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Deutscher Bühnenverein tagt in Nürnberg Frauen, Machtmissbrauch und Rechtspopulismus

Mit Sorge verfolgt der Deutsche Bühnenverein den Zuspruch für die AfD. Der zunehmende Rechtspopulismus ist eines der Themen, die bei der Jahresversammlung des Vereins am Wochenende im Nürnberger Staatstheater diskutiert werden. Außerdem im Fokus: sexueller Machtmissbrauch am Theater und die Förderung von Frauen in Führungspositionen. Noch bis Samstag wollen sich die etwa 250 Intendanten, Kulturpolitiker und Verwaltungsdirektoren zu internen Gremiensitzungen und Workshops zusammensetzen.

Staatstheater Nürnberg | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

"Die Kunst hat eine gesellschaftliche Relevanz", sagt Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins zum Auftakt der Versammlung am Freitag. "Sie muss aber eine besondere Form, eine künstlerische Verschärfung, finden, um das zu präsentieren, was sie ausdrücken will." Damit spricht Khuon eines der Hauptthemen an, mit denen sich der Deutsche Bühnenverein derzeit auseinandersetzt.

AfD will Gelder für Kultur kürzen

Eine große Sorge ist der zunehmende Rechtspopulismus, der in den Augen des Bühnenvereins eine Bedrohung der Kunstfreiheit darstellt. "Die AfD hat selber eine klare Vorstellung davon, wie Kunst auszusehen hat", sagt Ulrich Khuon im BR-KLASSIK-Interview. Dies bedeute eine "klare Reduzierung auf das Völkisch-Deutsche", wohingegen "das Fremde verteufelt" werde. In ihrem Parteiprogramm hatte die AfD bereits angekündigt, bei bestimmten Häusern Kürzungen vornehmen zu wollen.

Die Gesellschaft ist doch sehr zerrissen und von Ängsten geplagt. Und das gibt Raum für rechtsnationale Tendenzen.
Ulrich Khuon im BR-KLASSIK-Interview

Zugleich warnt der Deutsche Bühnenverein davor, die Programmgestaltung der Theater ideologisch zu instrumentalisieren. Seit dem Aufstieg der Rechtspartei AfD würden Kunstbetriebe zunehmend beschuldigt, politische Positionen der aktuellen Regierung zu vertreten, sagt Khuon. "Dabei ist es doch gerade die Neue Rechte, der ein unkritisches Gesinnungstheater, ein völkisches, nationalistisches Theater als Ideal vorschwebt", so der Bühnenvereinspräsident am Freitag zum Auftakt der Jahresversammlung.

Machtmissbrauch und Frauenquote

Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins | Bildquelle: Arno Declair Ulrich Khuon, Präsident des Deutschen Bühnenvereins | Bildquelle: Arno Declair Weitere Schwerpunkte der Tagung sind Macht- und sexueller Missbrauch an Bühnen und in Orchestern. Außerdem gehe es darum, mehr Frauen in Führungspositionen zu holen. Der Bühnenverein setze sich für Geschlechtergerechtigkeit und die Stärkung von Frauen in Leitungspositionen ein, betonte Khuon. Zwar sei deren Anteil in den Führungsetagen der Theater und Orchester in den vergangenen dreißig Jahren von einem Prozent auf etwa 22 Prozent gesteigert worden. "Aber das ist zu langsam", sagte der Vereinschef. "Ich befürchte, dass erst eine Quote den nötigen Druck für eine nachhaltige Veränderung erzeugt." Jedoch seien die meisten Bühnen in staatlicher und städtischer Trägerschaft und deshalb nicht an die Vorgaben des Bühnenvereins gebunden.

"Wir arbeiten daran, die Situation der Frauen künstlerisch kraftvoller zu gestalten, wie auch die Strukturen gerechter zu gestalten", sagte Ulrich Khuon gegenüber BR-KLASSIK. Bereits bei der letzten Jahreshauptversammlung 2018 habe sich der Bühnenverein deshalb eine Quote auferlegt. "Wir haben beschlossen, dass wir in den nächsten zwei Wahlperioden in den Gremien eine paritätische Besetzung wollen", sagt Khuon. In der Praxis sei das jedoch nicht immer leicht umzusetzen.

Bühnenverein stellte Verhaltenskodex

Zugleich verwies Khuon auf den Verhaltenskodex gegen Machtmissbrauch, den der Deutsche Bühnenverein bereits 2018 verabschiedet hatte. Da man sich am Theater inhaltlich direkt mit den Abgründen und Verwerfungen des Menschen auseinandersetze, seien Proben "immer riskante und grenzgängerische Vorgänge", so Khuon. Umso wichtiger sei es, dass es einen Verhaltenskodex gebe. Zugleich räumt Khuon ein: "Vieles ist sehr undeutlich, das muss man zugeben. Aber umso wichtiger ist es, dass wir es selber thematisieren und auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufzufordern, sich darauf zu beziehen, wenn ihnen etwas Unangenehmes wiederfährt."

Zur Prävention von sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch sei in der Branche eine unabhängige Vertrauensstelle für Opfer solchen Verhaltens geschaffen worden. Namenspatin ist die griechische Göttin Themis, die in der griechischen Mythologie für Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Zusammenhalt stehe, erläuterte Khuon. "Themis" helfe bei der Aufarbeitung der Übergriffe, vermittele und moderiere auf Wunsch der Betroffenen zwischen Arbeitgeber und Opfer und berate und unterstütze diese juristisch und psychologisch.

Deutscher Bühnenverein

Der Deutsche Bühnenverein ist der Interessen- und Arbeitgeberverband von rund 470 Theatern, Opernhäusern und Orchestern. Außerordentliche Mitglieder sind die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, persönliche Mitglieder die Intendanten.

Theater muss zum Menschen kommen

Auch Bayerns Kunstminister Bernd Sibler (CSU) sprach bei der Auftaktveranstaltung im Nürnberger Staatstheater von "ganz spannenden Fragen", mit denen sich die Kunst- und Kulturschaffenden beschäftigten. Er mahnte aber auch: "Wenn wir schon politische Themen diskutieren, dann muss auch das Theater zu den Menschen kommen." Sibler bat die Anwesenden deshalb, in die Fläche zu gehen und gerade auch den Kontakt zu jungen Menschen zu suchen. Die Situation der Provinz- und Landestheater war auch in der anschließenden Befragung des Präsidiums ein zentrales Thema.

Sendung: "Leporello" am 13. Juni 2019 ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Über die Tagung des Deutschen Bühnenvereins berichtet BR-KLASSIK am Montag in Allegro.

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