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Zum Tod des Saxophonisten Pharoah Sanders Der Masterplan zur Freiheit

Als junger Jazzer wurde er an der Seite von Legende John Coltrane bekannt und lebte den Jazz in seiner freien, schrankenlosen Form bis zu seinem Tod. Saxophonist Pharoah Sanders ist im Alter von 81 Jahren gestorben.

Saxophonist Pharoah Sanders bei seinem Konzert in Burghausen 1986 | Bildquelle: Gerhard Hübner

Bildquelle: Gerhard Hübner

Er steht im Gang und lächelt schüchtern. Im weißen Kaftan, mit weißem Fes-Hut, langem Kinnbart und sanften, aber neugierigen Augen. Vorsichtig schütteln wir die Hände, 2013 war das noch so. Dann stellt sich schon eine Mitarbeiterin des Jazzfests Berlin zwischen uns und führt ihn Richtung Bühne. Der Soundcheck steht an und Pharoah Sanders gibt keine Interviews, heißt es den Journalisten gegenüber. Er sah aber so aus, als hätte er gerne etwas erzählt, denn er hätte viel zu erzählen gehabt.

Ikone, Lichtgestalt und schüchterner Mensch

Pharoah Sanders bei einem Konzert im "Le Poisson Ruge" in New York am 5. Januar 2017 | Bildquelle: Eric Welles-Nystrom Pharoah Sanders bei einem Konzert im "Le Poisson Ruge" in New York am 5. Januar 2017 | Bildquelle: Eric Welles-Nystrom  Pharoah Sanders war eine Ikone des freien Jazz und eine Lichtgestalt der afroamerikanischen Musik allgemein. Ein Musiker mit einer außergewöhnlichen Aura und einem genauso persönlichen Instrumentalstil. Sein Saxophonklang pendelte zwischen bluesiger Rauheit, wärmender Zartheit und einem spirituellen Schreien: enorm ausdrucksstark, expressiv, aber auf eine, dem Wesen Pharoah Sanders entsprechend, in sich ruhende Art.

Geboren am 13. Oktober 1940 in Little Rock, Arkansas, wuchs Farrell Sanders in einem musikalischen Haushalt auf, seine Eltern arbeiteten als Musiklehrer. Von der Klarinette stieg er als Teenager auf das Tenorsaxophon um und fand dort seine musikalische Stimme. Der Blues, aber auch die frühen Saxophon-Helden des Bebop und Modern Jazz, wie Charlie Parker, Sonny Rollins oder James Moody waren seine Vorbilder. 

Vom Obdachlosen zum Avantgarde-Star

Wie viele andere versuchte er ab den frühen 60er Jahren in der New Yorker Jazzszene sein Glück als Profimusiker, zeitweise wohl erfolglos. Er soll sogar auf der Straße gelebt haben. Der Bandleader und Jazz-Guru Sun Ra half dem jungen Saxophonisten, holte ihn in seine Band und gab ihm den Spitznamen "Pharoah". 1964 hatte Sanders dann innerhalb der Szene schon so für Aufsehen gesorgt, dass Saxophonist John Coltrane auf ihn aufmerksam wurde und ihn in seine Band holte. 

An der Seite Coltranes spielte Pharoah Sanders im Juni 1965 bei den Aufnahmen des Albums "Ascencion" mit, einer komplett freien Gruppenimprovisation mit betörendem Sog. Auch trat Sanders wenige Monate später, im Oktober 1965 bei einem Konzert mit Coltranes bahnbrechendem Programm zum Album "A Love Supreme" auf. Diese Live-Aufnahme aus Seattle ist 2021 als Album erschienen, ein klangtechnisch nicht unbedingt brillantes, aber höchst intensives Erlebnis.

Nach Coltranes Tod arbeitete Sanders intensiv mit Harfenistin Alice Coltrane zusammen, der Witwe von John Coltrane. Ihre Musik spannte einen Bogen zwischen avantgardistischem Jazz und sphärischer Klangsuche, dazu passte Sanders Sinn für gebetsmühlenartige Melodien besonders gut.

