BR-KLASSIK

Inhalt

Bayreuther Festspiele

25. Juli - 28. August 2018

Kritik - "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen Ein bläuliches Technomärchen

Lohengrin im Overall – als Held der Arbeit, mitten in der surrealen Bildwelt der industriellen Moderne. So sah es aus auf der Bühne bei der Premiere von Wagners "Lohengrin" auf dem Grünen Hügel. Mit großen Namen wie Piotr Beczala, Anja Harteros, Waltraud Meier starteten die Bayreuther Festspiele – musikalisch hoch inspiriert, doch szenisch eher lauwarm. Eine Kritik.

Szenenbild der Wagner Oper "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen 2018 | Bildquelle: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Bildquelle: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath

Die Kritik zum Anhören

Im Trafohäuschen steigt die Temperatur. Die Hochspannungsdrähte glühen, die riesigen Isolatoren laufen heiß. In der bildgewaltigen Bühnenausstattung von Maler-Star Neo Rauch ist das Brautgemach ein orangeroter Hotspot in einem Meer von kaltem Blau. Düstere Wolken ballen sich dramatisch am gigantischen Rundhorizont. Blau sind auch die Kostüme. Wobei sich die Zeiten surreal überlagern. Umspannwerk und Strommasten erzählen von der entfesselten Energie der industriellen Moderne. Die Kostüme wirken dagegen wie ein verrutschter Rembrandt: Holländer aus dem 17. Jahrhundert bevölkern das Bühnenrund, als wären sie von Delfter Kacheln heruntergepurzelt. Durch die Luft schwirren können sie auch, schließlich tragen viele von ihnen Insektenflügel. Nur Lohengrin ist fremd in dieser altniederländischen Mottenwelt, er erinnert in seinem Overall eher an einen Helden der Arbeit, wie er im Sozialistischen Realismus gern gezeigt wurde: eine Art Zauberingenieur, bewaffnet mit riesigem Silberblitz.

Sehen Sie hier die Bilder der Produktion

Lohengrin als dekonstruierter Held der Arbeit

Wagner "Lohengrin", Bayreuther Festspiele 2018 | Bildquelle: Enrico Nawrath Anja Harteros (Elsa von Brabant), Piotr Beczala (Lohengrin) | Bildquelle: Enrico Nawrath

Die Bilder von Neo Rauch zeigen oft mutige Männer, die große Maschinen steuern und technische Kräfte entfesseln, und verfremden sie zugleich: mit schiefen Perspektiven, Collagen und Brüchen. Als Metaphern-Reservoire geben Rauchs Bilder durchaus was her: Lohengrin, der gescheiterte Charismatiker, als dekonstruierter Held der Arbeit; die Elektrizität als gefährliche Kraftquelle – warum nicht, da hätte man doch was draus machen können. Wenn man denn vor starken Bildern auch starkes Theater gespielt hätte. Leider setzt Regisseur Yuval Sharon auf statische Chormassen, gemessenes Schreiten und hausbackene Gesten. Ein Hauch der 80er liegt in der Bühnenluft und legt sich wie Mehltau auf die Inszenierung. Die Brautjungfern schreiten minutenlang artig nach vorn und werfen Blüten, paarweise, fad und symmetrisch wie zu Wolfgang Wagners Zeiten. Wenn es gefährlich wird, hebt der Chor kollektiv die Hände – oh weh, oh weh. Und während sich abgründige Dialoge zwischen Ortrud und Elsa abspielen, sieht man kaum was im Halbdunkel – von einer Personenführung, die auch in hellerem Licht wenig zeigen würde von dem, was die Figuren antreibt. Immerhin feiert ganz am Schluss noch das grasgrüne DDR-Ampelmännchen sein längst fälliges Bayreuth-Debüt. Damit sorgt es zumindest für einen weiteren Farbkontrast in einer apart ausgestatteten, aber szenisch und inhaltlich enttäuschenden Regiearbeit.

Thielemanns kalkulierte Rauschzustände und präzise Zauberei

Wagner "Lohengrin", Bayreuther Festspiele 2018 | Bildquelle: Enrico Nawrath Szene aus "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen 2018 | Bildquelle: Enrico Nawrath

Während die Energie auf der Bühne im Trafohäuschen stecken bleibt, jagt Musikdirektor Christian Thielemann Hochspannungs-Blitze durchs Festspielhaus. Er lockt und lenkt, treibt und dehnt, spinnt unendliche Linien, legt aufregende Details frei und entfesselt explosive Triebkräfte. Was da so lustvoll, impulsiv und inspiriert aus dem Augenblick heraus gestaltet wird, ist zugleich technisch bewundernswert sicher umgesetzt: kalkulierte Rauschzustände, präzise Zauberei. Die Sänger werden nie zugedeckt, und das brillant musizierende Festspiel-Orchester folgt Thielemann mit hörbarer Spielfreude.

Anja Harteros ist eine großartige Elsa, immer noch, bleibt aber unter ihren Möglichkeiten. Das ist minutiös durchgestaltet und blitzsauber intoniert – aber der jugendliche Glanz dieser Stimme will an diesem Abend einfach nicht so betörend leuchten, wie man das sonst von ihr kennt. Trotzdem – Weltklasse erreicht Harteros auch an schwächeren Tagen.

