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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2017

Bayreuther Festspiele - Meistersinger-Dirigent Philippe Jordan "Barrie weiß genau, was er will"

Der Orchestergraben von Bayreuth ist sagenumwoben - Philippe Jordan stand schon öfters darin. Zum ersten Mal dirigiert er aber jetzt mit den "Meistersingern" am 25. Juli eine Eröffnungspremiere. Für jeden Rat ist er offen - auch, wenn er von einem berühmten Kollegen kommt.

Der Dirigent Philippe Jordan | Bildquelle: picture alliance/chromorange

Bildquelle: picture alliance/chromorange

Interview mit Philippe Jordan anhören

BR-KLASSIK: Philippe Jordan, Sie kennen den Bayreuther Graben. Vor fünf Jahren haben Sie hier erstmals dirigiert - die "Parsifal"-Inszenierung von Stefan Herheim. Mit welchen Erfahrungen konnten Sie in den "Meistersinger"-Probenprozess einsteigen?

Philippe Jordan: Ich muss ganz klar sagen: Ich könnte die "Meistersinger" hier nicht dirigieren, wenn ich nicht die Erfahrung mit "Parsifal" gemacht hätte. Der Orchestergraben irritiert erst einmal. Das war bei "Parsifal" natürlich auch schon so, aber das Stück ist ja für das Haus komponiert worden. Mit "Parsifal" kann man schon Erfahrungen sammeln - man weiß ungefähr, wie es im Festspielhaus klingt und wie viel man von den Sängern hört. Die "Meistersinger" sind das denkbar schwierigste Stück für diese Akustik und dieses Haus, weil die Oper vom Klang und vom Stil her nicht für diesen mystischen Graben geschrieben wurde. Hier haben wir ja Handwerks-, Barock- und Spieloper-Musik - in einer Leichtigkeit, die sehr eng mit dem Text zusammengeht. Da muss man sich ganz anders darauf einstellen.

Ich könnte die Meistersinger hier nicht dirigieren, wenn ich nicht die Erfahrung mit 'Parsifal' gemacht hätte.
Philippe Jordan

BR-KLASSIK: Sie dirigieren jetzt die Eröffnungspremiere. Was bedeutet Ihnen das?

Philippe Jordan: Das Tolle an einer Eröffnungspremiere ist, dass man das Stück ganz neu erarbeitet. Regisseur Barrie Kosky und ich haben uns vor drei Jahren getroffen und lange über das Stück gesprochen - über die Tücken des Werks, über die Schwierigkeiten in diesem Haus und darüber, wie man es realisiert. Man sucht die Besetzung gemeinsam mit der Festspielleitung aus, bespricht sich und hat einen Probenprozess von sechs Wochen, wo man viel einbringen kann - im Gegensatz zu einer Wiederaufnahme. Als ich bei "Parsifal" eingestiegen bin, war das eine laufende Produktion, die gut funktioniert hat. Das kann man mit einer eigenen Farbe bedienen, aber letztendlich läuft der Laden. Hier, bei den "Meistersingern", gestaltet man den Prozess mit und ist als Urheber viel mehr eingebunden.

Sehr gutes Verhältnis zu Christian Thielemann

BR-KLASSIK: Wie erging es Ihnen konkret mit dem Orchestergraben? Inwieweit haben Sie sich Rat geholt bei Musikdirektor Christian Thielemann oder bei Assistenten und anderen Dirigentenkollegen, die hier arbeiten?

Der Dirigent Philippe Jordan | Bildquelle: © Francois Leclercq Bildquelle: © Francois Leclercq Philippe Jordan: Alle, die Sie genannt haben, spielen eine Rolle. Ich setze mich natürlich auch oft in die Proben der Kollegen, damit ich höre, wie es im Saal klingt. Man muss dauernd mitdenken: Das, was ich jetzt höre, klingt im Saal wahrscheinlich so. Man hat hervorragende Assistenten, die das Haus und die Tücken gut kennen und die wissen, was es braucht - auch für die Sänger auf der Bühne. Der Klang ist auch abhängig vom Bühnenbild. Durch diesen Deckel im Orchestergraben wird der Klang auf die Bühne projiziert - und eine leere Bühne gibt den Orchesterklang ganz anders in den Saal zurück als ein geschlossener Raum. Bei den "Meistersingern" ist das Bühnenbild von Akt zu Akt anders, da muss man sich jedes Mal anders einstellen. Unser fantastischer Chordirektor Eberhard Friedrich ist ein sehr wichtiger Ratgeber. Ich spreche auch mit den anderen Kollegen und natürlich auch mit Christian Thielemann, mit dem ich seit Anfang an ein sehr sehr gutes Verhältnis habe. Wir verstehen uns sehr gut und er ist auch bereit, Rat zu geben, den ich natürlich dankbar annehme.

Die beste deutsche Komödie, die je geschrieben wurde.

BR-KLASSIK: Inwiefern verstehen Sie die "Meistersinger" als "komische Oper"?

