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Geigenbögen und ihr Klanggeheimnis "Der Zauber kommt von der rechten Hand"

Welches Instrument ein Geiger spielt, steht in fast jeder Biografie. Was aber ist mit dem Bogen? Über ihn wird kaum gesprochen. Dabei ist der Geigenbogen ganz entscheidend für den Klang - viel wichtiger als allgemein angenommen. Was aber macht einen guten Bogen aus? Gibt es überhaupt den idealen Bogen für jeden Musiker? Und wie steht es um das Handwerk des Bogenbaus und seine Zukunft?

Geigenbogen Nahaufnahme | Bildquelle: imago/eastnews

Bildquelle: imago/eastnews

"Der Bogen kann tatsächlich das Timbre des Instrumentes beeinflussen", erklärt Anne-Sophie Mutter. Aus eigener Erfahrung weiß sie, dass er "ein Instrument etwas heller, silbriger klingen lassen kann oder eben auch dunkler." Die weltberühmte Geigerin spielt eine ganze Reihe von Geigenbögen. Denn den perfekten Bogen für alle Situationen gibt es nicht.

Ein Geigenbogen wie ein Porsche

Stargeigerin Anne-Sophie Mutter | Bildquelle: picture-alliance/dpa Anne-Sophie Mutter hat klare Vorstellungen von einem Bogen. | Bildquelle: picture-alliance/dpa Bei Kammermusik entscheidet sich Anne-Sophie Mutter für einen anderen Bogen als bei einem großem Orchesterauftritt. Für Mozart wählt sie einen anderen Bogen als für romantisches Repertoire - außerdem kommt es auch auf die Spieltechnik an. Bei spiccato-Passagen beispielsweise, wo der Bogen viel auf der Saite springen soll, benutzt Anne-Sophie Mutter einen leichteren Bogen mit griffiger Ansprache. Aber: "Bei einem Brahms-Konzert mit großem Orchester suche ich einen Bogen, der tiefer in die Saiten geht - wie Reifen, die das Aquaplaning verhindern und eine tolle Kurvenlage haben".

Ich will einen Chevy, aber mit der Schnelligkeit eines Porsche.
Anne-Sophie Mutter

Anne-Sophie Mutter vergleicht Geigenbögen gerne mit Autos. Sie spielt ausschließlich moderne Bögen, die sie ganz nach ihren Vorstellungen anfertigen lässt. Und ihr Bogenbauer weiß ganz genau, was sie sucht: "Ich will einen Chevy, aber mit der Schnelligkeit eines Porsche", sagt Anne-Sophie Mutter lachend: "Also einerseits die Weichheit, auf der anderen Seite die Spritzigkeit."

Rekordpreise für Tourte-Bögen

Viele Musiker bevorzugen historische Bögen wie etwa die von François Xavier Tourte. Der legendäre französische Bogenbauer entwickelte Ende des 18. Jahrhunderts ein Modell, das bis heute den modernen Bogenbau prägt. Aber: Für einen originalen Tourte-Bogen kann man ohne weiteres bis zu 50.000 Euro ausgeben.

Ich habe schon Bögen im Konzert zerbrochen.
Anne-Sophie Mutter

Anne-Sophie Mutter spielt keine historischen Bögen. Aus einem einfachen Grund: "Ich habe schon Bögen in der Vehemenz eines Konzerts zerbrochen", erzählt sie. "Da hätte ich bei einem Tourte ehrlich gesagt etwas Bauchschmerzen." Vor der revolutionären Entwicklung des modernen Bogenbaus gab es verschiedene Modelle - besonders in der Barockzeit. Grundsätzlich unterscheidet sich der Barockbogen vom modernen Bogen darin, dass er kürzer und leichter ist. Außerdem ist die Stange konvex gewölbt, hat also in der Mitte den größten Abstand zu den Haaren.