Waltraud Meiers letzte Ortrud

Etwas gebangt hatte ich vor Waltraud Meiers Ortrud. Zum letzten Mal singt diese großartige Wagner-Sängerin die Rolle, zum letzten Mal auch in Bayreuth nach 18 Jahren Pause. Zu schade wäre es gewesen, wenn dieses Abschieds-Comeback die schönen Erinnerungen überlagert hätte. Doch Waltraud Meier ist nicht nur eine leidenschaftliche, sondern auch ungewöhnlich kluge Sängerin, die genau weiß, wie sie ihre Kräfte einteilen muss. Und wie intakt ist diese immer noch leuchtende Stimme! Dass am Schluss ein, zwei Spitzentöne verrutschen – geschenkt. Vor dieser großen Darstellerin darf man sich dankbar verneigen.

Einspringer Piotr Beczala - ein Triumph

Wagner "Lohengrin", Bayreuther Festspiele 2018 | Bildquelle: © Enrico Nawrath Piotr Beczala (Lohengrin) | Bildquelle: © Enrico Nawrath

Ein Energiebündel ist Thomasz Konieczny als Telramund – ein Power-Bösewicht, manchmal leicht überzeichnet. Fantastisch dagegen Georg Zeppenfeld als König Heinrich. Auch Einspringer Piotr Beczala feiert einen Triumph – und versöhnt Gegensätze. Seine Stimme verbindet auf einzigartige Weise Leichtigkeit mit Kraft. Sein Tenor strahlt hell – und klingt doch körperhaft, warm und natürlich. Und seine Phrasierung kombiniert italienische Kantabilität mit einem phantastisch textverständlichen Deutsch. Beczalas Kraftreserven sind nicht unerschöpflich, aber wie menschlich und berührend gestaltet er das Scheitern dieses strahlenden Ritters! Jubel für Sänger und Dirigent, überraschend wenige Buhs für die Regie.

Weitere Informationen

Richard Wagner - "Lohengrin"
Bayreuther Festspiele
Premiere: 25. Juli 2018

Georg Zeppenfeld - König Heinrich
Piotr Beczala - Lohengrin
Anja Harteros - Elsa
Tomasz Konieczny - Telramund
Waltraud Meier - Ortrud
Egils Silins - Heerrufer
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele

Yuval Sharon - Inszenierung
Neo Rauch / Rosa Loy - Bühne und Kostüm
Reinhard Traub - Licht
Musikalische Leitung - Christian Thielemann

Sendung: "Allegro" am 26. Juli 2018 ab 6:05 Uhr in BR-KLASSIK

Kommentare (10)

Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Montag, 30.Juli, 13:16 Uhr

Johanna Arnold

Inszenierung Lohengrin

Es wundert mich, daß es keinem Kritiker aufgefallen ist, daß die Symbole bei Lohengrin (Scheibe bei Ankunft des Schwanes) den Symbolen der Vril-Gesellschaft und der SS verdächtig ähnlich sind. So ein Bezug zur Vergangenheit - wie peinlich!

Sonntag, 29.Juli, 22:14 Uhr

Rainer Grass

Lohengrin 2018

Ich weiß nicht, wie viel an Mimik die Bayreuther Zuschauer mitbekommen. Im Fernsehen betrachtet war m.A.n. das Minenspiel besonders der Harteros und der Mayer grandios. Zeppenfeld hat super gesungen und scheint allein durch seine Präsenz alle Rollen auszufüllen, die er übernimmt, Konieczny steht für eine positive Bewertung zu sehr seine Aussprache im Wege, gesanglich nicht mein Geschmack. Wie schon dem vorigen Kommentator auch fand ich den Chor fantastisch. Regie und Bühnenbild, besonders die Kostüme sind in meinen Augen nichtssagend, immerhin nicht übermäßig viel Gekasper. Man kann ja vieles an Wagnerwerken ablehnen, aber es ist ja wohl nach ein paar Hörproben klar, daß hier eine immense Substanz vorliegt. Bedauerlich, daß sich die Festspielleitung immer wieder auf Spielleiter einläßt, die zwar in aller Munde sind, aber diesem Kaliber einfach nicht gerecht werden.

Sonntag, 29.Juli, 10:58 Uhr

Dagmar Born

Lohengrin - Kritik

Mit solchen Verlautbarungen entwickelt sich Theaterkritik zur überflüssigsten Gattung des Journalismus. Überraschend wenige Buhs dafür.
Für mich war dieser Lohengrin ein Geschenk, ein Highlight in der oft trostlosen, provokanten deutschen Inszenierungslandschaft.
Von den einzigartigen, bis ins Innerste berührenden Sängern, über das intelligente, einfühlsame Dirigat bis hin zu der sagenhaften Inszenierung mit kongenialem Bühnenbild und geschmackvoller, dem Werk dienlicher Regie - hat alles zusammen die grandiose Musik perfekt in Szene gesetzt. Danke an alle Beteiligten! Das ist Kunst, das berührt, beflügelt und spricht die Sinne an. Intellektuelle Kommentare sind en vogue. Sie sind morgen vergessen. Diese Musik und diese Bilder aber bleiben in Herz und Erinnerung.

