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150 Jahre Sergej Rachmaninow Meister der Traurigkeit

Musik ist dann am schönsten, wenn ihre Gefühlstiefe mit bittersüßer Melancholie unterfüttert ist. Kaum ein anderer Komponist hat dies so eindringlich aufs Notenpapier gebracht wie Sergej Rachmaninow. Doch woher kam diese dunkle Grundstimmung?

Porträt Sergej Rachmaninow | Bildquelle: picture-alliance/dpa

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Wer beim Adagio der 2. Sinfonie oder der "Vocalise" nicht dahinschmilzt, hat ein Herz aus Stein. Kein Zweifel, Rachmaninow ist der Meister einer betörenden Traurigkeit. Fragt man nach dem Warum dieser Grundstimmung, lautet die Standard-Antwort: Der Mann ist Russe, Russen sind so. Das "Lechzen nach Leid" sei ein "wesentliches geistiges Bedürfnis des russischen Volkes", hat Dostojewski gesagt. Natürlich steckt in vielen Klischees ein Körnchen Wahrheit. Aber sollte man sich wirklich mit dieser Erklärung zufriedengeben?

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Daniil Trifonov – Rachmaninov: Vocalise, Op. 34 No. 14 (Extended Version, Arr. Trifonov) | Bildquelle: Deutsche Grammophon - DG (via YouTube)

Daniil Trifonov – Rachmaninov: Vocalise, Op. 34 No. 14 (Extended Version, Arr. Trifonov)

Ein Mann außerhalb der Zeit

Ein differenziertes Bild entwirft Leonard Liebling, ein New Yorker Musikkritiker, der mit Rachmaninow persönlichen Umgang hatte: "Rachmaninow kam nie über die Tragödie des Russlands hinweg, das er gekannt hatte. In ihm herrschte eine tiefe Melancholie, die sich in seinem Gesicht und besonders in seinen Augen zeigte. Er war ein Mann außerhalb der Zeit, ein seltenes Bindeglied zwischen der weichen romantischen Vergangenheit und dem harten Realismus von heute."

Als Mensch werde ich meinem Charakter nach niemals glücklich sein.
Sergej Rachmaninow

Rachmaninow mit seinen Cousinen in Iwanowka. - Photographie, 1897 | Bildquelle: picture-alliance / akg-images | akg-images Rachmaninow 1897 mit seinen Cousinen auf dem Landsitz in Iwanowka | Bildquelle: picture-alliance / akg-images | akg-images Liebling hat Recht: Rachmaninow litt am Verlust der Kultur des "alten", zaristischen Russlands. Und er litt an seiner Entwurzelung im amerikanischen Exil. Diese "Tragödie" ist jedoch nur die historische Kulisse für eine individuelle Disposition. Heute würden wir Rachmaninows Tristesse einen anderen Namen geben: Depression. "Als Mensch werde ich meinem Charakter nach niemals glücklich sein. Letzteres prophezeie ich mir, und ich prophezeie es in der nüchternen Überzeugung, dass es so eintreffen wird", schreibt der 20-jährige Rachmaninow.

Verlustängste als ständiger Begleiter Rachmaninows

Es ist eine psychologische Binsenweisheit: In der Kindheit wird der seelische Rucksack fürs Leben gepackt. Wie uns unser Unterbewusstsein steuert, wird oft von Kindheitserlebnissen geprägt. Rachmaninow ist noch keine zehn Jahre alt, als seine heile Familienwelt zerbricht. Von da an sind Verlustängste und die Sehnsucht nach Geborgenheit seine ständigen Begleiter. Zunächst sieht alles jedoch rosig aus: Rachmaninow, der am 1. April 1873 geboren wird, ist aristokratischer Herkunft. Es gibt diverse Landgüter, Bedienstete, der kleine Sergej erhält sogar eine "persönliche" Klavierlehrerin. Eine Absolventin des St. Petersburger Konservatoriums. Nur das Beste ist gut genug.

Rachmaninow in Iwanowka. - Photographie, 1897 | Bildquelle: picture-alliance / akg-images | akg-images Rachmaninow in Iwanowka, 1897 | Bildquelle: picture-alliance / akg-images | akg-images Trotz dieses luxuriösen Scheins steckt der russische Adel in der Krise. Auslöser ist die Abschaffung der Leibeigenschaft und damit das Ende eines ausbeuterischen Systems, das einer feudalen Elite lange einen sorglosen Wohlstand garantiert hat. Wie viele Adlige ist Rachmaninows Vater nicht bereit, sich den ökonomischen Herausforderungen zu stellen. Sein Missmanagement hat fatale Folgen. Die Familie stürzt in den Ruin.

Familiäre Probleme und eine künstlerische Krise

In dieser prekären Situation trennen sich Sergejs Eltern, wenige Jahre später stirbt eine seiner Schwestern, hilflos erlebt das Kind den Verlust von wirtschaftlicher Sicherheit und sozialer Verlässlichkeit. Es sind traumatisierende, seine Sicht der Dinge prägende Erfahrungen. Viele Künstler:innen bewältigen seelische Turbulenzen mit Kreativität, Rachmaninow fällt in Depression. Das bekannteste Beispiel ist das Debakel um seine Erste Symphonie.