Philippe Jordan: Die "Meistersinger" ist die beste deutsche Komödie, die je geschrieben wurde. Punkt. Nicht nur bezogen auf die Oper, sondern überhaupt. Der Text ist fantastisch, obwohl man diesen ja manchmal in den Wagner-Opern belächelt, etwa die Stabreime im "Ring", wo man sagt: Das funktioniert eigentlich nur mit der Musik. Ich glaube, die "Meistersinger" könnte man auch gut lesen. Der Text ist auf der Höhe vom "Zerbrochenen Krug" oder von "Minna von Barnhelm" - wirklich große deutsche Komödie. Wie auch bei "Falstaff" von Verdi, bei Kleist und bei Shakespeare hat große Komödie auch Tiefe, was bei den "Meistersingern" auch der Fall ist.

"Die Meistersinger von Nürnberg" auf BR-KLASSIK

Hans Sachs: Michael Volle
Walther von Stolzing: Klaus Florian Vogt
Sixtus Beckmesser: Johannes Martin Kränzle
Veit Pogner: Günther Groissböck
und weitere

Inszenierung: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: Philippe Jordan
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

BR-KLASSIK überträgt die Eröffnungspremiere am 25. Juli 2017 live aus dem Bayreuther Festspielhaus - im Radio ab 15.57 Uhr und im Video-Stream ab 16.00 Uhr.

Seltene Flexibilität

BR-KLASSIK: Wie läuft die Zusammenarbeit mit Barrie Kosky und dem Produktionsteam?

Philippe Jordan: Ich darf sagen: Das ist seit langem ein erfreuliches Erlebnis. Als Operndirigent hat man nicht immer Lust, in jede szenische Probe zu gehen, weil da viel gestellt ist und viel abgebrochen wird. Das Orchester ist da auch nicht dabei. Mir war klar: In meinem ersten Bayreuth-Jahr muss ich dabei sein, gerade bei diesem Stück, weil musikalisch sehr viel davon abhängt, wie es oben läuft. Es sind so wunderbare Proben, weil Barrie genau weiß, was er will. Er hat Sinn für Theater und beherrscht sein Metier - mit viel Humor, viel Lockerheit und mit viel Witz. Ich gehe jeden Morgen um zehn Uhr mit einer Freude in die Probe. Barrie ist aber auch flexibel, was sehr selten ist. Er hat ein Konzept - und trotzdem, wenn etwas nicht funktioniert und ich ihn bitte, etwas zu ändern, kann er sofort etwas aus dem Hut zaubern. Er hat eine interessante Ästhetik - etwas verrückt, aber das braucht das Stück und es schaut gut aus. Er kann mit dem Chor gut umgehen und er ist einfach ein wunderbarer Kollege. Das passiert einem nicht jeden Tag - das ist schon etwas sehr besonderes.

BR-KLASSIK: Inwiefern spielt für Sie die Rezeptionsgeschichte der "Meistersinger" eine Rolle? Und die Tatsache, dass das Werk im Nationalsozialismus zum obligatorischen Festspiel der Reichsparteitage wurde?

Der Dirigent Philippe Jordan | Bildquelle: © Johannes Ifkovits Bildquelle: © Johannes Ifkovits Philippe Jordan: Naja, man kann das nicht ganz ignorieren. Ein Stück ist ja nicht nur die Partitur - es hat ja auch ein Leben, etwa über die Interpretation. Als Schweizer bin ich da weniger belastet und ich sehe persönlich weniger ein Problem darin als vielleicht andere - aber man muss sich dessen bewusst sein. Ich benenne die zwei wichtigsten Punkte: Die Ouvertüre zu Beginn und der Sachs-Monolog am Ende. Für mich ist es sehr wichtig zu betonen, dass der Anfang der Ouvertüre nur forte gespielt wird - und Wagner schreibt dazu auch noch: "sehr gehalten". Also sie soll nicht marcato, sondern eher melodisch gespielt werden - auch nicht laut. Zum Tempo steht in der Partitur: "sehr mäßig bewegt" - die meisten lesen "sehr mäßig", aber nicht "bewegt". Dass heißt, es soll auch ein Fluss hineinkommen. Wagner hat die Ouvertüre, als er sie selbst dirigiert hat, in acht Minuten geschafft. Diese Behauptung, dass die Ouvertüre nationalistisch klinge, finde ich völlig falsch. Es ist eine Aufforderung und eine Einladung zu einer Komödie, zu einem wunderschönen Abend. Kommt, habt Spaß - das sagt mir der Anfang. Und genauso ist es am Ende beim Meister-Monolog. Ich meine, diese Musik ist zu groß, als dass sie nur auf eine Art verstanden werden kann.

Philippe Jordan - Stationen

- 1974 geboren in Zürich
- Studium Klavier, Musiktheorie und Komposition
- 1994-1998 Theater Ulm (erst Korrepetitor und Assistent, ab 1996 Erster Kapellmeister)
- 1998-2001 Assistent von Daniel Barenboim in Berlin
- 2001-2004 Chefdirigent des Grazer Opernhauses
- 2006-2010 Erster Gastdirigent an der Berliner Staatsoper Unter den Linden
- seit 2009/10 Musikalischer Direktor der Opéra National de Paris
- 2012 Bayreuth-Debüt mit "Parsifal" (Inszenierung von Stefan Herheim)
- seit 2014 Chefdirigent der Wiener Symphoniker

Das Gespräch führte Meret Forster für BR-KLASSIK. Es wurde für die Lesefassung gekürzt und an die Schriftsprache angepasst.

Sendung: Pausenzeichen, 25. Juli 2017 15.57 Uhr auf BR-KLASSIK.

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