BR-KLASSIK

Inhalt

Leonard Cohen ist tot Die Stimme aus der Tiefe

Er hatte eine der tiefsten - und tiefgründigsten - Stimmen der populären Musikwelt. Sie bewegte mehrere Generationen: Ältere fanden sie sanft, jüngere fanden sie cool. Jetzt ist der Kanadier Leonard Cohen im Alter von 82 Jahren gestorben.

'Singer-Songwriter Leonard Cohen | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Bildquelle: picture-alliance/dpa

Er wäre der andere musikalische Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gewesen. Und er reagierte mit einem faszinierenden Satz auf die Zuerkennung dieses hohen Preises an seinen Songwriter-Kollegen Bob Dylan: "Für mich ist das in etwa so, als würde man eine Medaille auf dem Mount Everest anbringen, auf der 'höchster Berg der Welt‘ steht." Das sagte Cohen bei der Vorstellung seiner jüngsten CD in Los Angeles - und drückte mit der schillernden Metapher höchste Bewunderung für Dylan aus.

Wenn Dylans Werk der Mount Everest ist, dann ist Leonard Cohens Lebenswerk ein Berg, der ziemlich nah an den Mount Everest heranreicht. Er schrieb weit weniger Lieder als Dylan - sagte auch unlängst, was die Produktivität beim Songschreiben angeht: Bei dem einen fließe es eben, beim anderen tröpfele es, und er gehöre zu letzteren. Aber die literarische Fallhöhe der Texte und die musikalische Wiedererkennbarkeit der Songs sind auch bei Cohen außergewöhnlich. Seine Lieder gehören zu den prägnantesten der populären Musik seit fast fünfzig Jahren.

Wie eine Meditation über den Tod

Erst am 21. Oktober veröffentlichte er sein jüngstes Album: "You want it darker", das für viele seiner Fans gerade jetzt wie eine Mediation über den Tod klingt. "Du willst es dunkler, löschen wir die Flamme aus", raunte Cohens wie schattenhaft aus einer extremen Tiefe kommende Stimme hier zum Gesang eines Gospelchors. Bei einer Veranstaltung zur Veröffentlichung in Los Angeles sagte Cohen sogar, er sei nun bereit zu sterben. Wenige Tage später relativierte er dies und setzte hinzu, er wolle doch lieber noch "bis etwa 120 hier rumhängen". Das hätten sich und ihm viele gewünscht.

Hohes Sprach- und Bildniveau

Leonard Cohen | Bildquelle: Getty Images (Michael Ochs Archive)/Knesebeck Verlag Leonard Cohen | Bildquelle: Getty Images (Michael Ochs Archive)/Knesebeck Verlag Wie viele von Bob Dylans Songs, sind auch die von Leonard Cohen in Musik gesetzte Gedichte. Und sie sind von außergewöhnlicher Bildkraft und funkelnder Rätselhaftigkeit. Sein vielleicht bekanntestes Lied "Suzanne" von 1967, die melancholische Hymne einer Generation, enthielt den wundervollen Satz "She’s touched your perfect body with her mind".

Das war auch die große Kunst des Leonard Cohen: Dieser ungemein leise Sänger mit einer Stimme, die sich in samtweicher Dunkelheit in den Gedächtnissen festsetzte, war keiner, der über die Zuhörer herfiel. Ganz im Gegenteil: Seine Songs schlichen sich auf leisen Sohlen ins Gemüt - und wirkten dort lange nach. Er sang Sätze, die man nie vergisst - und die sich beim Immer-wieder-Memorieren immer neue Bedeutungsschichten zulegen. Und er blieb stets auf einem ganz hohen Sprach- und Bildniveau. Das war auch von den Achtziger Jahren an so, als Cohen die gemächlich gezupfte oder zart geschlagene Nylonsaiten-Gitarre gegen Drum-Beats und poppige Musikzutaten für den Background seiner Songs tauschte.

Unnachahmliche Ausdruckskraft

Cohens tiefe Stimme wurde dabei immer noch tiefer. Während "Suzanne" und andere Songs der Anfangszeit sich in eher normalen Basslagen aufhalten - etwa mit dem tiefen Gitarren-E als untere Grenze -, bewegte er sich bereits in den Achtzigern und bis zuletzt gern in der Oktave, die unter der tiefen Gitarrensaite lag. Bei "I’m your man" erreicht er das betreffende, ganz tiefe H. Auf ganz andere Art als Bob Dylan wurde Cohen damit zu einem Sänger, den man im Grunde nicht imitieren kann - zumindest nicht mit künstlerischer Ausdruckskraft.

