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Kritik – Daniil Trifonov bei den Salzburger Festspielen Photoshop-Daniil

Technisch reicht derzeit niemand an ihn ran. Aber das ist noch das wenigste, was man über Daniil Trifonov sagen kann. In Salzburg beweist der russische Pianist mal wieder, wie außergewöhnlich er ist: ein musikalischer Molekularkoch mit dem Drive eines Draufgängers.

Daniiel Triifonov bei den Salzburger Festspielen 2022. | Bildquelle: SF / Marco Borrelli

Bildquelle: SF / Marco Borrelli

Hier: die Kritik zum Anhören!

Photoshop-Daniil

Treten kann er auch. Das ist vielleicht ein Detail, aber eines, das man nicht unerwähnt lassen sollte. Denn wie Trifonov das Pedal einsetzt, das hat was von Photoshop. Gut, in mindestens einer Hinsicht ist das Quatsch. Denn Trifonov muss nichts kaschieren oder verstecken. Das braucht er nicht. Dafür ist er zu gut. Und das ist gar kein Ausdruck. Der Punkt ist eher: Das Pedal ist ein Tool, mit dem dieser Spieler, und Trifonov ist wirklich ein Spieler, ziemlich magische Dinge anstellt.

Mit Daniil Trifonov in der musikalischen Molekularküche

Der Mann muss ein Gehirn in den Füßen haben, schließlich sind es Mikrometer oder so, die darüber entscheiden, was mit dem Klang passiert. Ob er weich wird, pflaumig, oder anfängt zu schimmern – oder in die zweite Reihe rückt, während vorne schon der nächste seine Show abzieht.

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Wie Trifonov den Klang mischt, auch und gerade in Brahms letzter Klaviersonate, der man so impressionistische Qualitäten gar nicht zugetraut hätte – das hat was von der Präzision eines Molekularkochs. Und das, ohne dass die Sache ihren Drive verlieren würde. Trifonov tüftelt nicht. Im Gegenteil: Da geht einer aufs Ganze, behält aber die totale Kontrolle.

Dieses Gefühl, dass man lachen will, aber die Luft wegbleibt...

Das hat fast was kindliches, diese traumwandlerische Spontaneität. Nehmen wir seinen Debussy. Das Prélude aus "Pour le Piano" geht Trifonov unheimlich rasant an. Sportlich klingt das trotzdem nicht, immer steht der Ausdruck im Vordergrund. Wie Trifonov gleich zu Beginn die Mittelstimme gnomisch aus dem Dunkeln hervorkriechen lässt, wie er später die Läufe wie glitzernde Luftschlangen in den Raum wirft – einfach großes Theater. Dieses Gefühl, dass man lachen will, aber die Luft wegbleibt…

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Dabei macht es Trifonov sich und seinem Publikum nicht leicht. Da ist auch viel Sperriges im Programm. Start mit Karol Szymanowskis dritter Klaviersonate: ein zwanzigminütiger, einsätziger Hybrid, komponiert im Jahr 1915. Polyphon ineinander verhakte Motive, die auch von Alban Berg stammen könnten mischen sich da mit wütenden Toccatensequzenzen à la Prokofiev und impressionistischen Trillerfiguren, die Trifonov gespenstisch leuchten lässt. Damit legt er eine Fährte für das, was alles noch kommt. Neben Debussy nämlich auch noch Prokofievs "Sarkasmen", die etwa zur gleichen Zeit entstanden sind, aber nochmal einen draufsetzen. Fünf Miniaturen, die an der Grenze zum Geräuschhaften kratzen. Böse, manchmal bizarr. Trifonov gibt sich dem völlig hin, spielt den Zyklus wie einen Comic, vor dem Disney schreiend davonrennen würde.

Kennen Sie Brahms? So wahrscheinlich nicht...

Höhepunkt des Abends, allein schon dramaturgisch, ist allerdings die Schlussnummer: Brahms‘ mit gerade mal 20 Jahren komponierte monströse letzte Klaviersonate, fünfsätzig und vierzig Minuten lang, von der Schumann meinte, sie sei eigentlich eine verkappte Symphonie.

Wie einen Tanker wuchtet Trifonov das Klavier in diese Musik hinein. Aber immer noch schwungvoll. Trifonov surft die Monsterwelle. Das Großkolossale, ja, Katastrophale manch anderer Interpretationen vermeidet er. Man könnte auch sagen: Er nimmt diese Sonate, bei all ihren symphonischen Qualitäten, am Ende doch mit pianistischem Drive. Und er erlaubt sich rhythmische Freiheiten, insbesondere im lyrischen zweiten Satz – aber auch schon im Seitenthema des ersten. Das ist ein zärtlicher, ja fast schon, rotbäckig-verträumter Brahms, der da spricht. Und diese typischen Brahms’schen, satten, herbstlichen Akkorde – Trifonov bringt sie wunderschön zum Leuchten.

Fazit: Er kann alles. Nichts Neues. Aber wie Trifonov bei aller Kontrolle die Musik immer noch geschehen, noch atmen lässt – das ist einfach groß. Er kann alles. Auch Lassen.

Sendung: "Allegro" am 1. August 2022 ab 6:05 Uhr auf BR-KLASSIK

Kommentare (2)

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Mittwoch, 03.August, 11:38 Uhr

Klaus Thiel

Trifonow-Konzert

Eine ganz außergewöhnlich formulierte Rezension über einen Ausnahme-Künstler, der sich immer mehr allen Bewertungen entzieht. Ein Glück, dass er noch so jung ist !

Montag, 01.August, 15:07 Uhr

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Was für ein wunderbar moderner, erfrischender, fröhlicher und subtiler Text über dieses sensationelle Konzert, das ich auch miterleben konnte. Vielen Dank

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