Barockbogen für perfekte Artikulation

Viele Musiker spielen auch heute Musik von Bach oder Händel am liebsten auf Barockbögen, ob historisch oder nachgebaut. "Der Barockbogen reagiert einfach viel schneller und überträgt kleine Feinheiten sehr schnell bei leichten Noten", erklärt der Bratschist Nils Mönkemeyer. "Da kann ich die Artikulation sehr schnell ändern." Das hängt damit zusammen, dass die Gewichtsverteilung beim Barockbogen eine andere ist. Er ist am Frosch sehr viel schwerer als an der Spitze. "Dadurch kann man viel besser artikulieren", sagt Mary Utiger, Professorin für Barockvioline an der Musikhochschule München. "Eigentlich ist die rechte Hand viel wichtiger als die linke", verrät sie. Natürlich sei die linke Hand verantwortlich für das saubere Greifen, aber Utiger betont: "Der Zauber kommt von der rechten Hand."

Zaubermaterial Fernambukholz - vom Aussterben bedroht

Für romantische Musik eignet sich der Barockbogen aufgrund seiner Leichtigkeit allerdings überhaupt nicht. Deshalb veränderte sich das Bogenmodell im Laufe der Zeit. François Xavier Tourte korrigierte die Biegung der Stange, den Schwerpunkt und etablierte das Fernambukholz im Bogenbau. Dieses Holz wächst nur in Brasilien und besitzt ganz besondere Eigenschaften: Es ist relativ leicht, zugleich aber sehr steif. Außerdem lässt sich die Bogenstange bei Erhitzung über einer Gasflamme dem Faserverlauf folgend biegen und behält diese Krümmung auch langfristig bei. Heute werden fast alle hochwertigen Geigenbögen aus diesem Holz gefertigt.

Geigenbögen auf einem Tisch | Bildquelle: Westend61 Das Fernambukholz ist oft stark rötlich gefärbt. Früher ein Färbemittel für Textilien, heute begehrt im Bogenbau. | Bildquelle: Westend61 Allerdings steht das Fernambukholz seit Jahren unter Artenschutz, weil es durch die starke Rohdung des brasilianischen Regenwaldes Mata Atlantica vom Aussterben bedroht ist. Das führt dazu, dass der Baum nur noch in Ausnahmefällen gefällt werden darf. Das bringt Bogenbauer in aller Welt in Bedrängnis, die Holzvorräte schwinden dahin. Die Bogenbauer schlossen sich deshalb zu einer Initiative zusammen, die sich um die Erhaltung des Fernambukbaumes bemüht, indem neue Bäume angepflanzt werden.

Carbon als Alternative?

Eine mögliche Alternative für die Zukunft könnten Geigenbögen aus Carbon sein. Bereits seit den 1980er-Jahren werden sie hergestellt, wobei sich seitdem viel in der Entwicklung getan hat. Heute gibt es eine breite Palette an Carbonbögen, die unterschiedliche Qualität aufweisen. Franz Scheuerer, Geiger im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, spielt im Orchester gerne mit seinem Carbonbogen: "Er ist insgesamt einige Gramm leichter als der Holzbogen. Die Stange bleibt vollkommen ruhig auf der Saite liegen, selbst bei großer Anspannung. Außerdem ist der Bogen am Frosch wendiger. Da genieße ich die unglaubliche Leichtigkeit und Präzision." Auf der anderen Seite aber muss Franz Scheuerer auch zugeben: "Ein Holzbogen hat natürlich wesentlich mehr klangliche Feinheiten und mehr Charme. Deshalb nehme ich, wenn es praktisch sein soll und sicher funktionieren muss, den Carbonbogen. Ansonsten, wenn es musikalisch wichtig ist, nehme ich mit größerer Vorliebe doch den Holzbogen."

