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Die beste Jazz- und Showband der Weimarer Republik Gefeiert, verfemt und über Jahrzehnte vergessen

Sie waren eine Sensation vor 1933 in Berlin und international: die Musiker des Ensembles Weintraubs Syncopators um Schlagzeuger Stefan Weintraub. Da die Mitglieder der Band jüdischer Abstammung waren, durften sie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland nicht mehr auftreten – und erlebten auch im Exil in Australien demütigende Zeiten. Der Musikforscher Albrecht Dümling erzählt ihre Geschichte.

Buch-Cover Mein Gorilla hat 'ne Villa im Zoo | Bildquelle: ConBrio Verlagsgesellschaft

Bildquelle: ConBrio Verlagsgesellschaft

Sie waren die beste Jazz- und Showband aus dem Berlin der 1920er und frühen 1930er Jahre. Sie mischten frühen Jazz mit Klassik-Parodien, Cabaret-Chansons, Wiener Walzern und anderen Klangfarben, mischten Musik mit komödiantischen Aktionen, wozu auch gehörte, dass sie im fliegenden Wechsel die unterschiedlichsten Instrumente in der Band zirkulieren ließen, Tierstimmen imitierten, auf dem Boden liegend Blasinstrumente spielten und auch Küchegeräte klingend zum Einsatz brachten. Wegen ihrer mitreißenden Bühnenwirksamkeit waren sie an der Seite Josephine Bakers in der Revue "Bitte einsteigen" zu erleben und in berühmten Spielfilmen wie "Der blaue Engel" oder dem Hans-Albers-Streifen "Heute kommt’s drauf an" zu sehen. Sie nannten sich Weintraubs Syncopators – nach dem Schlagzeuger und Gründer der Band, Stefan Weintraub, und nach der Synkope, einem Stilmittel der rhythmischen Verschiebung. Ihr Erfolg konnte aber nicht lange währen. Denn zum einen wurde der Jazz mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten zur verpönten Musik. Und zum anderen waren die Mitglieder dieser Band allesamt jüdischer Abstammung und wurden als "Nichtarier" mit Auftrittsverbot belegt. 

DIE LUST AN MUSIKALISCHEN STECKNADELN

Die bewegende Geschichte dieser Band schildert der Musikwissenschaftler Albrecht Dümling in dem 232 Seiten starken Buch "Mein Gorilla hat ‚ne Villa im Zoo" ausführlich und mit größter Sorgfalt. Mit zu Berge stehenden Haaren liest man, was diesen Musikern widerfahren ist. Dabei erzählt der Autor ihre Geschichte in völlig nüchternem Ton. Er lässt Fakten und zeitgeschichtliche Zitate sprechen. Etwa dieses: "Es ist, als ob man mit Stecknadeln gespickt würde und dabei noch Lust empfände", fand ein – wohlgesonnener – Rezensent 1927 über einen Auftritt der Weintraubs zusammen mit dem Pianisten und Komponisten Friedrich Hollaender, der eine Zeitlang Mitglied bei ihnen war. 1933 schrieb die gleichgeschaltete deutsche Presse dann schon von "Jazz-Radau" und "Saxophon-Gequake" und davon, dass der "Jazz-Taumel (…) längst vorüber" sei. Tief eintauchen in Zeitgeschichte kann man mit diesem Buch.

INTERNIERT IN AUSTRALIEN: 15 MONATE HINTER STACHELDRAHT

Und man kann sich atemlos das weitere Schicksal der Band erlesen: Die "Syncopators" nutzten Tourneen ins Ausland, um sich abzusetzen und landeten nach Stationen etwa in den Niederlanden, in der Schweiz, im faschistischen Italien, in der Sowjetunion und in Japan schließlich in Australien, wo sie 1937 eine Tournee begannen. Doch dort bremste schließlich die Musikergewerkschaft das erfolgreiche Ensemble, das als gefährliche Konkurrenz für australische Musiker betrachtet wurde. 1940 wurden Stefan Weintraub und andere Mitglieder der Band als "feindliche Ausländer" sogar in ein Internierungslager gesteckt. Weintraub hatte im Ersten Weltkrieg als Soldat gekämpft und sogar das Eiserne Kreuz erhalten – was ihn nun für die Australier verdächtig machte, ein Nazi-Anhänger zu sein. 15 Monate verbrachte Stefan Weintraub hinter Stacheldraht. Danach hörten die Anfeindungen australischer Musiker nicht auf. Weintraub und seine Kollegen bekamen keine Auftrittsmöglichkeiten mehr. Stefan Weintraub arbeitete dann als Mechaniker, lebte in bescheidenen Verhältnissen und starb 1981 mit 84 Jahren in Sydney. Am 12. September 1981, zwei Tage nach Weintraubs Tod, brachte der Sender Freies Berlin (SFB) eine Porträtsendung über Weintraub mit Erinnerungen, die Weintraub selbst einem Korrespondenten des Senders über eine Tonband-Cassette hatte zukommen lassen. Der Tod des Musikers wurde in der Sendung nicht erwähnt: Die Redaktion hatte davon nichts erfahren. Die schon vorher produzierte Sendung war rein zufällig zu diesem Termin ausgestrahlt worden. – Viele verblüffende Aspekte einer musikalisch dringend wiederzuentdeckenden Geschichte präsentiert dieses sehr lesenswerte Buch.

Albrecht Dümling

Mein Gorilla hat 'ne Villa im Zoo. Die Weintraubs Syncopators zwischen Berlin und Australien
ConBrio Verlagsgesellschaft
232 Seiten
24,90 Euro

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