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"Der schwedische Weg" in der Corona-Krise Stockholms Kultur rutscht schweigend ins Fiasko

"Der schwedische Weg“ ist ein anderer in der Corona-Pandemie. Er steht für mehr Freiheit, aber auch für hohe Infektionszahlen. Bilden die Schweden eine Spaßgesellschaft, die in Nordeuropa einen selbstbewussten Totentanz aufführt? Tatsächlich sieht das Kulturleben in Stockholm genauso mager aus wie im Rest der Welt.

Stockholm, Stadtteil Riddarholmen | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Das Musik-Feature

Stockholm im Rampenlicht

Ein paar hungrige Spatzen streiten um die Reste eines Zimtbrötchens, ansonsten ist die Stimmung friedlich im Café am Ostufer der Altstadt von Stockholm. Alle Sitzplätze sind belegt. Viele nutzen den sonnigen Ort als Büro. Schweden hat auf die Corona-Pandemie nicht mit einem harten Lockdown reagiert. Dafür bauen sich die Menschen unbeschwert und gelassen ihr Leben irgendwie um Corona herum, arrangieren sich mit dem Übel und den staatlichen Empfehlungen, setzen sich mit dem Laptop an die frische Luft zum Arbeiten. Nur Theater, Oper und Museen machten Mitte März die Schotten dicht. Schulen, Geschäfte und Restaurants blieben geöffnet. Trotzdem mutierte Schweden nicht zur Party-Meile von Lappland bis Ystad, auch wenn dieses schrille Bild in den vergangenen Monaten bei uns immer wieder gerne gezeichnet wurde.

Corona-Regeln ohne Maskenpflicht

Was stimmt: Der Corona-Regelkatalog ist im liberalen Schweden eher dünn, es herrscht beispielsweise nirgendwo Maskenpflicht. Aber ein paar Regeln gibt es eben schon, und die werden akribisch eingehalten. Dazu gehört neben Abstand halten, der Empfehlung nicht ins Ausland zu reisen und dem Dauerhändewaschen: keine Veranstaltung mit mehr als fünfzig Personen, egal ob Kirche, Kammerkonzert, Büro oder Flohmarkt. Das hat Staatsepidemiologe Anders Tegnell angeordnet.

Finanzsorgen und keine Lockerungen in Sicht

Die Königliche Oper Stockholm in Schweden | Bildquelle: © picture alliance / imageBROKER / Thomas Robbin Die Königliche Oper in Stockholm | Bildquelle: © picture alliance / imageBROKER / Thomas Robbin Seit Anfang September spielt die Königliche Oper Stockholm wieder und steuert wegen dieser eisernen Regel bald auf ein Fiasko zu. Dafür braucht man auch kein Finanzexperte zu sein, meint die Intendantin Brigitta Svenden: "Alle Politiker veranschlagen weniger für Kunst und Kultur. Wir brauchen das Geld für die Pflege, für Schule, für Polizisten. Trotzdem können wir nicht nochmal sechs Monate so weitermachen." Der Spielraum ist im buchstäblichen Sinne nicht groß: Das Orchester darf nur mit halber Mannschaft spielen, das Repertoire muss eingedampft werden. Die Premiere von Wagners "Meistersinger von Nürnberg" im nächsten Frühjahr ist bereits abgesagt worden. Und für alle Veranstaltungsorte gilt eben: Nur fünfzig Tickets pro Vorstellung dürfen verkauft werden. Dabei haben alle Kulturschaffenden doch fest mit einer Lockerung ab dem 1. Oktober gerechnet. Von fünfhundert Personen war die Rede, was für die Königliche Oper immerhin ein knapp halbvolles Haus bedeutet hätte. Aber die Lockerung kam nicht, wegen gemächlich, aber stetig steigender Infektionszahlen.

Nordlicht Stockholm im Rampenlicht

Anders als in vielen Ländern, gibt es in Schweden keine Maskenpflicht. Doch was Kulturveranstaltungen betrifft, hat das skandinavische Land harte Maßnahmen ergriffen. Im Musik-Feature geht es um den steinigen Weg zurück ins Kulturleben in Schwedens Hauptstadt: "Nordlicht Stockholm im Rampenlicht" läuft am 16. Oktober ab 19.05 Uhr und am 17. Oktober ab 14 .05 Uhr auf BR-KLASSIK.

Der große Protest bleibt aus

Martin Fröst | Bildquelle: © Mats Bäcker Der schwedische Klarinettist Martin Fröst | Bildquelle: © Mats Bäcker Die Enttäuschung ist groß, das Budget der Bühnen immer mickriger. Geschimpft wird trotzdem nicht trotz dieser stiefmütterlichen Behandlung der Kultur. Keine Kundgebungen vor dem „Riksdag“, keine Mahnwachen, keine Rebellion: nicht in Schweden. Warum die Leute in Stockholm (und vermutlich auch anderswo im Land) anders ticken, erklärt sich der schwedische Klarinettist Martin Fröst dadurch, dass man der Regierung und damit den Anordnungen einfach vertraut. Hauptsache die Freiheit des Einzelnen wird nicht eingeschränkt. Martin Fröst sieht in der Krise eine Herausforderung und würde sich wünschen, dass sich der eitle Klassikbetrieb nun endlich neu orientiert: mehr Zeit zum Erarbeiten von Ideen, weniger Zeit fürs Herumreisen. "Kurz vor dieser Pandemie war ich in China auf Tournee. Zeitgleich spielten da vier andere Weltklasseorchester. Heute frage ich mich: Was soll das überhaupt? Vier mal 160 Leute werden in einem Flugzeug dorthin gebracht und spielen mehr oder weniger dasselbe Repertoire", sagt der Klarinettist. "Sowas wird es nicht mehr geben, und das finde ich auch nicht schade. Ich kann darin inzwischen keine Bereicherung mehr entdecken."

"Der schwedische Weg" wurde schon vor Monaten zum Synonym eines anderen Umgangs mit Corona und wird in Zukunft vielleicht ja auch zum Synonym für einen innovativen Weg aus der kulturellen Krise. Dem Heimatland von Spotify, Pippi Langstrumpf, Tetrapack und Skype wäre das durchaus zuzutrauen.

Sendung: "Allegro" am 16. Oktober ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK.

Kommentare (1)

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Samstag, 17.Oktober, 15:04 Uhr

Marie-Louise Göransson

STOCKHOLMS KULTUR RUTSCHT SCHWEIGEND INS FIASKO

Danke für ein fantastisches Programm dass weder über- noch untertrieben war, die Schweden sind so und ich bin eigentlich froh dass ich in Wien lebe, in ein Kultur-Muss-Haben Land !!!
Mit freundliche Grüße
Marie-Louise Göransson

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