Komponistinnen-Quote bei "Antennengluehn"?

Marco Hertenstein: Über die männliche Dominanz in der Kunst, der sogenannten Hochkultur allgemein, ist ja in der letzten Zeit viel die Rede gewesen. Und das absolut zu Recht. Leider sind die Frauen auch im Komponistenverband deutlich in der Minderheit. Aber beim "Antennengluehn" ist das Verhältnis von Männern zu Frauen sehr ausgeglichen. Wir wollen zeigen, wie aktiv und kreativ die Münchner Komponistinnen sind. Und dass es sie tatsächlich gibt! Wenn mehr Frauen sich in den nächsten Jahren für dieses Berufsbild entscheiden, wird es bei deren Tatkraft ein deutlich weiblicher geprägter Beruf sein: ja, Komposition muss weiblicher, gerne auch queerer werden! 

In allen Panels bei "Antennengluehn" ist jeweils mindestens eine Komponistin vertreten. Weniger würde dem gesellschaftlichen Diskurs anno 2018 nicht gerecht werden. Herzliche Grüße an die musica viva und das alltägliche Programm von BR-KLASSIK! Der Weg ist noch lange nicht zu Ende, aber steter Tropfen höhlt den Stein. 

BR-KLASSIK: Bei "Antennengluehn" wird es eine sogenannte "Kompositionslotterie" mit dem Bratschisten Nils Mönkemeyer geben. Was genau passiert da?

Marco Hertenstein: Am Abend komponieren drei Komponisten live kleine Miniaturen für den Bratschisten Nils Mönkemeyer. Das Publikum kann ihnen bei der Arbeit zusehen. Mönkemeyer sieht die Noten dann zum ersten Mal und spielt sie Minuten nach ihrer Fertigstellung sozusagen frisch vom Blatt. Das Publikum und Nils entscheiden dann, welches ihnen auf Anhieb am Besten gefällt oder was für weiteres Potential darin stecken mag. Es wird wie bei Mozart sein: fünf Minuten vor der Opern-Uraufführung ist die Ouvertüre erst fertig! Ein überraschungsreiches Unterfangen für alle Se/aiten – wir nennen es Bratschenfunk.

 BR-KLASSIK: Planen Sie zukünftig einen Rhythmus? Soll das Festival etwa jährlich stattfinden?

Marco Hertenstein: Wenn die Nacht gut ankommt, wenn es den Kooperationspartnern Auftrieb verleiht, die Förderer sich überzeugen lassen –  vielleicht gibt es dann eine Neuauflage, ein Nachglühen. Wir wollen ja die Kräfte der Szene bündeln und hoffen auf eine breite Nachwirkung.

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