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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 1. September 2022

"Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen Die Kritik zur Eröffnungspremiere

Aktueller geht’s kaum. Der neue Bayreuther "Parsifal" spielt im Auge des Sturms. Irgendwo im Grenzgebiet zwischen Nordirak und Syrien, dort, wo Euphrat und Tigris fließen, wo die Wiege unserer Kultur stand, wo jetzt islamistische Kämpfer tagtäglich im Namen einer pervertierten Religion grausame Dinge tun, ausgerechnet dort steht ein christliches Kloster. Die Mönche, genauer gesagt: die Gralsritter, können hier offenbar nur dank dem Schutz von Soldaten ausharren. Einschusslöcher in der Kirchenkuppel erzählen vom Krieg.

Szenenbilder Wagners "Parsifal", Inszenierung Bayreuther Festspiele 2016 | Bildquelle: Enrico Nawrath

Bildquelle: Enrico Nawrath

Premierenkritik

Der neue "Parsifal" in Bayreuth

Bei der großen Verwandlungsmusik im ersten Akt wird ein Video eingespielt. Wie bei Google Earth entfernt sich die Kamera aus der Vogelperspektive vom Ort des Geschehens. Man sieht das Kirchendach von oben, die Wüste drumrum, von Ruß geschwärzt, das Zweistromland, den Nahen Osten, die Erdkugel, das Sonnensystem, die Galaxis mit vorbeisausenden Planeten. Anschließend zoomen wir uns wieder heran - vom Weltall immer näher bis zum Altar, auf dem Amfortas die Enthüllung des Grals vorbereitet. Wie der leidende Christus steht er da, mit Dornenkrone, Lendenschurz und Wundmalen. Einer der Mönche sticht in die Wunde in seiner Seite, das Blut wird aufgefangen und als gruseliges Abendmahl an die Mönche ausgeschenkt. Das Christentum, so schlicht ist das wohl zu verstehen, macht Menschen leiden.

Platte Symbolik

Der Islam, so zeigt der zweite Akt, ist auch nicht besser. Die Blumenmädchen in Klingsors Zaubergarten bevölkern ein türkisches Dampfbad, erst vollverschleiert, dann im freizügigen Bikini-Dress. Für solche Bauchtanz-Erotik aus dem Bilderbuch der europäischen Orientklischees haben die realen Islamisten zwar rein gar nichts übrig, aber stimmig ist ohnehin wenig in dieser Inszenierung. Das Thema Kampf der Religionen wird nur angetippt. Dafür wird umso mehr herumgestanden.

Ringelreihen zwischen Blumen

Die Lösung aus dem ganzen Schlamassel zeigt der dritte Akt: zurück zur Natur. Dicke Aloe-Vera-Blätter wachsen durchs Klostergemäuer. Beim Karfreitagszauber fällt sogar Regen in der Wüste, dazu tanzen junge nackte Frauen zwischen Riesenblumen fröhlich Ringelreihen. Eigentlich könnte doch alles so schön sein! Wir könnten Frieden haben. Wir könnten Freude haben. Wir müssten dazu nur alle religiösen Symbole, christliche, jüdische und islamische, in Titurels Sarg entsorgen. Schon würden sich die Menschen vertragen. Leider ist weder die Wirklichkeit noch Wagners "Parsifal" so einfach gestrickt. Regisseur Uwe Eric Laufenberg will ein großes Rad drehen. Er inszeniert das Stück als Gleichnis auf das Gewaltpotential der Religionen, als Plädoyer für die Befreiung aus den Fesseln des Dogmas. Das ist gut gemeint, handwerklich schwach umgesetzt, oft langweilig und leider auch nicht frei von Kitsch.

Musikalisch überzeugend

Umso mehr überzeugt die musikalische Seite. Der helle Tenor von Klaus Florian Vogt hat an Körperlichkeit und Wärme gewonnen. Mühelos und kraftvoll klingt dieser wunderbar strahlkräftige Parsifal - eine tolle Leistung! Eine sehr große, warme Stimme hat Elena Pankratova in der Rolle der Kundry. Ihre eindrucksvollen Spitzentöne schleudert sie mit gezielter Wucht in den Zuschauerraum, findet aber auch im piano zu differenzierter Gestaltung. Nicht ganz auf dieser Höhe bewegt sich Ryan McKinny als zuverlässiger, aber etwas gaumig klingender Amfortas. Grandios dagegen Georg Zeppenfeld als Gurnemanz. Als geborener Erzähler meistert er die langen Monologe mit fesselnder Präsenz. Jedes Wort ist verständlich, die Stimme mit sattem Bassfundament ist stets fokussiert und klar.

Dirigent Hartmut Haenchen, der für den wundersam verschwundenen Andris Nelsons einsprang, meinte vor der Premiere bescheiden, er wolle wenigstens versuchen, diesem "Parsifal" in den wenigen verbleibenden Proben seine Handschrift zu geben. Das ist ihm höchst überzeugend gelungen. Pulsierende Tempi halten den breiten Strom der Musik wie durch natürliches Gefälle immer im Fluss. Stehende Gewässer und düster wabernde Klangnebel gibt es hier nicht. Die musikalischen Bögen gliedern sich, die Melodien sprechen: Dieser Wagner atmet. Hartmut Haenchen hat sich größten Respekt verdient. Und der neue Bayreuther "Parsifal" ist wirklich rundum - hörenswert.

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