Ein Holzbogen hat mehr klangliche Feinheiten und mehr Charme.
Franz Scheuerer, Musiker im BR-Symphonieorchester

Henry Raudales, Konzertmeister des Münchner Rundfunkorchesters, spielt seit vielen Jahren einen Carbonbogen aus Belgien und ist höchstzufrieden. Er spielt alles mit diesem Bogen - vom Solo-Konzert bis zum Orchesterrepertoire. "Er ist absolut zuverlässig", schwärmt Raudales. Er habe bereits viele alte französische Bögen wie etwa von Tourte oder Dominique Peccatte gespielt, bleibe aber lieber bei seinem Carbonbogen: "Ob es warm oder kalt ist, Heizung - das spielt alles keine Rolle. Man kann damit auch in Afrika spielen." Wichtig sei seiner Meinung nach vor allem eines: eine gute Behaarung.

Bogenhaare - eine Wissenschaft für sich

Erklärungen der Teile eines Geigenbogens | Bildquelle: BR / Nadja Pfeiffer Teile eines Geigenbogens | Bildquelle: BR / Nadja Pfeiffer Für die Behaarung des Geigenbogens werden Pferdehaare vom Schweif verwendet - allerdings nur von Hengsten, da die Haare der Stuten durch den Urin in der Regel brüchig und damit unbrauchbar sind. Meist wählen die Bogenbauer zwischen sibirischen, mongolischen oder japanischen Haaren. Das Beziehen eines Bogens sei eine hohe Kunst, sagt Bogenbauer Wolfgang Romberg: "Man muss die entsprechende Haarmenge für den passenden Bogen finden. Denn wenn Sie zu viele Haare auf den Bogen packen, dann ist die Federeigenschaft der Bogenstange nicht mehr gegeben." Bogenhaare allein bringen einen Bogen aber noch nicht zum Klingen. Dafür gibt es Kolophonium - aber irgendeines sollte es auch nicht sein.

Ein Kolophonium für Bayreuth

Das Kolophonium besteht überwiegend aus Baumharz von Lärchen, Fichten oder Pinien, wobei oft auch verschiedene Metalle beigemischt werden. Mit dem Kolophonium werden die Bogenhaare eingerieben. Das hat ein bisschen den Effekt von Klebstoff. Die Bogenhaare bleiben dadurch an der Geigensaite haften und versetzen diese dann in Schwingung, so dass überhaupt ein Ton entstehen kann. Denn an der Stelle, wo der Bogen die Saite berührt, entsteht Hitze. Und dadurch schmilzt das Kolophonium. Der Schmelzpunkt sei aber bei jedem Kolophonium anders, sagt Wolfgang Romberg. Deshalb sei es wichtig, auf einer Behaarung nicht verschiedene Kolophonien zu mischen. "Dann kommt es nämlich zu etwas, was wir verglasen nennen. Das heißt, die Bogenhaare verbacken so miteinander, dass keine Tonansprache mehr richtig funktioniert."

Ein Bogen muss auch zur Geige passen.
Julia Fischer, Geigerin

Julia Fischer | Bildquelle: Decca / Uwe Arens Julia Fischer hat auch schon mal eine böse Überraschung mit einem Bogen erlebt. | Bildquelle: Decca / Uwe Arens "Le violon, c'est l'archet" - "Die Geige, das ist eigentlich der Bogen" - das wusste schon Giovanni Battista Viotti, ein italienischer Geiger und Komponist, der im 18. Jahrhundert in Paris lebte. Doch selbst ein sehr guter Bogen nützt nichts, wenn er nicht zur Geige passt, sagt Julia Fischer. Sie selbst hat da schon einmal eine böse Überraschung erlebt: "Ich hatte einen sehr sehr guten Bogen, den ich mit der Stradivari gespielt habe, die ich bis 2004 hatte", erzählt sie. "Und dann habe ich die Guadagnini gekauft - und der Bogen klang überhaupt nicht mehr."

Mehr zum Thema Geigenbögen, ihrem Klang, der Herstellung, zur Geschichte des Bogenbaus und den Problemen der Musiker beim Reisen mit historischen Bögen gibt es in unserem Musik-Feature.

Sendung: "Das Musik-Feature" am 20. Oktober 2017, 19.05 Uhr auf BR-KLASSIK. (Wiederholung am 21. Oktober um 14.05 Uhr)

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