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Zum Tod des Jazzpianisten Walter Lang Feingefühl an den Tasten

Er war ein Meister leiser, feiner Töne. Seinen Jazz kennzeichnete besonderes Fingerspitzengefühl. Von diversen eigenen Projekten, als Partner von Legenden wie Lee Konitz und aus Gruppen wie dem "Trio ELF" kannte man den Pianisten Walter Lang, der seit 1988 in München lebte. Jetzt wurde bekannt, dass er am Donnerstag einer schweren Krankheit erlegen ist. Walter Lang wurde 60 Jahre alt.

Pianist Walter Lang  | Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut

Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut

Ein leiser Musiker war er, einer auch, der nicht den Mittelpunkt einer Bühne anstrebte. Links an der Bühnenseite erlebte man ihn oft - vor allem weil an dieser Stelle meist der Konzertflügel steht. Da saß Walter Lang, konzentriert auf sein Spiel, wiegte ab und zu sacht die schulterlange Haarpracht, und war ganz Ruhepol im musikalischen Geschehen. Dieser Platz auf der Bühne, und diese Rolle, passte zu diesem Pianisten besonders gut.

Walter Lang wollte seine Zuhörer berühren

Er wollte andere nicht überstrahlen, sondern möglichst den anderen zum besseren Strahlen verhelfen – und wenn schon, dann mit ihnen gemeinsam im Rampenlicht stehen. Sein klarer, feiner, nie aufdringlicher Ton am Klavier war stets wie ein gemachtes Bett für die, die in einem Ensemble oder auch einer Big Band mit ihm spielten. Und war er selbst der Solist, dann suchte er nicht den Weg des Beeindruckens mit Geschwindigkeit und Power, sondern er wollte seine Zuhörerschaft berühren – mit klaren, manchmal hauchzarten Klängen, die eine innige Leuchtkraft entfalten konnten.

Beseelte Trio-Klänge und Dialoge

Pianist Walter Lang  | Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut Pianist Walter Lang | Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut Kein Wunder, dass seine Töne so gut zu denen des japanischen Schlagzeugers Shinya Fukumori passten, dessen Trio mit Walter Lang und dem Saxophonisten Mathieu Bordenave 2018 eine Sensation introvertierter Jazz-Schönheit war und das vielbeachtete Album "For 2 Akis" vorlegte (ECM). Doch auch zusammen mit dem jungen Münchner Gitarristen Philipp Schiepek, der in den letzten Jahren auf vielen Bühnen gefeiert wird, machte Walter Lang eine besonders beseelte Musik: Im Frühjahr 2021 erschien ihr Duo-Album "Cathedral" (ACT) mit hinreißend lyrischen Dialogen von akustischer Gitarre und Klavier, auf der auch einige sehr bewegende Eigenkompositionen Langs enthalten sind, wie etwa das melodiös-lakonische Stück "Estrela cadente", das genauso gut ein Song für eine Folk-Stimme sein könnte.

Zugleich arbeitete Walter Lang aber auch an Musik in ganz anderen Klang-Gewändern: Im Frühjahr 2021 erschien sein jüngstes Album "Fram" im 2005 gegründeten Trio ELF mit Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer und Bassist Sebastian Gieck, das Jazztrio-Musik mit Ambient- und Drum'n'Bass-Sound zusammenbrachte und dessen Ensemble-Name sich aus den Initialen der Nachnamen seiner Gründungs-Mitglieder zusammensetzte - vom ursprünglichen Bassisten Sven Faller stammt das F.

Staunen über die Bandbreite Walter Langs

Er war ein besonders Vielseitiger, stilisierte sich aber nie zu einem Tausendsassa. Wer im Internet oder im Archiv des Bayerischen Rundfunks Revue passieren lässt, welche Aufnahmen es mit diesem Pianisten gibt, staunt über die Bandbreite. Selbs, wenn man die Einspielungen eigentlich alle kennt, überrascht die Vielfalt. Da gibt es Konzertmitschnitte mit der in München lange Zeit sehr bedeutenden Big Band des amerikanischen Trompeters Al Porcino (1925-2013), der sich an der Isar niedergelassen hatte. Da gibt es Alben mit dem Saxophonisten Don Menza, dem Trompeter Dusko Goykovich, der Sängerin Jenny Evans.