Das offizielle Pressefoto von Pharoah Sanders aus der Zeit beim Label "Impulse!" | Bildquelle: IMPULSE Das offizielle Pressefoto von Pharoah Sanders aus der Zeit beim Label "Impulse!" | Bildquelle: IMPULSE Als Bandleader war Pharoah Sanders in dieser Zeit auch aktiv, für das Heimat-Label der Coltranes "Impulse!" entstand im Mai 1969 das Album "Karma". Das Cover zeigt Sanders im Lotussitz mit geschlossenen Augen meditierend. Das Hauptwerk des knapp 40-minütigen Albums ist "The Creator has a master plan" mit mehr als 32 Minuten. Den Text zu dieser trancehaften Hymne schrieb Sänger Leon Thomas, der dadurch auch in Hippie-Kreisen außerhalb des Jazz Berühmtheit erlangte. Eine Musik, die den Nerv der Zeit von "Peace and Happiness" traf und Sanders zu einer populären Figur machte. Das langangelegte Jam-Stück wurde später auch von Louis Armstrong und anderen gesungen und in jeweils viel kürzeren Versionen herausgebracht. Allerdings verliert das Werk ohne die wellenartigen Improvisationen des Saxophonisten und seiner Mitstreiter seinen frei pulsierenden und meditativen Reiz.

Das Label "Impulse!" blieb bis 1973 Sanders' musikalisches Zuhause und diese Jahre waren äußerst produktiv. Mit den unterschiedlichsten Musikerinnen und Musikern der freien Jazzszene arbeitete Sanders zusammen, blieb aber immer der eher zurückhaltende Typ und drängte nicht mit medienwirksamen Produktionen in den Vordergrund. Außerdem soll Sanders nach Ende der Zusammenarbeit mit "Impulse!" immer wieder Schwierigkeiten mit seinen Plattenlabels gehabt haben.

 Stargast auf Festivals weltweit

Ab den 80er Jahren war Pharoah Sanders mit unterschiedlichen Gruppen, häufig begleitet von Klavier, Bass und Schlagzeug, zu erleben, etwa bei Jazz Ost/West in Nürnberg oder bei der Internationalen Jazzwoche in Burghausen. 1986 im Burghauser Stadtsaal war er laut Schilderungen von Kollegen, die damals dabei waren, mit weißem Käppi und hüftlangem Schmucktalar zu erleben, sein Tenorsaxophon verströmte hymnische Wärme. Als bannender Prediger des modernen Jazz hinterließ er damals einen starken Eindruck trotz einiger etwas konventionell erscheinender Arrangements. Mit im Programm waren neben "The creator has a masterplan" auch John Coltranes lyrische Perle "Naima" und der Standard "My favorite things", den Sanders hier aber nicht wie einst Coltrane auf einem Sopransaxophon spielte, sondern auf dem Tenorsax. Er entfesselte gerade in diesem Stück zeitweise eine lodernde Ekstase.

Zu Festivals wie den österreichischen INNtönen oder dem Jazzfest Berlin wurde Sanders in den letzten Jahren als Stargast eingeladen. In Berlin war Sanders der Solist in einem von Pianist Joachim Kühn geleiteten Ensemble. Ein herausragender und besonders intensiver Moment des Konzerts war die Komposition "Pharoah", die Kühn dem Saxophonisten gewidmet hat. In der Jazztime zu Ehren von Pharoah Sanders auf BR-KLASSIK können Sie Passagen aus den Konzerten in Berlin, Nürnberg und Burghausen hören.

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Pharoah Sanders  - The creator has a master plan [Live] mp4 | Bildquelle: ipostsongs (via YouTube)

Pharoah Sanders - The creator has a master plan [Live] mp4

 Das Vermächtnis mit großes Orchester

Im Jahr 2021 gelang dem Saxophonisten, nach langer Zeit ohne Veröffentlichungen, ein großer Wurf zusammen mit dem London Symphony Orchestra. Der britische Produzent und Komponist Sam Shepard, der sich "Floating Points" nennt, hatte die Musik dazu komponiert und das Album produziert. Sanders hatte ein Werk von Shepard im Radio auf einer Autofahrt gehört und war fasziniert. Er nahm Kontakt zu dem Briten auf und im Sommer 2019 begannen die Aufnahmen. Das Orchester liefert bei der neunteiligen Suite "Promises" einen zarten Soundteppich über den Sanders frei improvisiert und sich von den Klängen des Orchesters tragen lässt. Teilweise pausiert das Saxophon aber auch über weite Strecken. Eine Musik, die aktuelle Ambient-Sounds, neue klassische Musik und freien Jazz äußerst organisch verbindet.
Dieses Album sollte Pharoah Sanders‘ Vermächtnis werden, ein würdiges und eines, das ihn als Musiker ohne Scheuklappen zeigt, aber auch als einen Künstler, der seinem Klang zeitlebens treugeblieben ist.
Am 24. September 2022 ist der Saxophonist in Los Angeles im Alter von 81. Jahren gestorben.

 Sendung: Jazztime am 26. September 2022 ab 23.05 Uhr auf BR-KLASSIK

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