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Kritik – STOCKHAUSENS "DIENSTAG AUS LICHT" IN PARIS Bläserschlachten und ein durchgeknallter Synthesizer

Er ist ein Mammutwerk, weit umfangreicher noch als Wagners "Ring": Karlheinz Stockhausens siebenteiliger Opern-Zyklus "Licht". Für jeden Wochentag hat der 2007 verstorbene Komponist eine eigene Oper gegeschrieben. Jetzt hat das Ensemble "Le Balcon" den zweiten Tag, "Dienstag aus Licht" auf die Bühne der Pariser Philharmonie gebracht.

Szene aus "Dienstag" aus "Licht" von Karlheinz Stockhausen an der Philharmonie de Paris | Bildquelle: Elise Lebaindre

Bildquelle: Elise Lebaindre

Wer Angst vor Aerosolen hat, sollte da eigentlich nicht mitspielen. Denn was der aus Kürten stammende Großmeister gigantischer Musiktheater-Spektakel im zweiten Akt seiner Oper "Dienstag aus Licht" veranstaltet, ist wohl singulär hinsichtlich der harmonischen Strukturen – aber auch, was den körperlichen Einsatz der Musizierenden betrifft.

Eva vermittelt zwischen Michael und Luzifer

Szene aus "Dienstag" aus "Licht" von Karlheinz Stockhausen an der Philharmonie de Paris | Bildquelle: Elise Lebaindre Bildquelle: Elise Lebaindre Da kämpfen eine gefühlte Stunde lang Posaunen gegen Trompeten, mit zackigen Rhythmen, exzessiv expressiven Klang- und Klagemotiven – aber vor allem auch haptisch, körperlich. Einfacher gesagt: Man stürzt sich aufeinander, verteilt sich wieder, verkeilt sich erneut, bis am Ende auf dem Schlachtfeld Ruhe herrscht. Die Musiker und ihre Instrumente liegen auf dem großen Podium der Pariser Philharmonie und es wird Zeit, sie wieder aufzurichten. Dafür ist Eva zuständig, die zuverlässige Vermittlerin zwischen Michael, der Trompete spielt und mitsamt seinem Heer verwundet wurde, und Luzifer, grimmiger Freund von Posaunenklängen sowie veritabler Unruhestifter.

Videoprojektionen des Künstlers Nieto

Die überwältigende musikalische und szenische Schlacht wird in Paris ergänzt durch raumgreifende Videoprojektionen des Künstlers Nieto, der Flugzeuge durch die gesamte Philharmonie schickt – diese brennen, stürzen ab, weitere folgen. Wenn man weiß, dass der Komponist hier eigene Erlebnisse aus dem Zweiten Weltkrieg verarbeitet hat, wirkt die Sache naturgemäß noch intensiver.

Spiritueller Privat-Mythos

Szene aus "Dienstag" aus "Licht" von Karlheinz Stockhausen an der Philharmonie de Paris | Bildquelle: Elise Lebaindre Bildquelle: Elise Lebaindre Wie in allen sieben Opern seines "Licht"-Zyklus (jedem Wochentag ist ein Werk gewidmet, mit jeweils spezieller Thematik, Symbolik, Farbstimmung) dreht sich auch im "Dienstag" alles um die drei Figuren Michael, Eva und Luzifer. Stockhausen hat einen einerseits sehr privaten, spirituellen Mythos entworfen, der seine katholische Herkunft mit eigenwilligen esoterischen Einflüssen vermischt. Auf der anderen Seite wirkt vieles doch universell verständlich und erlebbar, ja letztlich allumfassend humanistisch. Es geht um eine große Sehnsucht nach Frieden.

Aufführung am Nachmittag

Nachdem Eva Michael ausführlich getröstet hat, begegnen wir einem völlig durchgeknallten Wesen namens Synthi-Fou (wirklich brillant: Sarah Kim), das uns mit absurden Gesten und abwegigen Tönen in die frühe Nacht schickt, denn die Aufführung wurde auf den Nachmittag verlegt, schließlich ist ja derzeit um 21 Uhr Sperrstunde an der Seine.

Im ersten Teil des Abends, nein, Nachmittags gab es auch schon zwei kämpferische Begegnungen zwischen Luzifer und Michael, mal als gegeneinander gesetzte Chöre, mal als "Jahreslauf". Hier malen vier Tänzerinnen und Tänzer die Zahl 2020 mit ihren Füßen auf den Boden, während Luzifer andauernd für Ablenkung sorgt und die Zeit anhalten möchte. Ein extrovertierter Koch schaut vorbei, außerdem Wesen, die Blumen verschenken sowie eine vollständig nackte Revuedame...

Stockhausen nicht veralbert

Szene aus "Dienstag" aus "Licht" von Karlheinz Stockhausen an der Philharmonie de Paris | Bildquelle: Elise Lebaindre Bildquelle: Elise Lebaindre Ohne Einflüsse des Kölner Karnevals ist auch dieses Stockhausen-Stück nicht wirklich denkbar! Dem Regisseur Damien Bigourdan ist mit seinem Team das Wunder gelungen, Stockhausen nicht billig zu veralbern, ihm aber auch nicht in jedem Punkt, jeder Geste – alles ist ja akribisch notiert und vorgegeben – zu ernst zu nehmen. Die Sängerschar rund um Élise Chavin, Léa Trommenschlager (zwei Evas), Hubert Mayer (Michael), Damien Pass (Luzifer) und die exzellenten Instrumentalsolisten sowie Choristen beweisen, dass man Stockhausen auch mit nicht vom Meister selbst einstudierten Jüngern wunderbar realisieren kann.

Und Maxime Pascal mit seinem Ensemble Le Balcon zeigt in seiner bereits dritten Auseinandersetzung mit "Licht", wie gut mittlerweile alle die komplexen Texturen beherrschen. Bis 2024, so der Plan, werden dann alle sieben Opern von Le Balcon aufgeführt sein. Dass hat bisher keine Compagnie, kein Festival, kein Opernhaus geschafft. Schon für das Bisherige und die kommenden Pläne daher: Chapeau et bonne chance!

Sendung: "Leporello" am 26. Oktober 2020 ab 06:05 Uhr auf BR-KLASSIK

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