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Regisseurin Brigitte Fassbaender im Interview "Die Oper ist ein lebendiges Geschehen, kein Museum"

Erst eine Karriere als Sängerin, dann als Intendantin und Regisseurin. Egal wie lange sie schon im Business arbeitet: Für Brigitte Fassbaender bleibt jede Oper eine neue Herausforderung. Am Donnerstag feiert ihre Inszenierung der Komischen Oper "Der junge Lord" von Hans Werner Henze am Gärtnerplatztheater Premiere. Inwieweit aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen mit einfließen, verrät sie BR-KLASSIK im Interview.

Kammersängerin und Pädagogin Brigitte Fassbaender im Mai 2012 | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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BR-KLASSIK: Brigitte Fassbaender, lernt man das Regiehandwerk genauso wie das Gesangshandwerk?

Brigitte Fassbaender: Nein. Ich bin Seiteneinsteigerin und habe das nicht studiert. Ich habe das Regiehandwerk quasi durch Erfahrung und durch große Regisseure gelernt. Aber man lernt nie aus. Erst nach der fünften Inszenierung weiß man langsam, wo es langgeht. Jedes Stück ist eine neue Herausforderung. Es gibt nichts Leichtes - ich habe noch keine Oper inszeniert, die ich als leicht zu knacken empfunden habe. Es waren immer harte Nüsse. Jetzt habe ich über achtzig Inszenierungen gemacht und natürlich wiederholt sich manches. Es ist eine gewisse Erleichterung, wenn man Stücke zwei, drei Mal macht und sie schon gut kennt und nicht wieder ganz neu lernen muss. Es ist ein Handwerk, das man sich durch "knowing by doing" erarbeitet.

Ich versetze mich in jede Rolle hinein.
Brigitte Fassbaender

BR-KLASSIK: Meinen Sie mit Knacken, dass Sie in einem Stück Schritt für Schritt den gesamten Inhalt erarbeiten müssen?

Brigitte Fassbaender: Ja, Charakter für Charakter. Meine Arbeitsweise ist so: Ich versetze mich in jede Rolle hinein. Früher musste ich nur meine Rolle erfüllen - ganz eindringen und einen Charakter kreieren. Jetzt muss ich mich in alle hineinversetzen. Warum, woher, wohin? Wie ist der Background? Das ist für mich wahnsinnig wichtig. Daraus erschließen sich dann die Aktionen auf der Bühne. Das Bühnenspiel besteht ja nicht nur aus Aktion, sondern auch aus Reaktion: Das ist meistens wichtiger. Man ist ständig, hundertprozentig beteiligt mit Zuhören und Zusehen. Man sollte nicht nur denken: „Ich muss so schön wie möglich singen und darf dabei abschalten.“ Die Gedanken müssen weitergehen, sodass der Subtext immer vorhanden ist. Das ist ein unglaublicher Vorgang, den man da eigentlich von sich verlangen muss als Sänger, als Darsteller, als Interpret. Den muss der Regisseur natürlich anschieben.

Die Personenregie ist für mich das wichtigste.
Brigitte Fassbaender

BR-KLASSIK: Sie fühlen und finden sich also in jede einzelne Rolle ein. Entwickelt sich daraus dann ein großer Blick aufs ganze Stück?

Brigitte Fassbaender: Man muss natürlich wissen: Wo sind die Schwerpunkte? Was will man aussagen mit dem Stück. Und das ist die sogenannte Konzeption. Für mich ist die Konzeption immer der Mensch auf der Bühne. Er ist für mich der Mittelpunkt. Die Personenregie ist für mich das das Wichtigste, nicht die Opulenz eines Bühnenbildes oder die Staffage. Nicht das Arrangieren von schön gestellten Bildern, sondern das Leben. Es gibt unendlich viel zu entdecken und herauszufinden, nicht nur die Hauptthemen Liebe und Tod. Die Oper ist ein lebendiges Geschehen, das vom Zeitgeist erfüllt sein muss, kein Museum.

Ein makabres Stück

BR-KLASSIK: Hans Werner Henzes Oper "Der junge Lord" wird gerade von Ihnen am Münchner Gärtnerplatz inszeniert. Es ist ein ganz spannendes Stück, weil es das Kleinbürgerliche und Fremdenfeindliche in uns zeigt. Es nimmt das Engstirnige und Nachmachende teilweise auch sehr böse auf die Schippe.

der junge lord theater am gärtnerplatz | Bildquelle: ©Christian POGO Zach Bildquelle: ©Christian POGO Zach Brigitte Fassbaender: Es ist sozusagen eine Komödie mit bitterbösem Inhalt. Der englische Lord Edgar wird in der deutschen Kleinstadt Hülsdorf-Gotha sehnlichst erwartet. Man erhofft sich von ihm alles Mögliche: Die Bereicherung des dörflichen Lebens, Investitionen und Farbigkeit. Aber der Lord brüskiert diese armen Leute und diese Gesellschaft dort von Anfang an. Er spricht nicht mit den Menschen, er delegiert alles an seinen Sekretär. Ich verstehe die Leute von Hülsdorf-Gotha: Meine Sympathie haben diese Leute. Dieser Sir Edgar kauft einen Affen, dem er menschliches Verhalten antrainiert. Er nimmt in Kauf, dass der Affe unter der Dressur leidet. Bei Henze hört man den Affen über große Passagen schreien und jammern. Das finde ich natürlich auch nicht angenehm von Edgar. Der Menschenaffe ist eine tolle Rolle für einen schauspielerisch interessierten Tenor. Ich finde, es ist ein tolles Stück, aber ziemlich makaber: eine Riesenherausforderung.

Kongeniales Libretto von Ingeborg Bachmann

BR-KLASSIK: Ist es für Sie eine aktuelle Geschichte?

Brigitte Fassbaender: Ja, es hat mit Rassenhass zu tun. Es sind manchmal hundert Leute auf der Bühne, die Fremdenhass mit Denunziation und Neid präsentieren. Da ist alles drin, was uns leider auch bewegt. Mein Schwerpunkt ist die Düpierung, das Brüskieren der Menge. Henze und die Librettistin Ingeborg Bachmann wollen in "Der junge Lord" Menschen zeigen, die auf etwas reinfallen. Das Libretto ist kongenial - sie haben da großartig zusammengearbeitet.

Sendung: "Leporello" am 22. Mai 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK. Eine Premierenkritik gibt es am Freitag in Allegro.

Die Premiere von "Der junge Lord" ist am 23. Mai 2019. Weitere Infos finden Sie auf der Homepage des Gärtnerplatztheaters.

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