VERSCHMITZTES LÄCHELN FÜR LEE KONITZ

Da gibt es BR-Aufnahmen mit dem Saxophonisten Lee Konitz (1927-2020), einem musikalischen Seiltänzer, der es besonders liebte, Musikstücke zu Herausforderungen für seine Mitspieler zu machen. Mit ihm spielte Walter Lang seit 1997 zusammen. Als sie 2005 im Duo beim Festival "Grenzenlos" in Murnau gastierten, hatte der Altsaxophonist Konitz zu dem Konzert ausgerechnet nur ein Sopransaxophon mitgebracht, weil das nicht so schwer zu tragen war -s und setzte sich dann in den Kopf, einige der Stücke in völlig entlegenen Tonarten zu spielen. Walter Lang war jemand, der so etwas mit stoischer Ruhe und verschmitztem Lächeln mittrug. Und im Konzert war nichts von den Hindernissen zu spüren.

Inspiriert von der Filmmusik Charlie Chaplins

Pianist Walter Lang  | Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut Walter Lang beim Bayerischen Jazzweekend in Regensburg. | Bildquelle: Bayerisches Jazzinstitut Walter Lang wurde 1961 in Schwäbisch Gmünd geboren. Musik war präsent in der Familie. Akkordeon und Klavier spielten schon der Großvater und der Vater. Lang studierte Klavier und Komposition am renommierten Berklee College in Boston und setzte seine Studien später in Amsterdam fort. In München spielte er dann zunächst im Quartett des Schlagzeugers Rick Hollander. Bald gründete er sein eigenes Trio und machte im Jahr 2000 ein Album, das er den Filmmusiken Charlie Chaplins widmete. Musik aus Streifen wie "Moderne Zeiten", "Goldrausch" oder auch "The Kid" spielte dieses Trio als feinsinnigen Kammerjazz, der die Stimmungen berückend einfing, ohne jedoch ins Süßliche abzurutschen. Das verhinderte Walter Lang auch durch seine intensive Auseinandersetzung mit Chaplin, der am 16. April 1889 geboren wurde.

Lang sagte damals in einem Interview: "Chaplin und Hitler sind nur vier Tage auseinander. Und beide haben wie vielleicht niemand sonst das 20. Jahrhundert geprägt - der eine im Positiven, der andere im Negativen." An den Chaplin-Stücken interessierte ihn nicht vorrangig das Nostalgische, sondern die Zeitgeschichte, in die sie eingebettet waren. Sein Trio, das er einfach nur "Walter Lang Trio" nannte, existierte bis in die jüngste Zeit weiter - zuletzt mit zwei schwedischen Kollegen als Partner: Thomas Markusson am Bass und Magnus Öström am Schlagzeug. Öström kennen viele Jazzfans aus seiner Zusammenarbeit mit dem Pianisten Esbjörn Svensson in dessen Trio "e.s.t.".

Walter Langs Fangemeinde reichte bis nach Japan

Walter Lang hatte nicht nur in Europa eine feste Hörerschaft, sondern auch darüber hinaus - besonders in Japan. Einige seiner Alben, etwa seine Beatles-Hommage "Across the Universe", erschienen bei einem japanischen Label. Die japanische Kultur faszinierte ihn und schien zum Beispiel in der Zusammenarbeit mit dem Taiko-Schlagzeuger Takuya Taniguchi auf - und auf seinem Album "Lotus Blossom", das bei dem Münchner Label Pirouet herauskam. An japanische Kalligraphie, die Kunst besonders feiner Striche und einer vollendet feinen Gesamt-Ästhetik, kann man sich erinnert fühlen, wenn man den wohlabgewogenen, niemals überbordenden und stets mit wachem Sinn fürs Ganze gesetzten Tönen dieses Pianisten lauscht. Viele bleibende Momente hat er hinterlassen - vielen Mitmusikern und Hörern weit über München hinaus wird er schmerzlich fehlen.

Sondersendung auf BR-Klassik: Jazztime am 28. Dezember 2021 ab 23.05 Uhr.

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