Vielschichtigkeit und Bildkraft

Cohen war ein Pop-Poet des doppelten und dreifachen Bodens. Seine Lieder – ähnlich auch wie viele Meisterstücke von Bob Dylan – sind stets Kunstwerke, bei denen sich viele Schichten freilegen lassen. Über seinen Song „Dance me to the end of love“ schilderte er einmal, die Augenzeugenberichte von KZ-Überlebenden hätten ihn zu diesem Song inspiriert. Er habe davon gelesen, sagte Cohen, dass in einigen der Todeslager Streichquartette gezwungen wurden zu spielen, „während ihre Mitgefangenen ermordet und verbrannt wurden“. Daher kam Cohen auf eine Zeile, die zu seinen expressivsten und beklemmendsten zählt: „Dance me to your beauty with a burning violin“. Diese Zeile wird in der letzten Strophe wie folgt fortgeführt:: „Dance me through your panic till I'm gathered safely in, / Touch me with your naked hand and touch me with your glove,/ Dance me to the end of love.”

Songs wie seine gehörten nicht umsonst zu denen, die besonders oft von anderen nachgesungen oder instrumental nachgespielt wurden. „Hallelujah“ mit seiner hymnischen Melodie in getragenem Tempo und seinen Querverweisen aufs Alte Testament soll in rund 100 Versionen existieren; die reichen von Songwriter Rufus Wainwright bis hin zum Jazzgitarristen Manu Codjia. Auch „Bird on the wire“, eine von Cohens ganz großen Kennmelodien, enstanden 1968 zunächst in Griechenland und vollendet in einem Hotel in Hollywood, nahmen Interpreten wie Joe Cocker und Johnny Cash in ihr Repertoire auf. Und auch bei diesem Lied fesseln die melodische Einfachheit einerseits – die bei diesem Lied an das Muster eines langsamen Country-Songs angelehnt ist – und die Bildhaftigkeit der Sprache andererseits: „Like a bird on the wire/ Like a drunk in a midnight choir / I have treid in my way to be free.“ Der trunkene im mitternächtlichen Chor – was für ein Bild!

Die Vielschichtigkeit und die Bildkraft, verbunden mit einfachen, aber nie abgedroschenen Melodien, machen Songs von Cohen zu großen Klassikern. Songs, die gerade wegen ihres Spiels mit Bedeutungs-Ebenen, Assoziationen und ungewöhnlichem Wortklang so dankbar für viele andere Interpreten waren. Mit seinen subtilen Liedern beeinflusste er mehrere Generationen von Songwritern. Er schaffte es auch immer wieder, sein eigenes Publikum zu überraschen, etwa mit dem 1986 ursprünglich von Jennifer Warnes und zwei Jahre später von ihm selbst aufgenommenen Lied „First We Take Manhattan“, das weitergeht mit dem Halbsatz „then we take Berlin“. „Eine Reaktion auf Terrorismus“ sei das Lied, sagte Cohen einmal zur Erläuterung. Rätsel zu stellen mit einem schillernden Bedeutungsgefüge und dem Publikum Denknüsse zu geben: Das beherrschte dieser große Schlanke mit der Ader fürs Untergründige wie kaum einer. Und zwar bis zuletzt. Sein 2014 erschienenes Album „Popular Problems“ war voller musikalisch und textlich packender Songs, die man bereits bald zu den Cohen-Klassikern zählen konnte – etwa „Almost Like The Blues“ und „Slow“. Und auch das neue Album, dessen Resonanz Cohen nun, ähnlich wie der Anfang dieses Jahres gestorbene David Bowie bei seiner letzten Veröffentlichung, nicht mehr auskosten konnte, enthält Sätze und Melodien, die nachhallen. Eine Spezialität dieses am 21. September 1934 in Montreal geborenen Musikers, Dichters und Schriftstellers.

Großer Literat mit tiefem Grund

Als eleganter Sänger mit Hut und dunklem Anzug begeisterte Cohen in den letzten beiden Jahrzehnten seine Hörer: ein Zurückhaltender, der voller menschenfreundlichem Hintersinn steckte und immer etwas zu sagen hatte, das zu denken gab. Das wird man sehr vermissen. Aber seine Lieder, dieser diskret erscheinende und dennoch sehr hohe Berg voller poetischer Schönheiten, bleiben ein immenser Schatz zum Neu-Hören und Immer-wieder-neu-Entdecken. Er war ein großer Literat und eine Stimme mit ganz tiefem Grund.

    AV-Player