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Kritik - erste Premiere am Gärtnerplatztheater Lustige Witwe - ganz brav

Das frisch renovierte Münchner Gärtnerplatztheater feierte am Donnerstag seine Wiedereröffnung mit einem traditionsträchtigen Stück: Franz Lehárs "Lustige Witwe". Schon elf Mal hatte die Operette seit ihrer Uraufführung 1905 in diesem Haus Premiere - immer mit zugkräftigen Namen. 2017 führt der Intendant Josef E. Köpplinger Regie, die musikalische Leitung hat Anthony Bramall.

"Die lustige Witwe", Eröffnungspremiere am 19. Oktober 2017 - Live-Übertragung auf BR-KLASSIK  | Bildquelle: © Marie-Laure Briane

Bildquelle: © Marie-Laure Briane

Premiere am Münchner Gärtnerplatztheater

Franz Lehárs "Lustige Witwe"

Eigentlich ist die Operette ganz anders. Das ist mittlerweile auch schon wieder Konsens. Ganz anders: Nämlich gar nicht verstaubt, sondern erotisch, frivol, sozialkritisch, frech und anarchisch. Dass sie wirklich so inszeniert wird, dazu kommt es dann aber irgendwie doch nicht so oft. Josef E. Köpplinger, der Staatsintendant des Münchner Gärtnerplatztheaters, hat oft bewiesen, dass die Operette wirklich anders ist, anders sein kann. Und vor allen Dingen, dass sie Liebe verdient hat, aber auch Liebe braucht. Und so will er es in seiner ersten Inszenierung im wiedereröffneten Gärtnerplatztheater nicht übertreiben mit der Erotik, der Frivolität, der Sozialkritik, der Frechheit und der Anarchie. Diese Witwe ist eine anständige Frau, liebevoll und im Grunde gutmütig inszeniert.

Tod, Krieg und Cancan

"Die lustige Witwe", Eröffnungspremiere am 19. Oktober 2017 - Live-Übertragung auf BR-KLASSIK  | Bildquelle: © Marie-Laure Briane Bildquelle: © Marie-Laure Briane Auch für tieferen Sinn ist gesorgt. Denn Köpplinger bittet den Tod höchstpersönlich zum Tanz. Adam Cooper verkörpert ihn als stumme Rolle, glatzköpfig, cool, im langen schwarzen Soldatenmantel. Er ist der Spielmacher, fädelt die Liaisons ein, bringt die falschen und echten Gefühle auf die richtigen Wege und Abwege.

Wirklich düster ist diese Inszenierung aber nicht, denn ansonsten bedient Köpplinger gekonnt und durchaus konventionell das Genre. Es gibt nostalgische Fin-de-Siècle-Kulissen, fesche Offiziersuniformen, die unverwüstlichen Schwing-das-Bein-Choreographien und einen goldenen Bühnenrahmen mit Blinklichtern, der für wohligen Jahrmarktbudenzauber sorgt. Erst gegen Ende gönnt Köpplinger sich und uns ein bisschen Travestie. Dann verwandeln sich die Grisetten in bärtige Kerle, die im roten Kleid Cancan tanzen, eine angemessen umjubelte Einlage.

Den eigentlichen Trumpf hebt sich Köpplinger für den Schluss auf. Das Liebespaar liegt sich endlich in den Armen, da fällt ein Schuss. Die Nachricht vom Mord am österreichischen Thronfolger in Sarajewo wird verkündet, jeder weiß: Das bedeutet Krieg - Schweigen, Bühnennebel, fahles Licht, die Figuren verlassen langsam die Bühne, und der Tod, jetzt mit schwarzen Flügeln, nimmt Hannah Glawari in die Arme. Kein Schocker, sondern eine kluge Irritation, die beim von Musik befeuerten Applaus fast schon wieder vergessen ist.

Sehen Sie hier die Bilder der Inszenierung

Alles in allem ist diese Inszenierung geschickt gemacht: ein bisschen erotisch, ein kleines bisschen frivol und ein ganz kleines bisschen sozialkritisch. Die Richtung stimmt, aber da geht mehr, da muss schon noch mehr gehen. Nur Mut, die Operette ist ja eigentlich ganz anders.

"Die lustige Witwe", Eröffnungspremiere am 19. Oktober 2017 - Live-Übertragung auf BR-KLASSIK  | Bildquelle: © Marie-Laure Briane "Die lustige Witwe" am Gärtnerplatztheater München | Bildquelle: © Marie-Laure Briane

Musikalisch und darstellerisch hat’s dagegen rundum gestimmt. Camille Schnoor als Hanna Glawari hat eine tolle Ausstrahlung, spielt eher verhalten und singt betörend höhensicher. Daniel Prohaska gibt dem Grafen Danilo mit etwas metallischem Tenor jungenhaften Charme und große Bühnenpräsenz. Stimmlich ebenbürtig ist ihm sein tenoraler Nebenbuhler Lucian Krasznec als Camille de Rosillon. Extraapplaus verdient hat sich Sigrid Hauser als Njegus im beliebten Fach der doppelten Travestie: eine Frau, die einen Mann spielt, der eine Frau spielt. Wirklich exzellent ist die Leistung von Chef-Dirigent Anthony Bramall am Pult: Er lässt das hochkonzentrierte Gärtnerplatzorchester leuchten, ohne die Sänger zuzudecken. Bramall versteht sich auf Wiener Schmäh, und deshalb kippt Lehars unwiderstehliche Musik keine Sekunde lang Richtung Kitsch. Chapeau.

Sendung: "Allegro" am 20. Oktober 2017 ab 6.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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