Rachmaninow als Absolvent des Moskauer Konservatoriums (links) mit seinem Lehrer Anton Arenskij (2.v.l.), Georgij Konjus und Nikita Morosow | Bildquelle: picture alliance / akg-images | akg-images Bildquelle: picture alliance / akg-images | akg-images Das war im Jahr 1897, Rachmaninow ist 24 und hat die harte Schule des Moskauer Konservatoriums mit Glanz und Gloria durchlaufen. Er gilt als begabtester Komponist seiner Generation. Selbstbewusst stellt er sich mit seiner Ersten ins Rampenlicht. Ihre Premiere gerät jedoch zum Desaster. Die Kritiken sind hämisch und vernichtend. Sergej Rachmaninow verliert sein psychisches Gleichgewicht. Er zieht sich zurück, leidet an Panikattacken, betäubt sich mit Alkohol. Drei Jahre lang sieht er sich außer Stande zu komponieren. "Lässt sich seelischer Schmerz heilen?", fragt der Verzweifelte.

Dank Hypnose-Therapie kann Rachmaninow wieder komponieren

Dann sucht Rachmaninow ärztliche Hilfe. Der Neurologe Nikolaj Dahl behandelt ihn mit einer Hypnose-Therapie. Rachmaninow beginnt sich zu regenerieren und verfasst seine wohl bekannteste Komposition, das zweites Klavierkonzert. Dessen Popularität bringt Rachmaninow zurück auf die Erfolgsspur. Russlands Kultur-High-Society bewundert die technische Brillanz seiner Klavierwerke, erliegt dem Charisma seiner Orchesterklänge.

Sergej Rachmaninow auf BR-KLASSIK

Am 1. April wäre Sergej Rachmaninow 150 Jahre alt geworden. BR-KLASSIK widmet dem Komponisten zu diesem Anlass zahlreiche Sondersendungen. Unter anderem porträtiert ein Musik-Feature den Komponisten "Ein Meter achtzig Verdrießlichkeit", außerdem sendet BR-KLASSIK ausgewählte Aufnahmen in Cantabile, On stage, sowie mit dem Symphonieorchester und dem Chor des Bayerischen Rundfunks. Außerdem gibt es Rachmaninow auch im BR Fernsehen zu erleben, bei ARD Klassik und 3sat.

Man feiert ihn als "Franz Liszt mit russischer Seele". Dennoch ist Rachmaninow nicht unumstritten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Musik längst in die Moderne aufgebrochen, Rachmaninow dagegen verweilt in einer romantischen Vergangenheit. Das Wort vom "Spießbürgerkomponisten" macht die Runde. Rachmaninow ist verletzt. Er überlegt, "das Komponieren völlig aufzugeben".

1917 verlässt Rachmaninow Russland für immer

"Balsam" für seine "seelischen Wunden" ist die Ehe mit seiner Cousine Natalja Satina. Hier findet er die Stabilität, nach der er so lange gesucht hat. "In der Familie zu leben, die er von Jugend an verloren hatte, war für ihn eine Lebensnotwendigkeit", schreibt eine Freundin der Rachmaninows. Doch im Jahr 1917 erlebt der melancholische Maestro einen weiteren, für ihn existentiellen Verlust: den seiner Heimat. Nach der Oktoberrevolution fühlt sich Rachmaninow bedroht und steigt in Moskau in den Zug. Er wird Russland nie mehr wiedersehen.

Der "traurige Russe" Rachmaninow avanciert zum All-American-Star

Sergej Rachmaninow, Aufnahme vom 01.01.1940 | Bildquelle: picture alliance / World History Archive Erfolg in Amerika hat Rachmaninow als Starpianist - Aufnahme von 1940 | Bildquelle: picture alliance / World History Archive Im New Yorker Exil startet Rachmaninow eine Karriere als Klaviervirtuose. Beflügelt von neuen Massenmedien wie Rundfunk und Schallplatte steigt er auf zum bestbezahlten Pianisten der Zeit. Im transatlantischen Wirtschaftswunderland ist klassische Musik ein Segment der Unterhaltungsindustrie, und das Image vom "traurigen Russen" lässt sich blendend vermarkten. Um 1930 liegt das Jahreseinkommen einer US-Durchschnittsfamilie bei 3000 Dollar, Rachmaninow verdient 45-mal so viel.

Sein Erfolg macht den Schwermütigen zu einem All-American-Star, ein Amerikaner wird er jedoch nie. Es ist bemerkenswert, dass Rachmaninow zwischen 1918 und seinem Tod im Jahr 1943 fast nichts mehr komponiert. Sein Werkverzeichnis enthält für diese Zeitspanne gerade sechs Nummern. Man könnte es in diesem Fall so sagen: Klavierspielen verdrängt Depressionen, Komponieren verstärkt sie. Oder in Rachmaninows Worten: "Der Vertriebene ist seiner musikalischen Wurzeln beraubt und deshalb ohne Neigung, seiner Persönlichkeit künstlerischen Ausdruck zu geben. Was bleibt, ist nur der Trost unauslöschlicher Erinnerung." 

Kommentare (1)

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Samstag, 01.April, 11:24 Uhr

Dr. Rüdiger Herpich

Rachmaninow zum 150.

An der Beschreibung ist viel Wahres dran, aber letztendlich überbetont. Dreh-und Angelpunkt ist durchaus die negative Familienerfahrung in der Kindheit (für Russen/Slawen ist die Familie alles) und dann noch der Heimatverlust. Persönlich war er temperamentvoll, fürsorglich, humorvoll, konnte hervorragend mit Geld umgehen (von der Mama geerbt, welcher andere Künstler hatte so eine Gabe !?) und sich vermarkten. "Übrig" geblieben von ihm sind "nur" seine Werke, in denen er eben sein Innerstes, Intimstes, seine Sehnsüchte offenbart. Ein chronisch depressiver Rachmaninow hätte es - gerade auch nach 1917 nie zu solch' einem Erfolg gebracht!

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