BR-KLASSIK

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Bayreuther Festspiele

25. Juli - 1. September 2022

Premierenkritik aus Bayreuth Der "Ratten-Lohengrin"

Die "Lohengrin-Ratten" haben inzwischen Kult-Charakter. Ihr Auftritt ist berühmt. Und die Oper selbst, inszeniert von Hans Neuenfels, ist die derzeit beliebteste Produktion bei den Bayreuther Festspielen. Am Sonntag feierte "Lohengrin" auf dem grünen Hügel Premiere.

Als "der Ratten-Lohengrin" wird diese Inszenierung in die Annalen der Bayreuther Festspiele eingehen. Dabei geht es gar nicht um Ratten, sondern um uns. Um unsere Sehnsucht nach bedingungsloser Liebe – eine Utopie, an der der hoffnungslose Idealist Lohengrin scheitert. Um die vergebliche Suche nach dem Glück, um den Kampf der Geschlechter, das ewige Hin und Her zwischen Anziehung und Abstoßung. Und, ja, auch um uns Menschen als verunsicherte Herdentiere, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, die nach Halt, nach einer Leitfigur suchen – eben wie bemitleidenswerte Laborratten.

Schlicht und übersichtlich

Der "Ratten-Lohengrin" ist in den vergangenen Jahren vom Skandalstück zum kultigen Klassiker mutiert. Kein Wunder: Hans Neuenfels provoziert nicht, vielmehr trägt seine Inszenierung tatsächlich klassische Züge. Das beginnt schon bei Reinhard von der Thannens Bühnenbild mit seinen klaren geometrischen Formen, dem schlichten Laborweiß, den übersichtlichen Requisiten. Das setzt sich fort in der Choreographie des Ratten-Chors, dessen possierliches Trippeln das schwer erträgliche Säbelrasseln mancher Texte augenzwinkernd unterläuft. Immer wird irgendwo gezappelt, gekratzt, herumgetapst, aber so wohldosiert, dass die Massenszenen weder in Statik erstarren noch in Aktionismus abrutschen. Und schließlich gipfelt Neuenfels‘ handwerkliche Souveränität in der sorgfältigen Personenregie, bei der die Charaktere bis in die Bewegungsabläufe hinein aus der Partitur entwickelt werden.

Klaus Florian Vogt - Lohengrin des Jahrzehnts

Wenn die Wiederaufnahme dieses Klassikers mit fast 20 Minuten Standing Ovations gefeiert wurde, lag das aber vor allem an den Sängern. Lediglich Jukka Rasilainen blieb als Graf Telramund ein bisschen steif und hatte hörbar mit Artikulationsproblemen zu kämpfen. Ansonsten aber untermauerte Bayreuth seinen Anspruch als Mekka der Wagner-Stimmen: von Samuel Youn als stimmgewaltigem, souveränen Heerrufer über Wilhelm Schwinghammer als schreckhaftem König mit kraftvollem Bass bis zu Annette Dasch als Elsa, die zu Beginn noch ein wenig kühl wirkte, im Lauf des Abends aber zunehmend mit leidenschaftlicher Leuchtkraft strahlte. Zum packenden Ereignis freilich wurde der Abend vor allem durch zwei Darsteller, die als heimliche Gegenpole fungierten: hier Petra Lang als heimtückische Ortrud, brodelnd, glühend, von Emotionen zerrissen; dort Klaus Florian Vogt, vielleicht der Lohengrin des Jahrzehnts - gleißend im Forte; ätherisch, jenseitig schillernd im Pianissimo.

Neue Stimm-Entdeckung

Auch den Debütanten des Abends kann man ein paar Minuten lang sehen. Dann nämlich spiegelt sich Alain Altinoglu, eigentlich im mystischen Abgrund des Orchestergrabens verborgen, in einer Glasscheibe auf der Bühne und lässt unbeabsichtigt beobachten, wie hochkonzentriert, engagiert und gestenreich er das Festspielorchester leitet. So klingt sein Dirigat auch: zügig, spannungsreich, mit Gespür für dramatische Steigerungen und dabei doch stets durchsichtig. An der einen oder anderen Stelle hätte er dem Geheimnis, dem Mystischen vielleicht noch ein bisschen Raum zur Entfaltung geben können. Den Namen Altinoglu sollte man sich jedenfalls merken; wer weiß, vielleicht schreibt auch er eines Tages Festspielgeschichte wie Hans Neuenfels mit seinen Ratten.

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