Sonntag, 29.Juli, 10:26 Uhr

Ralf Lepsch

Ampelmännchen

Das "Ampelmännchen" macht einige richtig rasend. Wär doch mal was für die Männergruppe nächste Woche?

Sonntag, 29.Juli, 10:08 Uhr

Iwa Berlin

Rosa who?

Sehr geehrter Herr Bernhard Neuhoff, es wäre die journalistisch Aufgabe gewesen, das der interessierte Leser bereits im Text erfährt, dass die Kostüme nicht vom Malerstar Neo Rauch, sondern von Rosa Loy sind. Sie erwecken im gesamten Text den Eindruck, dass Herr Rauch für die Bühne, Kostüm und in gewisser damit auch für die Art der Inszenierung verantwortlich zu zeichnen ist. Ich wage anzuzweifeln, dass Rosa Loy einen Schwanenritter braucht, der für sie streite – sie bräuchte einzig tatsächlichen Qualitätsjournalismus. In dem Fall wäre der Nutzer sicherlich geneigt für den Mehrwert, des nicht selbst recherchieren zu müssen, zu zahlen.

Donnerstag, 26.Juli, 19:17 Uhr

Detlef Berg

Lohengrin

Trauert Herr Neuhoff Frank Castorf nach, dem Wagner-Hasser, der mit Tumult auf der überladenen Bühne die Musik zudeckte? Das "Ampelmännchen" als Hohn auf das Schlussbild wird sich wohl selbständig machen, wie schon der Kommentar von Herrn Irrlitz zeigt. So ist das mit der Kunst: Sie ist eine Projektionsfläche für den Betrachter. Und wenn dem nichts anderes einfallen kann als Ampelmännchen, na ja.
Ich war froh und dankbar, endlich wieder einmal Wagner im Mittelpunkt der Aufführung zu haben und dann auch noch in dieser wunderschönen Qualität! Die traumhaften Bilder von Rauch sind kongenial zur Oper.
Danke BR4, dass wir die Aufführung noch so lange wieder erleben können!

Donnerstag, 26.Juli, 17:35 Uhr

Manfred Irrlitz

Lohengrin Bayreuth 2018

Die Basis Szenery in einem Umspannwerk kann man noch hinnehmen, obwohl es für einen König wohl etwas dürftig ist. Auch über das Blitzförmige Schwert kann man hinwegsehen. Was aber am Ende als unmöglich bezeichnet werden muß, ist das Grüne Ampelmännchen als jungen Herzog von Brabant. Da hört der Spass auf und man muß trotz einiger gelungener Einfälle wie die Szenerie am Beginn des 2. Aktes, den Regisseur als einen Laien und Dilettanten bezeichnen.
Aber das ist ja in Deutschland heute normal, wenn Inszenierungen geschaffen werden, die keinen Sinn ergeben und das gesungene Wort außer Acht lassen. Es gibt wohl nichts besseres auf dem Regisseur Sektor.

Donnerstag, 26.Juli, 15:26 Uhr

Die Christine Körber

Kritik

Alles in allem sehr gelungen. Personenregie etwas statisch
Die Kostüme waren wie aus einem alten Sciences Fiction Film. Musikalisch der beste Lohengrin seit langem. Das Bühnenbild war gut aber nicht so euphorisch zu loben, wie einige meinen

Donnerstag, 26.Juli, 15:09 Uhr

Georg Schultz

Kritik Lohengrin

Eine Kritik über Lohengrin abzuliefern, in der der Chor von "hausbackenen Gesten"
abgesehen sonst keinerlei Erwähnung findet, ist einfach nur peinlich. Ohne Worte!
Mit bedauerlichen Grüssen
Georg Schultz

Donnerstag, 26.Juli, 11:30 Uhr

Ursula Hundemer

Lohengrin und der Strom

Kein Wunder, dass niemand begriffen hat, was die Symbole, die auf den STROM hinweisen, in dieser Inszenierung zu suchen hatten: Die Menschheit ist dabei, sich durch ihren rückhaltlosen Konsum elektrischer Techniken "die Verbindung" abzuschneiden - zur eigenen Seele wie zu den höhren Ebenen. Die ALPHAWELLEN des menschlichen Gehirns werden durch Langzeit-Wirkungen des Stroms (denen wir alle durch den Hausstrom sowie die mobile Kommunikationstechnik ausgesetzt sind) gestört, verhindert, blockiert, eliminiert - wodurch die Verbindung zwischen den Betawellen (Tagesbewusstsein) sowie den Thetawellen und Deltawellen (Unter- und Unbewusstes) verloren geht = Menschen ohne Seele - die nur noch haben wollen, um ihre innere Leere durch Konsum zu betäuben.
Kein Wunder, dass weder die Kommentatoren, noch die anschliessende Kritikerrunde auch nur ansatzweise begriffen hatte, worum es ging!

Viele Grüße, Ursula Hundemer

    AV-Player